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Die Kasachstan-Connection: Wie der SPIEGEL ins Visier der Nasarbajew-Lobby geriet

Kasachstans Präsident Nasarbajew: Umtriebige Lobby-Helfer Zur Großansicht
DPA

Kasachstans Präsident Nasarbajew: Umtriebige Lobby-Helfer

Die Lobby des kasachischen Diktators Nursultan Nasarbajew wollte nicht nur deutsche Ex-Politiker für dessen Zwecke einspannen - sondern auch den SPIEGEL: Reporter Walter Mayr berichtet, wie sie ihn zu instrumentalisieren versuchte.

Fast ist es, als blicke man in die eigene Stasi-Akte. Seitenweise E-Mail-Korrespondenz liegt da nun plötzlich vor, ans Tageslicht gekommen durch ein Datenleck in einer Wiener Anwaltskanzlei. Der SPIEGEL-Redakteur M., heißt es darin, sei "kein willfähriger Schreiberling, er lässt sich nicht mit Plattitüden abspeisen, sondern will 'facts and figures' sehen, um überzeugt zu sein".

Der SPIEGEL-Redakteur M., das bin ich.

Die Herren hingegen, die sich da schriftlich über mich austauschen, sind keine Ex-Offiziere der Staatssicherheit. Im Gegenteil: Der eine, der Deutsche Max-Peter Ratzel, war bis 2009 als Chef von Europol ranghöchster Polizeibeamter auf dem Kontinent; der andere war Herausgeber eines bedeutenden österreichischen Magazins.

Ratzel und der damalige Magazinherausgeber arbeiten zum Zeitpunkt des Mailverkehrs, im Oktober 2012, dem österreichischen Prominentenanwalt Gabriel Lansky zu. Der vertritt, mit einem Millionenbudget ausgerüstet, die Interessen des kasachischen Diktators Nursultan Nasarbajew und wirbt deshalb namhafte Mitstreiter wie Ratzel und den Herausgeber an.

Darüber hinaus bietet er deutschen Ex-Politikern wie Otto Schily, Gerhard Schröder, Horst Köhler und Lothar de Maizière lukrative Verträge und Mandate an. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Es werden weder Kosten noch Mühen gescheut

Das Ziel: den aus der Gnade des Despoten Nasarbajew gefallenen Schwiegersohn Rachat Alijew, der im Exil zwischen Österreich und Malta pendelt, wegen Mordverdachts hinter Gitter zu bringen. Dafür werden, mit Segen des milliardenschweren Rohstoff-Potentaten in Astana, weder Kosten noch Mühen gescheut.

Die nun dem SPIEGEL vorliegenden E-Mails beleuchten in seltener Eindringlichkeit die Versuche der Nasarbajew-Lobbyisten, sich Teile der Presse dienstbar zu machen. Im Vordergrund steht dabei die Frage: Wer ließe sich am besten vor den Karren spannen?

Der SPIEGEL-Redakteur M. sei bedauerlicherweise, so warnt der österreichische Ex-Magazinherausgeber, als störrisch bekannt: "Er wird auch sehen, dass unsere Seite über mehrere Schienen mithilfe sehr hochkarätiger Berater das Thema in den SPIEGEL bringen will. Das könnte ihn noch misstrauischer und voreingenommener machen."

Was tun? "Wir müssen aufpassen, dass die Sache nicht nach hinten losgeht; besser wäre es, wenn wir einen anderen Redakteur hätten, aber das können wir uns beim SPIEGEL nicht aussuchen." Im Zweifel, so der Ex-Herausgeber, "lassen wir lieber die Finger davon und versuchen ein anderes Medium, Stern oder Süddeutsche".

Der pensionierte, aber weiter erwerbswillige Europol-Chef Ratzel ist da optimistischer. Auf die SPIEGEL-Bitte hin, in der Causa Nasarbajew/Alijew baldmöglichst ein klärendes Interview in Wien zu führen, macht der ehemalige europäische Top-Polizist seinem Auftraggeber im Tonfall eines Stasi-Führungsoffiziers Meldung: "Das heißt ja, dass M. bereits 'angebissen' hat. Dann sollte man das Eisen auch schmieden, solange es noch heiß ist."

Bevor die erste - für Nasarbajew und seine Helfershelfer wenig schmeichelhafte - SPIEGEL-Geschichte im März 2013 schließlich erscheint, greift die Kasachen-Connection noch zu einem letzten Hilfsmittel. Ein Reporter eines deutschen TV-Senders, mit dem man sich duzt, wird vorgeschickt, um möglichst unverfänglich den SPIEGEL-Kollegen "anzurufen und ihn zu fragen, wann er die Geschichte bringen möchte". Falls der Kollege etwas über die SPIEGEL-Planung herausbekomme, so heißt es im Lager der Nasarbajew-Söldner, "wird er es uns natürlich sagen".

Der TV-Mann befolgt den Auftrag.

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insgesamt 56 Beiträge
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1. Geld ...
wrangel3 14.06.2015
regiert die Welt - wann war da je anders . Wäre schön zu erfahren , wer sich sonst noch hat einspannen lassen .
2.
infonetz 14.06.2015
Das ist ganz sicher kein Einzelfall wo wer probiert Reporter zu instrumentalisieren. Immer öfter lese oder schaue ich "Berichte" wo ich denke "Ist das Werbung"?
3. Unglaublch
gsaak 14.06.2015
Wenn das alles so stimmt, leben wir ja in einer Banenrepublik.
4. Lieber Herr Redakteur M.
000.Zulu 14.06.2015
Ich hoffe Sie stellen einen Strafantrag gegen die Ausspähung Ihrer Person und Profession. Ansonsten freue ich mich über einen schönen Beitrag aus der Rubrik "Enthüllungsjornalismus". Danke!
5. mann und frau darf halt niemandem trauen!
doofnuss 14.06.2015
kürzlich sah ich ein interview mit einem journalistik professor, der resigniert eingestand, dass auf jeden journalisten vier pr-leute kommen - aber alle bei ihm und seinen kollegen ausgebildet werden. spätestens nach meinem berufseintritt ins marketing frage ich mich bei jedem veröffentlichten zweiten satz: wer hat das bezahlt?
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Heft 25/2015 Das Kasachstan-Komplott: Wie sich deutsche Politiker von den Millionen eines Diktators und seiner Diener locken ließen SPIEGEL-Apps:

Fläche: 2.724.900 km²

Bevölkerung: 17,417 Mio.

Hauptstadt: Astana

Staatsoberhaupt:
Nursultan Nasarbajew

Regierungschef: Karim Massimow

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