Widerstand im Wendland: Castor-Gegner ketten sich an Beton-Pyramide

Der Castor-Behälter hat den Rangierbahnhof bei Hamburg verlassen, doch die Ankunft dürfte sich weiter verzögern: Atomkraftgegner haben sich an einer Betonpyramide auf den Gleisen angekettet. Im Wendland wurden bislang 1300 Demonstranten in Gewahrsam genommen.

Castor-Transport: Betonpyramide und Handschellen Fotos
REUTERS

Hamburg - Castor-Gegner blockieren nach wie vor die Gleise im Wendland. Nach Auflösung der bisher größten Sitzblockade bei Harlingen mit etwa 3000 Aktivisten in der Nacht zu Sonntag müssen die Polizeibeamten nun eine kleinere Blockade von Atomkraftgegnern bei Hitzacker, vier Kilometer vor der Castor-Verladestation in Dannenberg, auflösen. Dort und auch bei Vastorf östlich von Lüneburg haben sich noch einzelne Aktivisten an die Gleise gekettet.

Inzwischen haben sich weitere zwei Gruppen von Atomkraftgegner zu den Blockieren gesellt, die in Abständen von etwa hundert Metern in beiden Richtungen die Schienen besetzen. Gegen 11 Uhr waren bereits bei Hitzacker etwa hundert Atomkraftgegner auf den Gleisen.

An die Pyramide, in deren Innerem sich eine betonähnliche Mischung befinden soll, haben sich vier Menschen der Bäuerlichen Notgemeinschaft angekettet. Die Notgemeinschaft ist eine von Landwirten getragene Interessenvertretung aus dem Wendland. "Wir sind darauf vorbereitet, länger zu bleiben. Wir machen das nicht das erste Mal", sagte Georg Janßen von der Bäuerlichen Notgemeinschaft.

Die Pyramide zieren auf gelbem Hintergrund Schriftzüge der großen deutschen Energiekonzerne. Ein Mitarbeiter der Polizei sagte vor Ort mit Blick auf die Pyramide: "Hier in Hitzacker stehen wir vor einer neuen, schwierigen Situation." Die Polizei hat das Gebiet um die Konstruktion im Abstand von fünf Metern gesperrt.

In Vastorf östlich von Lüneburg waren am Sonntagmittag nach wie vor eine Frau und drei Männer an die Schienen gekettet. Die Aktivisten dort gaben an, keiner Organisation anzugehören. Sie bezeichneten sich vielmehr selbst als "unabhängige Aktivisten". Sie hatten sich kurz nach Mitternacht bei Vastorf festgemacht.

"Exzessive Gewaltbereitschaft"

Die Weiterfahrt des Castor-Zuges dürfte sich deutlich verzögern. Am Samstagabend hatte der Zug in Maschen bei Hamburg Halt gemacht. Nach Angaben der Blockierer stand er dort am Sonntagvormittag immer noch, rollte erst nach 13.30 Uhr wieder los. Der Zug mit den elf Castor-Behältern muss zunächst nach Lüneburg fahren, um von dort aus über eine 60 Kilometer lange eingleisige Schienenstrecke nach Dannenberg zu fahren.

In Dannenberg werden die Castoren auf Lastwagen umgeladen, welche die Behälter über die letzten 19 Kilometer auf der Straße zum Zwischenlager Gorleben bringen sollen. Auch für den Straßenabschnitt haben die Castor-Gegner Blockaden angekündigt.

Der Lüneburger Polizeipräsident Friedrich Niehörster hat die zunehmende Gewaltbereitschaft bei den Protesten gegen den Castor-Transport beklagt. Laut "Welt am Sonntag" berichtete der für den Transport verantwortliche Niehörster einer Gruppe niedersächsischer Landtagsabgeordneter, dass Polizisten zum Beispiel mit Golfbällen beworfen worden seien, die zuvor mit Nägeln präpariert worden waren. In einem Waldstück nahe Metzingen sei eine Polizistin, die sich allein in einem Einsatzwagen befand, mit Molotow-Cocktails bedroht worden.

Niehörster berichtete auch von Brandanschlägen auf Kabelschächte der Bahn und von angesägten Bäumen, die auf Polizeiautos gestürzt werden sollten. Insgesamt gebe es in Teilen der Protestszene eine "exzessive Gewaltbereitschaft", zitierte die Zeitung Niehörster weiter. Dafür ließen sich "offenbar immer mehr Menschen gewinnen".

"Polizeieinsatz ist absolut überzogen"

Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth hat hingegen das Vorgehen der Polizei scharf kritisiert. "Der Polizeieinsatz ist absolut überzogen. Er ist ein Anschlag auf die Demokratie", sagte sie am Sonntag beim Bundesparteitag in Kiel. Blockaden seien für sie Ausdruck des zivilen Ungehorsams.

Roth und andere Delegierte wollen am Nachmittag nach Abschluss des Parteitags selbst nach Gorleben fahren. Mindestens 3000 Demonstranten hatten dort in der Nacht zu Sonntag auf den Bahngleisen der Castor-Strecke ausgeharrt, um dem Atommüll-Transport den Weg zu versperren.

Größere Zwischenfälle blieben bislang aus. Manchem Aktivist setzte die Nacht jedoch zu: Eine junge Frau erlitt einen Schwächeanfall. Sie wurde von Sanitätern weggetragen. Nach der Räumung zeigte sich zudem: Einige Aktivisten haben auf einer Länge von zehn Metern die Bahnschienen unterhöhlt. Fast hat es den Anschein, als schwebten die Betonschwellen. Die Bahn muss die Gleise wieder reparieren. Erst dann kann der Atommüll die Strecke passieren.

