Widerstand gegen Atommüll-Transport Castor unterwegs, Krawalle im Wendland

Langsam arbeitet sich der Atommüll-Zug Richtung Wendland. Je näher er kommt, desto massiver wird der Widerstand. Castor-Gegner blockieren Gleise und Straßen, Polizeiautos brennen. Die Einsatzkräfte reagieren mit Härte. Auch stürmischer Wind könnte die Ankunft der Behälter in Gorleben verzögern.

dapd

Mainz/Gorleben - Der Widerstand gegen den Castor-Transport nimmt zu, lange bevor der Atommüll-Behälter seinem Ziel in Gorleben überhaupt nahe kommt. Im niedersächsischen Wendland setzten nach Angaben der Polizei gewalttätige Atomkraftgegner am Freitag mit Molotowcocktails zwei Streifenwagen in Brand. Wie schon am Vorabend gingen die Einsatzkräfte mit einem Wasserwerfer gegen gewaltbereite Protestler vor und kündigten eine harte Linie an. Der Zug mit hochradioaktivem Atommüll rollte nach einer mehrstündigen Pause weiter durch Deutschland und hat am Freitagabend Hessen erreicht. Gegen 22 Uhr überquerte der Transport nach Angaben der Bundespolizei bei Bürstadt die Landesgrenze, wie die Nachrichtenagentur dapd berichtet.

Die Polizei im Wendland sprach von einem ungewöhnlichen Ausmaß an Aggressivität. "Wir sind schon überrascht, dass es so rustikal zugeht", hieß es. Beamte seien mit Steinen angegriffen worden, sagte ein Polizeisprecher. In einem Waldgebiet an der Castor-Schienenstrecke werden 200 bis 300 Menschen vermutet. Molotowcocktails und Böller seien geflogen. Demonstranten versuchten laut Polizei, Steine aus dem Gleisbett an der Castor-Schienenstrecke zu entfernen.

Am Freitagabend gerieten dann erneut Protestler und Polizisten aneinander. Wie ein Reporter der Nachrichtenagentur dapd berichtete, umstellte die Polizei ein für autonome Gegner des Castor-Transports bekanntes Camp in Örtchen Metzingen (Kreis Lüchow-Dannenberg). Die Aktivisten warfen mit Flaschen, Steinen und Holzpfählen. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein.

Proteste auch andernorts: Im pfälzischen Haßloch protestierten nach Angaben der Initiatoren 200 bis 300 Castor-Gegner. Sie gingen auf die Gleise, um den Zug mit Sitzblockaden zu stoppen. Der Zug musste deswegen am frühen Freitagabend einen außerplanmäßigen Halt einlegen. Er wurde zwischen Neustadt an der Weinstraße und Haßloch gestoppt. Nachdem die Polizei die Schienen "weitgehend friedlich" geräumt hatte, fuhr der Zug in Richtung Hessen weiter. Die Polizei nahm etliche Protestler in Gewahrsam und sprach eine große Zahl von Platzverweisen aus, wie ein Polizeisprecher berichtete.

Pfefferspray gegen Atomkraftgegner

In Neunkirchen im Saarland hatte die Polizei früher am Freitag sieben Jugendliche gestoppt, die auf die Gleise stürmten. Vorher war von neun Jugendlichen die Rede gewesen. Gegen eine 41-Jährige werde wegen Widerstands gegen die Polizei ermittelt. In Speyer protestierten rund 150 Atomkraftgegner.

Fotostrecke

20  Bilder
Atommüll-Zug: Widerstand gegen den Castor-Transport
Der Castor-Transport hatte am Freitagmorgen die französisch-deutsche Grenze bei Saarbrücken passiert. In Neunkirchen im Saarland legte er mehr als fünf Stunden Pause ein. Dann wurden Polizisten ausgetauscht, die Lok gewechselt und Strahlen gemessen. Die Gesellschaft für Nuklear-Service in Essen und Gorleben teilte mit, es gebe nachweislich keine Grenzwertüberschreitungen beim Castor-Transport.

Zum Auftakt der Proteste im Wendland hatte die Polizei bereits am Donnerstagabend Wasserwerfer und Pfefferspray gegen Atomkraftgegner eingesetzt. Etwa 800 bis 1000 Protestteilnehmer hatten nach Polizeiangaben eine Bundesstraße in Metzingen blockiert. Vermummte hätten die Beamten mit Pyrotechnik, Flaschen, Steinen, Farbbeuteln und Eiern beworfen. Elf Polizisten und mehrere Demonstranten seien verletzt, fünf Protestierer festgenommen worden.

