Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


nun gehen die Reisen wieder los, nach Hause, zur Familie. Diejenigen, die besser dran sind, freuen sich. Diejenigen, die schlechter dran sind, gruseln sich. Für die meisten ist Familie beides, Freude und Grusel zugleich. Und jeder kennt das: Sobald man zusammentrifft mit Eltern, Großeltern, Geschwistern, Kindern, fühlt man sich wie verfangen in etwas Altem, schwer Verständlichem: Warum ist der eine so kränkbar und brüllt sofort, warum ist die andere so still?

Titelbild
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Heft 51/2018
Wie unsere Vorfahren unser Leben prägen

"Familie und ihre Geheimnisse" heißt das Titelstück im neuen SPIEGEL. Wir erzählen, wie die Geschichte, wie Kriege, Diktaturen, Katastrophen, Umbrüche sich auf das Leben von Nachfahren auswirken. Einiges ist hier erstaunlich gut, anderes erstaunlich schlecht erforscht.

Schuldzuweisungen unter dem Weihnachtsbaum aber, das stellt der Titel fest, gehören zu den eher unnützen Ritualen. Für die Prägungen durch die Geschichte kann niemand etwas. Für die Folgen aber schon. Jeder kann etwas dafür tun, sich selber und den anderen keine Zumutung mehr zu sein.

Sehen Sie im Video: Familiengeheimnisse - "Meine Eltern sind Helden für mich"

Festhalten

Das Schöne an Klischees ist: Sie treffen immer irgendwie zu. Mit Betonung auf: irgendwie. Denn irgendwie ist immer auch eine Unschärfe drin. Der wütende, weiße alte Mann ist das Lieblingsklischee der heutigen Zeit, und auf den ersten Blick ist es ja auch erstaunlich, auf wen dieses Klischee alles zuzutreffen scheint. Aber bei genauerem Hinsehen haut es dann doch nicht immer hin.

Da wäre zum Beispiel Wolfgang Kubicki. Der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP tut sich öffentlich nicht ungern mit der Beurteilung weiblicher Waden hervor, fährt aus der Haut, wenn es nötig und unnötig ist, trinkt gern, hält treu an seiner althergebrachten Männlichkeit fest. Ihn deswegen als Mann der alten Zeit abzutun, der heute nur noch störe, wäre aber falsch.

In einem großen Porträt im neuen SPIEGEL können Sie nachlesen, warum Kubickis, sagen wir mal: unmoderne Art, in der Auseinandersetzung mit politischen Hallodris durchaus zielführend sein kann.

Kubicki
Roman Pawlowski für den SPIEGEL

Kubicki

Loslassen

Manchmal liegt Stärke im Loslassen. Seit Angela Merkel angekündigt hat, auf den Parteivorsitz zu verzichten und spätestens nach dem Ende dieser Legislaturperiode kein politisches Amt auszufüllen, verfügt sie über eine nie dagewesene Stärke, ihre Rede auf dem Parteitag der CDU vergangene Woche war so klar und emotional wie keine Rede zuvor.

Merkel
AFP

Merkel

Theresa May hat in dieser Woche angekündigt, dass sie vor der nächsten Parlamentswahl als Premierministerin zurücktreten wird und hat damit sich selber und ihren Gegnern Luft verschafft. In diesen Tagen des schlimmsten Brexit-Chaos wirkt auch sie erstaunlich stark. Den Kraftgewinn der Theresa May beschreibt unser Auslandsaufmacher im neuen Heft.

Unser Deutschlandaufmacher beschreibt wiederum, warum Merkel sich inzwischen so frei fühlt, auch ihre Kanzlerschaft gern übergeben zu wollen, warum sie aber voraussichtlich im Kanzleramt gefangen bleiben wird.

Sehen Sie im Video: Brexit - Der Geduldsfaden wird dünner

Gewinner des nächsten Jahres...

...wird Theodor Fontane sein. Sein 200. Geburtstag steht an, es wird sein Jubiläumsjahr. Wir feiern ihn jetzt schon, im Kulturaufmacher im neuen Heft. Es zeigt sich, dass das Werk dieses Schriftstellers keineswegs so staubig ist, wie die Namen seiner berühmten Protagonisten nahelegen: Effi Briest, Baron von Innstetten. Fontane hat moderne und weise Frauenfiguren erschaffen, Lene zum Beispiel, aus "Irrungen und Wirrungen", die schon früh ahnt, dass aus ihrer nicht standesgemäßen Liebe zu Baron Botho nichts werden kann. Der Lene und dem Botho legt Fontane einen der schönsten und traurigsten Dialoge der Literatur in den Mund:

Lene sagt: "Ich hab' es so kommen sehn, von Anfang an, und es geschieht nur, was muss. Wenn man schön geträumt hat, so muss man Gott dafür danken und darf nicht klagen, dass der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt. Jetzt ist es schwer, aber es vergisst sich alles oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht. Und eines Tages bist du wieder glücklich und vielleicht ich auch." Botho sagt: "Glaubst du's? Und wenn nicht, was dann?" - "Dann lebt man ohne Glück."