Als die Schienen gelöst sind, finden Polizisten außerdem noch einige Metallketten und "Hemmschuhe" an den Gleisen, die Schienenfahrzeuge abbremsen. Sie werden mit Bolzenschneidern entfernt. Übrig bleiben nur noch jede Menge Alufolie und Säcke aus Stroh. Sie hatten in der Nacht noch für Wärme unter den aktiven Atomkraft-Gegnern gesorgt.

jjc/dapd

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insgesamt 217 Beiträge
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    Seite 1    
1. gähn
deltametro2 27.11.2011
gähn
2. gerne mehr
frankfurtstyle 27.11.2011
Ich hoffe es ketten sich noch mehr Castor-Gegner an die Beton-Pyramide... der Winter ist noch lang.. :)
3. Progressiv
VPolitologeV 27.11.2011
Vielleicht werde ich im Alter konservativ, aber Frau Roths Aussagen wirken auf mich intellektuell subkomplex.
4. Kriminelle Idioten
audio2000 27.11.2011
Zitat von sysopAtomkraftgegner haben sich an einer Betonpyramide auf den Gleisen angekettet.
Ja und? Wenn es den Castor-Gegner Spass macht, von mir aus können sie auch für immer dort angekettet bleiben. Wenn die Gegner beim Volksentscheid in Stuttgart scheitern sollten, gibt es wenigtens weniger Randlierer hier im Süden. Aber warum berichtet SPON eigentlich immer über das lächerliche Kasperle-Theater der Castor-gegner? Warum nicht mal darüber berichten, wie die Grünen zu den Euro-Bonds stehen? Das würde mich wirklich interessieren. Schließlich will Trittin ja Finanzminister von Deutschland werden und unbedingt Euro-Bons einführen und die Steuern erhöhen. Was die kriminellen Knallköpfe in Gorleben machen ist mir egal, hauptsache sie kommen schnell hinter Gitter.
5. ....
M. Michaelis 27.11.2011
Ganz einfach. Die Kosten der Blockieraktionen auf die Blockierer umlegen.
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Castor-Lexikon
Castor-Behälter
dpa/dpaweb
Die Castor-Behälter wurden speziell für den Transport und die Zwischenlagerung von hoch radioaktiven Abfällen entwickelt. Die Castoren sind etwa sechs Meter lang und haben einen Durchmesser von mehr als zwei Metern. Beladen wiegt ein Behälter etwa 117 Tonnen. Die Castoren sind mit einer Neutronenabschirmung und speziellen Dichtungen ausgestattet. Die gusseisernen Behälter werden mit zwei Deckeln verschlossen. Die Gesamtwärmeleistung des Atommülls pro Behälter beträgt 56 Kilowatt - ein Heizstrahler hat rund zwei Kilowatt.
Castor-Transport
AP
Wenn der 13. Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben ankommt, wird der 600 Meter lange Schwerlastzug aus dem französischen La Hague rund 1200 Kilometer zurückgelegt haben. Elf Castor-Behälter werden transportiert. Darin sind 28 Glaskokillen mit hoch radioaktiven Abfällen aus deutschen Atomkraftwerken enthalten. Es ist der letzte Transport von Frankreich nach Gorleben, ab 2014 soll jedoch Atommüll aus Großbritannien eingelagert werden.
Endlager
DPA
Der Strahlenmüll der Republik könnte im Wendland unter die Erde gebracht werden: 1977 gab der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) die Erkundung des Salzstocks Gorleben als Endlager bekannt - seitdem wird erkundet, ob sich dort Atommüll für Zehntausende Jahre sicher lagern lässt (siehe Chronik). Das Erkundungsbergwerk liegt wenige hundert Meter vom Zwischenlager entfernt - in den Stollen lagert bisher kein Atommüll. Anwohner und Politiker protestieren gegen ein mögliches Endlager in Niedersachsen. Laut Grünen war der Auswahlprozess in den siebziger Jahren manipuliert, Gorleben scheide damit als Kandidat aus.
Schottern
dapd
Die Gruppe "Castor? schottern!" will auch in diesem Jahr das Gleisbett der Transportstrecke abtragen - und damit den Transport der Castoren behindern. Das ist illegal, trotzdem rechnen die Organisatoren wieder mit einer hohen Zahl an Teilnehmern. Wo und wann die Aktionen stattfinden, wird im Vorfeld geheim gehalten.
Verladebahnhof
dpa
Der Castor-Transport aus dem französischen La Hague kommt nur bis Dannenberg auf Bahngleisen - danach müssen die Behälter auf Schwertransporter umgeladen werden, und die letzten 20 Kilometer auf der Straße zurückzulegen.
Zwischenlager
dpa
Südwestlich der Ortschaft Gorleben liegt ein 15 Hektar großes, von einem Erdwall und einem Betonzaun umschlossenes Areal: Das Atommüll-Zwischenlager. Hier wird strahlender Abfall über Jahrzehnte hinweg provisorisch abgestellt, weil er "abkühlen" muss. Das Zwischenlager beherbergt ein Abfalllager mit schwach und mittel radioaktivem Atommüll, eine Anlage zur Behandlung des Mülls und das Transportbehälterlager. Dort soll der Castor-Transport enden. An den Seiten der Halle strömt kühlende Luft ein, die von den heißen Atomüllbehältern erwärmt wird und über Öffnungen im Dach wieder austritt. Die Halle darf maximal 420 Behälter für längstens 40 Jahre aufnehmen. Rund 100 Behälter mit Atommüll stehen dort derzeit.