Polizei rechtfertigt Einsatz, Grüne und Linke fordern Zurückhaltung

Die Polizei verteidigte den Einsatz. "Straßenblockaden werden nicht mehr hingenommen", sagte der Sprecher der Bundespolizei, Fabian Hüppe. Der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut, forderte ein Ende der Gewalt. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, sagte der Online-Ausgabe der "Bild": "Die Bundespolizei ist konsequent eingeschritten. Sie hat klargemacht: Rechtsbruch wird nicht geduldet! Die Härte der Maßnahmen ist in jeder Hinsicht gerechtfertigt."

Anti-Atom-Organisationen sprachen von einer Machtdemonstration der Polizei. Grüne und Linke riefen die Sicherheitskräfte zur Zurückhaltung auf. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im EU-Parlament, Rebecca Harms, sagte der "tageszeitung": "Es hat im Wendland über viele Jahre die Strategie der Deeskalation gegeben. Das jetzt aufzukündigen, dafür sehe ich keine Begründung." Der Protest im Wendland habe sich immer zum Prinzip der Gewaltlosigkeit bekannt. "Ich fordere die Polizei nun auf, hier nicht weiter zu eskalieren."

Der Fraktionschef der Linksfraktion im Bundestag, Gregor Gysi, sagte der "taz", die Bevölkerung habe ein Recht zur Demonstration und zum Widerspruch. Die Polizei habe dieses Recht Gysi zufolge wiederum nicht nur zu dulden, sondern müsse es eigentlich fördern. "Doch statt zu deeskalieren, eskaliert sie die Situation - angetrieben von den politisch Zuständigen", sagte der Linken-Politiker weiter.

Sturmtief mit Winden der Stärke acht und neun

Neben den Aktionen von Atomkraftgegnern könnte auch ein durchziehendes Sturmtief den Transport verzögern. Starke Böen würden nämlich das Umladen der elf Atommüllbehälter in der Verladestation Dannenberg unmöglich machen. Sowohl der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach als auch das Hamburger Institut für Wetter- und Klimakommunikation bestätigten, dass für Samstag und Sonntag im Wendland Winde der Stärken acht und neun zu erwarten sind.

"Ab Stärke sieben ist das Umladen der Behälter einzustellen," erklärte ein Sprecher der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) als Betreibergesellschaft des Zwischenlagers Gorleben. Winde seien für die Verladung derart gefährlich, dass es an der Umladestation im Wendland "extra einen Windmesser" gebe. Wenn es zu stürmisch sei, dann sei das Rezept klar: "Dann können wir nur warten, bis sich der Wind legt."

Der Castor-Transport ist der letzte mit hochradioaktiven Abfällen aus der Wiederaufbereitung deutscher Brennelemente in La Hague in Frankreich nach Gorleben in Niedersachsen. Der Transport des Atommülls dorthin ist seit vielen Jahren umstritten. Umweltschützer halten den Salzstock an der früheren DDR-Grenze für zu unsicher, um hier den Müll für immer in rund 800 Metern Tiefe zu lagern. Das Zwischenlager, wo der Müll bis zur Endlagerung abkühlen soll, liegt in der Nähe des Salzstocks.

