AKK-Kandidatur für CDU-Vorsitz Ich bin übrigens auch noch da

Friedrich Merz gilt vielen als Favorit auf den CDU-Vorsitz - doch nun kommt Annegret Kramp-Karrenbauer aus der Deckung. Ihre Nähe zu Angela Merkel ist dabei Fluch und Segen zugleich.

CLEMENS BILAN/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

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So viele Kamerateams und Fotografen hat die saarländische Landesvertretung in der Hauptstadt kaum je gesehen. Warum auch? Seitdem Oskar Lafontaine 1999 aus der rot-grünen Regierung flüchtete - und die saß damals noch in Bonn -, hat das kleine Land im Westen der Republik auf der Bundesbühne wenig Schlagzeilen gemacht.

Aber nun will die Saarländerin Annegret Kramp-Karrenbauer CDU-Chefin werden. Die 56-Jährige erklärt sich an diesem Mittwoch in der Saar-Botschaft am Berliner Tiergarten erstmals ausführlich in dieser Sache.

Kramp-Karrenbauer, politischer Rufname AKK, muss sich allerdings auch erst mal an die Aufmerksamkeit gewöhnen, die sie plötzlich genießt. "Nur die Ruhe", sagt sie.

Schon länger war ja vermutet worden, dass AKK Merkels Nachfolge in der Partei - und vielleicht später auch im Kanzleramt - anstrebt. Als Merkel die damalige saarländische Ministerpräsidentin im Februar überraschend als CDU-Generalsekretärin nominierte, wurde es auch für die Öffentlichkeit sichtbar.

Dennoch gilt im Moment nicht AKK als Favoritin auf den Parteivorsitz, sondern der Politik-Rückkehrer Friedrich Merz.

Der frühere Unionsfraktionschef überrumpelte nicht nur die Generalsekretärin und den dritten aussichtsreichen Bewerber, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, als er nicht einmal 30 Minuten nach Merkels Ankündigung im CDU-Präsidium am Montag vergangener Woche seinen Hut in den Ring warf - sondern er führt derzeit auch in der inoffiziellen parteiinternen Beliebtheitsskala. Vor allem diejenigen, die sich nach Merkel einen Gegenentwurf an der Spitze ihrer Partei wünschen, sind für Merz entbrannt.

Merz hat seine Bewerbung bereits am vergangenen Mittwoch bei einem Kurzauftritt in der Berliner Bundespressekonferenz erklärt, Spahn tat dies kurz darauf per "FAZ"-Gastbeitrag und einem Social-Media-Video. Die Pressekonferenz von Kramp-Karrenbauer steht an diesem Mittwoch deshalb auch unter dem inoffiziellen Motto: Hallo, ich bin auch noch da!

Und im Kern geht es um die Frage: Wie viel Merkel steckt in Kramp-Karrenbauer?

Gleich zu Beginn ihres knapp 40-minütigen Auftritts geht es um Merkel: AKK spricht über die gemeinsamen Erlebnisse, die Prägung durch die Kanzlerin, und darüber, wie viel die CDU ihrer Nochvorsitzenden zu verdanken habe.

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Ja, sagt sie zu Merkel - und dann kommt das Aber. Ihre Erfahrung sei, "dass man immer, im Positiven wie im Negativen, auf den Schultern seiner jeweiligen Vorgänger steht". AKK betont: "Die entscheidende Frage ist, was man aus dem, was man erhalten hat, Neues und Besseres für die Zukunft macht".

Es ist ein ziemlicher Spagat, den Kramp-Karrenbauer da zu leisten hat. Denn Merkel hat ja immer noch viele Fans in der CDU - und die würden es ihr erst recht übel nehmen, wenn sie nun wirklich auf Distanz zur Nochvorsitzenden ginge. Aber AKK muss eben auch zeigen, was sie anders machen will.

Sie will mehr europäische Vernetzung in der Kriminalitätsbekämpfung

Bei einem Thema deutet Kramp-Karrenbauer an, wie das gehen könnte: Im Bereich Sicherheit, wo die AfD die CDU wie beim Thema Migration besonders piesackt, will sie auf europäische Lösungen hinarbeiten, der Schengenraum soll auch in der Kriminalitätsbekämpfung ein gemeinsam genutzter Raum der Mitgliedsländer werden.

In der Flüchtlingspolitik wiederum will sie keineswegs Debatten abwürgen, die aus ihrer Sicht bestehenden Defizite wie bei der Ausweisung von Straftätern beheben. Gleichzeitig stellt sie klar - und das ist dann genauso ein Bekenntnis zu Merkel wie eine Abgrenzung vor allem zu ihren Mitbewerbern: "Was 2015 passiert ist, ist ein Fakt - und wird nicht rückabgewickelt."

Kämpfen will AKK, das zeigt dieser Auftritt - aber sie will keine alten Schlachten schlagen.

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Zeit hat sie ja genug in den kommenden Wochen: Bis zum Parteitag in Hamburg lässt Kramp-Karrenbauer ihr Amt als CDU-Generalsekretärin ruhen, auch die Antragskommission wird sie anders als geplant nicht leiten. Diese Aufgabe übernimmt Ex-Innenminister Thomas de Maizière.