Fontane-Denkmal in Neuruppin, Brandenburg
DPA

Fontane-Denkmal in Neuruppin, Brandenburg

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
HeinzLambertus 15.12.2018
1. Wolfgang Kubicki
ist ein meinen Augen eine schizophrene Person, da er als Mitglied des Bundestags verpflichtet ist Schaden vom Volke abzuwenden, und in seiner Praxis als Jurist seine Mandanten zeigt wie man die Steuerlücken ausnutzen kann.
artep 15.12.2018
2. Fontane
hat aber auch gesagt, als ein depressiver Freund sich erschoss : Recht so ! Und diese Härte und Konsequenz ist auch durch sein Werk zu verfolgen. Man betrachte nur den Entschluss der Eltern Effis, sich von ihrem Kind zu distanzieren, weil sie weiterhin ein gesellschaftliches Leben führen wollen. Und diesen Schluss billigt Fontane. Fontane ist durchaus nicht der weichgespülte "Romantiker", den viele in ihm sehen wollen, er hat eine klare Werteordnung und ein Weltbild von : Erlaubt oder ächtenswert. Seine eigene Biographie ist Beispiel dafür.
new#head 15.12.2018
3.
Sich treu zu bleiben....das fällt natürlich schwer, wenn man Postionen und Ämter übernimmt, und in der Folge versucht, es allen Recht zu machen. Was beflügelt jedoch dieses Verhalten. Die einen sagen Machtgier, ich glaube jedoch es ist die Angst den erreichten Status zu verlieren. Belegt scheint die zweite Option dadurch, dass Menschen, wenn diese Angst überwunden ist, wieder zu sich zurück finden. Das Dilemma ist, dass der Wähler wählt was er sieht und nie weiss was er bekommt. Die jüngste Vergangenheit zeigt ja wie Kandidaten allein durch die Option ein Amt zu ergattern ihr Gesicht wandeln. Dann lieber Kandidaten, die unabhängig und sperrig zu sich selber stehen. Wendehälse gibts leider häufiger.
artep 15.12.2018
4. Sehr geehrte Frau Beyer,
bewundernswert, wie sie die Schleife hinkriegen von häuslichen Weihnachtsfeiern über Kubicki zu Merkel und Mey. Und sogar Fontane ist da auch noch drin. Wenn man auf alle diese Punkte eingehen wollte, wäre die Zeit für eigene Kommentare längst abgelaufen. Zu Kubicki : Er darf weibliche Waden durchaus bewundern, solange er nicht hingrabscht. Das sei ihm und jedem Mann zugestanden. Zur häuslichen Weihnachtsfeier: Die ist schon seit vielen Jahren verkommen und untergegangen in Konsumterror und Konsumzwang. Was kann ich Tante Frida dieses Jahr nur schenken ? Tante Frida betrachtet das ungeliebte Geschenk und überlegt, wie sie es in ihrem ohnehin überfüllten Schrank unterbringen kann. Da es sich ja um das Fest der Liebe handelt, bringt sie es nicht fertig, es einfach im Mülleimer zu entsorgen. Und so geht es immer weiter: Vorher Stress, dann "Harmonie" und letzlich Nerven, die bei einem oder anderen nicht mehr durchhalten. Frohe Weihnacht !
Todweber 15.12.2018
5. Glückwunsch an unsere Großeltern u. Urgroßeltern
Wer den letzten Unsinnstatort gesehen hatte (amerikanische Soldaten werden wegen posttraumatischen Belastungsstörungen von einem deutschen (!) Psychiater behandelt. Die Dame, die zuerst den armen Psychiater, der Opfer und Täter behandelte (Natürlich Täter eine amerikanische Soldatin aus Ramstein, die wohl Drohneneinsätze lenkte) wollte auch noch einem US-Staatssekretär an den Kragen, der das Drohnenprogramm entwickelte und sich mit dem deutschen Verteidigungsminister traf um die Entwicklung einer Drohne für die BW zu besprechen. Die Dame wurde dann von der Lena Odenthal, längst pensionsreif, erschossen. Zum Schluss weinte sie, als sie sah, was die Erschossene alles anrichtet in AFG. Warum diese lange Vorgeschichte? Weil jeder Afghanistansoldat der BW mit einer posttraumatischen Belastungsstörung nach Hause kommt, jedenfalls, wenn man Tatorte der ARD und Fernsehfilme beider Anstalten sieht. So muss ich denn fragen, wie haben es eigentlich unsere Großeltern und Urgroßeltern geschafft mit diesen millionenfachen posttraumatischen Belastungsstörungen dieses Land wieder so großartig aufzubauen? Oder ist es so, das mit der Anzahl der Studenten in den Bereichen Psychologie usw. automatisch die Zahl der posttraumatischen Belastungsstörungen wächst?
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