Widerstand gegen S21 Im Stuttgarter Kessel brodelt's

Stresstest bestanden, von Gutachtern besiegelt - doch damit ist der Konflikt um Stuttgart 21 noch lange nicht ausgestanden, glaubt Josef-Otto Freudenreich. Denn die Schwaben werden nicht einfach nach Hause gehen. Sie brauchen eine Perspektive für ihre neue Demokratielust.

Demonstranten gegen Stuttgart 21: Was passiert mit der Protestbewegung?
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Demonstranten gegen Stuttgart 21: Was passiert mit der Protestbewegung?


Der Schwabe will nicht unter Niveau belogen werden. Dass er "hählinga" (auf hochdeutsch: heimlich) hintergangen wird: in Ordnung. Das hat er während 58 Jahren CDU-Regierung gelernt und sich genau so "hählinga" dagegen gewehrt. Aber dass er für dumm verkauft werden soll, ohne katholische Scheinheiligkeit und pietistische Skrupel, das trifft den Nerv, der zuckt, wenn ihm offen bedeutet wird: Du zählst nix.

Dann wird er aufsässig und tut etwas, was seinem Naturell zutiefst zuwider ist: Er verachtet die Obrigkeit, muckt auf oder beschädigt sogar fremdes Privateigentum.

Die CDU, die mit ihr verbandelten Wirtschaftskreise und die Deutsche Bahn haben bei Stuttgart 21 das Kunststück fertig gebracht, viele Schwaben soweit zu treiben. Sie haben ihnen Fortschritt, Modernität und Zukunft versprochen - und ernten dafür Hohn, Spott und Zorn, weil sie nicht sagen können, was das denn eigentlich bedeuten soll. Nicht in Zahlen, die mal so, mal so sind, nicht in Werten, die mal "Jahrhundertchance", mal "das neue Herz Europas" heißen. Klar ist nur, dass die Verträge in den Hinterzimmern der Politik abgeschlossen, von offensichtlich ahnungslosen Volksvertretern abgesegnet und von Chefredakteuren als Wohltat für das Land gepriesen wurden.

Das hat die Menschen zu Zehntausenden auf die Straße getrieben. Die Perlenkettenwitwe vom Stuttgarter Killesberg genauso wie den Hartz-IV-Bezieher vom Hallschlag, die Architekten, Ingenieure, Juristen und kleinen Unternehmer, die alle unter demselben Logo auftreten: gegen S21 und für ein neues Stuttgart. In ihnen hat sich eine Stadt gefunden, die nicht mehr für die biedere Gemütlichkeit steht, sondern für den Aufruhr. Dadurch ist ein neues Selbstbewusstsein entstanden, eine neue Identität, die in der Welt draußen aufmerksam registriert wurde. "Du kommst aus Stuttgart, der Hauptstadt des Widerstands?" - wer hört das nicht gerne und gerne immer wieder?

Stuttgarter Aufbruch

Wer in der Stadt lebt, spürt diesen Aufbruch, der sich, politisch emanzipiert und privat kreativ, nicht im Wahlzettel und in der Erfindung einer neuen Einspritzpumpe für den Mercedes oder den Porsche erschöpft. Hier gibt es Volksversammlungen vor dem Rathaus, bei denen Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Verkehrsminister Winfried Hermann (beide Grüne) in die Mangel genommen werden, weshalb die SPD (die Urlaubsvertretung der CDU) dort gar nicht erst erscheint. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist und Verleger Jakob Augstein spricht zurecht von einem "Labor Baden-Württemberg", in dem sich künftige gesellschaftliche Entwicklungen wie unter der Lupe betrachten lassen.

Und jetzt kommt an diesem Freitag die öffentliche Stresstest-Präsentation. Wer glaubt, hier ginge es nur um Fahrpläne, Tunnels und unterirdische Bahnsteige, der irrt. Hier geht es um demokratische Teilhabe, um die Glaubwürdigkeit der politischen und wirtschaftlichen Klasse - und die Frage nach dem Danach. Im Stuttgarter Kessel brodelt's, und je näher der Bau des Tiefbahnhofs rückt, desto mehr steigt der Druck. Niemand kann heute einschätzen, wie er sich entladen wird, ob er in Resignation oder Radikalität mündet, ob die Aufspaltung in gute und böse Demonstranten (von Schlichter Heiner Geißler Schmuddelkinder genannt) das Problem nicht erst recht noch verschärft. Dieser Freitag, an dem die einen im Rathaus sind und die anderen davor, wird viel darüber aussagen.