Andererseits hat sie auch eine Riesenaufgabe vor sich: Kramp-Karrenbauer muss es in dem verbleibenden Monat schaffen, die Partei von sich zu begeistern. Und das wird diesmal nicht so leicht wie im ersten Anlauf. 98,9 Prozent der Delegierten wählten sie auf dem CDU-Parteitag im vergangenen Februar zur neuen Generalsekretärin, ihre Bewerbungsrede wurde mit minutenlangem Beifall begleitet. Sie war eine Verheißung auf die Nach-Merkel-Zeit - aber die würde noch länger auf sich warten lassen, wie man damals glaubte.

Plötzlich ist Merz die Verheißung

Nun ist es anders gekommen - und die aktuelle Verheißung nennt sich Friedrich Merz. Kramp-Karrenbauer wird versuchen, ihre Vorzüge auszuspielen, auch das deutet sie am Mittwoch an: Kaum jemand kennt die gegenwärtige Verfassung der CDU so gut wie sie, nachdem sie als Generalsekretärin ein halbes Jahr an der Parteibasis auf "Zuhörtour" unterwegs war.

Die Partei müsse künftig auch bei Regierungsentscheidungen mehr gehört werden, sagt AKK in der saarländischen Landesvertretung. Dazu kommt ihre exekutive Erfahrung als langjährige Regierungschefin und zuvor Ministerin in verschiedenen Ressorts. Und Kramp-Karrenbauer hat als Spitzenkandidatin Wahlen gewonnen. Zuletzt holte sie im Saarland im März 2017 inmitten des durch den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Martin Schulz ausgelösten SPD-Höhenflugs fast 41 Prozent der Stimmen.

Im Video: CDU-Politikerin Kramp-Karrenbauer

Dagegen erscheint Merz politisch dann manchem doch wieder ziemlich klein. Und Kramp-Karrenbauer wird es sich nicht nehmen lassen, das auf mehr oder weniger subtile Weise weiterhin deutlich zu machen.

Natürlich würde sie im Falle ihrer Wahl ihre Gegenkandidaten weiter einbinden wollen, sagt AKK am Mittwoch. Merz' Expertise wäre ihr sehr willkommen - dann könnte vielleicht aus einem Bierdeckel eine neue App werden, sagt sie in Anspielung auf die Pläne des Finanzexperten, der 2003 ein dreistufiges Steuerkonzept vorgestellt hatte, das auf einen Bierdeckel passen sollte.

Eines sollte man auf keinen Fall tun: Die freundliche Annegret Kramp-Karrenbauer, die im saarländischen Karneval einst als Putzfrau auftrat, zu unterschätzen. AKK hat die notwendige politische Härte, sonst hätte die CDU-Politikerin manches politische Ziel nicht erreicht.

Und bislang hat sie noch jedes erreicht.

insgesamt 60 Beiträge
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Kapustka 07.11.2018
1. Diesem Anfang wohnt kein Zauber inne
Bekannter Wein in alten Schläuchen. Mit Merkel und AKK hat die CDU seit 2015 etwa 40 Prozent ihrer Wähler verloren. Und jetzt soll mit AKK alles gut werden? I am not convinced.
freddygrant 07.11.2018
2. Es kann keine ...
... Überraschung sein, dass AKK als CDU-Vorsitzende kandidieren wird. Die Zeichen wurde doch schon im Frühsommer bei der Bestellung zur CDU-Generalin gesetzt. Nach all dem. wie sich ihre beiden Konkurrenten in Position gebracht und begründet haben sind ihre Chancen am steigen. Die Gründe gegen Merz sind in seiner Biographie nach seiner politischen Betätigung zu evaluieren. Über Spahn, dessen Position und politische Stellung wird sich keiner der CDU-Delegierten einen zu großen Kopf machen müssen.
JürgenHammerbeck 07.11.2018
3. Akk
AKK, na warum auch nicht. Sie schreiben es - Fluch und Segen zugleich. Den Segen muss sie sich trotzdem erst noch erarbeiten. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Merkel nicht so einfach zu ersetzen ist. Jedenfalls kann, so meine Meinung, AKK ausgleichen. Aber wenn die Partei allerdings einen Multimillionär oder eine harte Gangart braucht nur um sich weiter rechts zu orientieren, dann muss sie das tun und abwarten, was potentielle Koalitionspartner dazu sagen.
larseman 07.11.2018
4. Wirklich - Merkel zwei für einen Neuanfang?
AKK ist eine Kopie von Merkel. Wenn die CDU sie wählen, dann wird deren Reboot genauso enden, wie der von der SPD... Merz wäre wirklich ein Coup und echtes Wirtschaftsverständnis sind in den heutigen Zeiten alles andere als schlecht.
marialeidenberg 07.11.2018
5. Wenn sie sich auf die Rolle der loyalen Merkel-Nachlassverwalterin
beschränkt ist sie beim Parteivolk chancenlos. Wenn sie eigenes Profil allzu deutlich entwickelt wird ihre Gönnerin sehr schnell zur Rachegöttin, die sie kalten Herzens vernichtet. AKKs Wahl ist 'the choice between devil and the deep blue sea'.
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