phw/bos/dpa/dapd



insgesamt 141 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
go2dive 25.11.2011
1. ????
Und für oder gegen was wird denn jetzt noch randaliert und Steuergelder verschwendet? Der Atomausstieg ist beschlossen!!! Und irgendwohin muss das Zeug noch, was bis dahin anfällt. Ich habe noch keinen Alternativvorschlag der Protestierer zum jetzigen Vorgehen gehört oder gelesen...
backtoblack 25.11.2011
2. Sinnentleert
Zitat von go2diveUnd für oder gegen was wird denn jetzt noch randaliert und Steuergelder verschwendet? Der Atomausstieg ist beschlossen!!! Und irgendwohin muss das Zeug noch, was bis dahin anfällt. Ich habe noch keinen Alternativvorschlag der Protestierer zum jetzigen Vorgehen gehört oder gelesen...
Was soll diese sinnentleerte Diskussion. Auch wenn der Atomausstieg beschlossen ist, heisst das nicht, dass das Wendland zum Atomklo der Nation deklariert wird. Noch nie was von den lecken Fässern in der Asse gehört der davon, dass die bereits angelieferten Behälter in Gorleben in einer Halle strahlend dahindümpeln? Nein, jede Demonsttration, jede Blockade im Wendland ist mehr als berechtigt. Man kann vor dem Engagement Demonstranten nur den Hut ziehen.
kabelfritze 25.11.2011
3. Einfach
Zitat von go2diveUnd für oder gegen was wird denn jetzt noch randaliert und Steuergelder verschwendet? Der Atomausstieg ist beschlossen!!! Und irgendwohin muss das Zeug noch, was bis dahin anfällt. Ich habe noch keinen Alternativvorschlag der Protestierer zum jetzigen Vorgehen gehört oder gelesen...
Die Alternative wird seit 2005 praktiziert, seit keine abgebrannten BE mehr in die Wiederaufbereitung gehen.
almeo 25.11.2011
4.
Zitat von go2diveUnd für oder gegen was wird denn jetzt noch randaliert und Steuergelder verschwendet? Der Atomausstieg ist beschlossen!!! Und irgendwohin muss das Zeug noch, was bis dahin anfällt. Ich habe noch keinen Alternativvorschlag der Protestierer zum jetzigen Vorgehen gehört oder gelesen...
Herzlichen Glückwunsch, sie haben die Problematik erkannt! Das Abschalten der AKWs ist eigentlich nur eine Begleiterscheinung des tatsächlichen Problems. Niemand weiß eben wohin mit dem Müll! Etwas zehntausende Jahre sicher zu lagern geht einfach über die Fähigkeiten der Menschheit hinaus, deswegen gibt es auch keine Alternativvorschläge. Denn - es gibt eben keine Möglichkeit! So lange man den Kram nicht ins All schießt (und Gott bewahre uns vor einer "Atomchallenger-Katastrophe"!), wird er immer ein Problem bleiben. Bei den Halbwertszeiten ist es auch völlig egal ob neuer Müll nachkommt oder man sich nur mit den Brennstäben der vergangenen 50 Jahre herumschlagen muss. ICH möchte den Kram auch nicht unter meinem Keller liegen haben und kann die Proteste gut verstehen. Die Diskussion über verschwendete Steuergelder ist da irgendwie verfehlt, spätestens wenn der Kram in Ihrem Trinkwasser auftaucht. Abgesehen davon, dass die Lagerung wohl das zehntausendfache eines Polizeieinsatzes kosten wird. Würde man den Atommüll unter den Häusern derer lagern, die zur Vernunft und Zurückhaltung mahnen, stünden diese als "Wutbürger" wohl sehr schnell mit dem Baseballschläger in erster Reihe...
glaubblosnix 25.11.2011
5. Gähn...
Zitat von almeoHerzlichen Glückwunsch, sie haben die Problematik erkannt! Das Abschalten der AKWs ist eigentlich nur eine Begleiterscheinung des tatsächlichen Problems. Niemand weiß eben wohin mit dem Müll! Etwas zehntausende Jahre sicher zu lagern geht einfach über die Fähigkeiten der Menschheit hinaus, deswegen gibt es auch keine Alternativvorschläge. Denn - es gibt eben keine Möglichkeit! So lange man den Kram nicht ins All schießt (und Gott bewahre uns vor einer "Atomchallenger-Katastrophe"!), wird er immer ein Problem bleiben. Bei den Halbwertszeiten ist es auch völlig egal ob neuer Müll nachkommt oder man sich nur mit den Brennstäben der vergangenen 50 Jahre herumschlagen muss. ICH möchte den Kram auch nicht unter meinem Keller liegen haben und kann die Proteste gut verstehen. Die Diskussion über verschwendete Steuergelder ist da irgendwie verfehlt, spätestens wenn der Kram in Ihrem Trinkwasser auftaucht. Abgesehen davon, dass die Lagerung wohl das zehntausendfache eines Polizeieinsatzes kosten wird. Würde man den Atommüll unter den Häusern derer lagern, die zur Vernunft und Zurückhaltung mahnen, stünden diese als "Wutbürger" wohl sehr schnell mit dem Baseballschläger in erster Reihe...
... immer wieder diese Langweiler wie Sie. Atomkraftbefürworter sollen doch den Müll in in ihrem eigen Garten verbuddeln. Ja, ich mach das wenn es die Geologie meines Gründstückes erlaubt und die Strahlenbelastung unterhalb meiner Badezimmerkacheln aus Kobalt liegen. Im Gegenzug stellen Sie sich bitte aber ein 150 Meter hohes Windrad in den Garten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.