Doch wie immer dieser Tag enden wird, es bleibt die Notwendigkeit, dem Protest eine Perspektive zu weisen, die den Aufbruch aufnimmt und in konkrete Projekte der Partizipation umsetzt. Bahnhof rauf oder Bahnhof runter: Die Schwaben wollen schaffen, also lasst sie in ihrem Labor tüfteln! Sie nach Hause zu schicken, wie es viele Kommentatoren verlangen, ist schon den Preußenkönigen - "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" - eingefallen. Das war vor mehr als 200 Jahren.

Josef-Otto Freudenreich war bis 2010 Chefreporter der "Stuttgarter Zeitung", inzwischen verantwortet er das Online-Portal "Kontext:Wochenzeitung"

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insgesamt 259 Beiträge
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Seite 1
pwbaumann 29.07.2011
1. chaoten
Zitat von sysopStresstest bestanden, von Gutachtern besiegelt - doch damit ist der Konflikt um Stuttgart 21 noch lange nicht ausgestanden, glaubt Josef-Otto Freudenreich. Denn die Schwaben werden nicht einfach nach Hause gehen. Sie brauchen eine Perspektive für ihre neue Demokratielust. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,777163,00.html
demokratielust ??? bei den sog. s21gegnern? da werden alle demokratischen prozesse mit füssen getreten - mit lust. jahrelange entscheidungsprozesse und demokratische wahlen werden ignoriert, rattenfänger haben das sagen innerhalb der (gewaltsamen) gegner. den ausdruck demokratie im zusammenhang mit diesen kreisen zu nennen ist ein hohn!
großwolke 29.07.2011
2. .
Ohje... da sucht mal wieder jemand Bedeutung, wo keine ist. Simpel denken, simpel schreiben, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Geschriebene Sinn ergibt. Ohne neue Einsichten die Andeutungen alter Fakten mit langweiligem Pathos zu vermischen, das gibt eine Mischung, die zumindest bei mir den Eindruck hinterlässt, gerade Lesezeit verschwendet zu haben.
nomadas 29.07.2011
3. Dran bleiben
"Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder, geh doch in die Oberstadt, mach`s wie deine Brüder"! Das war einst FJD, das kennt der Heiner noch zu gut! Doch, das hilft heute nichts. Die Schmuddelkinder von heute kommen von Sillenbuch und Bopser, lieber Heiner, das ist die Oberstadt. Nein, so wird man keinen Schritt vorwärts kommen. Man sollte die DB einfach mal fragen, was sie z.B. für ein Sicherheitskonzept für den Tunnel hat und was es kosten soll. Und was man sich eigentlich dabei denkt, in Zeiten immer perfider werdenden Einzel-terrorismus. Will die DB sich da nur rausstehlen, mit dem lapidaren Spruch: 100% Sicherheit gibt es nicht? Nein, das soll bitte keine Panikmache sein, kein Spiel mit den Ängsten. Im Gegenteil, das gehört in das klassische Szenariobusiness heutiger Tage: worst case nennt man das, gell Herr Grube! So ein Tunnel ist ein Top-Anschlagsziel, in der Welthauptstadt des Automobils. Und bitte, mister Grube, wenn ihr Ex-Kollege Zetsche dann noch seine Autos eines Tages fliegen lassen will, dann, ja dann fährt eh keiner mehr mit ihrer Eisenbahn!
Evolvente 29.07.2011
4. Hat man...
...es sich erstmal mit einem Schwaben verscherzt, so wird man diesbezüglich nie wieder auf einen grünen Zweig kommen.
Gkrmbl 29.07.2011
5. Wo will der Autor hin?
Dieser Text ist seltsam. Auf eine klare und meines Erachtens zutreffende Analyse der Situation folgt ein irritierender Schlußabsatz. Ich fasse zusammen: Wir sind belogen worden, und zwar so drastisch und dreist, daß es selbst die CDU-Wähler gemerkt haben, und jetzt, hm, jetzt muß man halt mal schauen wie es ausgeht, und wie man die aufgewachten Leute beschäftigt, bis sie endlich wieder einschlafen. Das klingt so nach therapeutischem Töpfern... Das Problem sind nicht die brodelnden Schwaben, das Problem ist dieses Projekt, das teuer, undurchdacht, sinnlos und gefährlich ist. Ich würde GERN wieder heim zum Blumengießen und Straße kehren, wirklich, aber wenn man das alles mal weiß, kann man es einfach nicht zulassen. Da hilft auch keine Töpferstunde zum Energien ablassen.
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