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25 Jahre Deutsche Einheit: Kinder, Autos, Religion - der Ost-West-Vergleich

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Studie zu Ost und West: Wenige Frauen, viel Schnaps Fotos
REUTERS

Ossis sind links und Wessis steinreich? Das Klischee stimmt nur zum Teil. Eine neue Studie zeigt, wie sich alte und neue Bundesländer seit der Wiedervereinigung angenähert haben - und wo es noch gewaltige Unterschiede gibt.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Erinnern Sie sich noch an Helmut Kohls Versprechen von den "blühenden Landschaften"? 25 Jahre ist es her, dass der damalige Kanzler eine glorreiche Zukunft der neuen Bundesländer im vereinigten Deutschland beschwor. Doch was hat sich getan seit 1990? Wie haben sich Lebensverhältnisse und politische Überzeugungen in Ost und West gewandelt?

Das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung, das sich auf die Erforschung des demografischen Wandels spezialisiert hat, ist diesen Fragen nachgegangen. Die wichtigsten Ergebnisse der Studie, über die der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe bereits berichtet hat, im Überblick (die zentralen Grafiken können Sie hier sehen):

  • Der uneheliche Osten: Die Geburtenrate in der DDR sackte nach der Wende plötzlich ab: Nur noch 0,8 Kinder pro ostdeutsche Frau weist die Statistik für die frühen Neunzigerjahren aus. Schuld daran war laut der Studie die verbreitete Verunsicherung wegen der gesellschaftlichen Umbrüche. Zudem stieg das durchschnittliche Alter von Müttern rasant an - in der DDR waren Eltern durchschnittlich jünger und heirateten seltener als im Westen. Seit 1994 steigt die Fertilitätsrate in den neuen Ländern wieder, inzwischen hat der Osten den Westen sogar überholt.

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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

  • Angst vor Einwanderung: Extreme Urteile über Ausländer fällen immer noch vor allem Ostdeutsche. Auch zu diesem ernüchternden Urteil kommt die Erhebung. Das ist bemerkenswert, denn in den neuen Bundesländern leben mit großem Abstand die wenigsten Migranten. Zudem weisen Zuwanderer im Osten oft deutlich bessere Bildungsabschlüsse auf als Einheimische - sie können sich auf dem Arbeitsmarkt aber kaum behaupten.
  • Wohlhabend im Westen: Nur sechs der 500 reichsten Deutschen leben in den neuen Bundesländern, weitere 14 in Berlin (allerdings meist im Westteil der Stadt). Grundsätzlich boomen viele Regionen im Westen, während der Wohlstand in der früheren DDR kaum wächst. Deutlich zeigt sich das etwa an der Verteilung teurer Autos: Die Marke Skoda ist im Osten beliebt, BMW-Modelle rollen vor allem durch die alten Bundesländer.
  • Frauen lieben angeblich reiche Wessis: Männer achten der Studie zufolge bei der Wahl einer Partnerin eher auf Alter und Äußeres, Frauen ist hingegen häufig der Status des potenziellen Lebensgefährten wichtig - das legen jedenfalls einige Untersuchungen nahe. Die Folge: Da westdeutsche Männer durchschnittlich wohlhabender sind als ihre Mitbürger im Osten, haben sie bessere Chancen auf dem Partnermarkt. Durch den starken Geburtenrückgang unmittelbar nach der Wende hat sich zudem das Frauendefizit in den neuen Ländern verschärft.
  • Ossis allein zu Haus: Die Zahl der Single-Haushalte hat in der gesamten Bundesrepublik im vergangenen Vierteljahrhundert deutlich zugenommen. Besonders stark ist diese Tendenz in Großstädten - und zwischen Ostsee und Erzgebirge. In Ostdeutschland liegt das am Männerüberschuss und dem statistisch gesehen früheren Verlassen des Elternhauses. Besonders die 35- bis 55-jährigen Ostdeutschen leben der Studie zufolge häufiger ohne Partner oder Familie.

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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

  • Aufatmen zwischen Rügen und Chemnitz: Die DDR-Führung setzte seit den Fünfzigerjahren auf die Chemieindustrie, nicht auf Ökologie. Die Umwelt litt jahrzehntelang unter Giften und Abgasen - doch nach der Wende änderte sich das: Immer mehr Menschen im Osten sind mit den Umweltbedingungen in ihrer Heimat zufrieden.
  • Deutschland fällt vom Glauben ab: Die DDR unterdrückte Religionsgemeinschaften und förderte den Atheismus - entsprechend wenige Ostdeutsche bekennen sich heute noch zu einem Glauben. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung sind weder katholisch, evangelisch, jüdisch oder muslimisch. Die alten Bundesländer nähern sich diesem Trend langsam an: Auch im Westen steigt die Zahl der Austritte aus Kirchen und Gemeinden.
  • Im Rausch vereint: Ostdeutsche Jugendliche rauchen seit Jahren mehr als ihre westdeutschen Altersgenossen, in beiden Teilen des Landes verliert Nikotin jedoch seinen Reiz für junge Leute. Schnaps, Wein und Bier sind hingegen im ganzen Land weiterhin beliebt, und auch in dieser Kategorie liegen die neuen Bundesländer vorne: Relativ gesehen sterben die meisten Menschen durch Alkoholmissbrauch im Osten.

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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Zur Entstehung der Studie: Die Autoren berufen sich auf Dutzende Quellen und Einzelstudien, die hier (ab Seite 62) aufgelistet sind. Unterstützt hat das Forschungsprojekt der GfK Verein, eine Non-Profit-Organisation zur Förderung der Marktforschung.


Zusammengefasst: Auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es große Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern - vor allem bei der Verteilung des Wohlstands, dem Anteil an Migranten und dem Alkoholkonsum. Politisch gibt es jedoch eine langsame Annäherung: Die in der Nachfolge der SED stehende Linkspartei sitzt inzwischen auch in westdeutschen Landtagen.

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insgesamt 278 Beiträge
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1.
s.foth 22.07.2015
Hm, gibt es im Osten andere Vorraussetzungen Mutter zu sein, als im Westen? Unter 0,8 Kinder pro Mutter verstehe ich, nun, das jede Mutter nur 80% Kind hat. Oder sehe ich das nur falsch? 0,8 pro Frau wäre doch etwas sinnvoller.
2. offene Gesellschaft im Westen, Angst und enges Denken im Osten
syracusa 22.07.2015
IMO ist der wesentliche Unterschied, aus dem die meisten anderen kulturell-gesellschaftlichen Unterschiede folgen: eine offene, freiheitliche Gesellschaft gibt's im Westen, im Osten herrschen Angst und enges Denken vor. Der Grund dafür ist die 68er Bewegung, die an den meisten Oststaaten außer einigen kulturell-elitären Teilen der CSSR völlig spurlos vorübergangen ist, im Westen aber eine bis heute drastisch unterschätzte Kulturrevolution bewirkt hat.
3.
Atheist_Crusader 22.07.2015
"Mehr als drei Viertel der Bevölkerung sind weder katholisch, evangelisch, jüdisch oder muslimisch. Die alten Bundesländer nähern sich diesem Trend langsam an." Na das ist doch mal ermutigend. Vielleicht können wir jetzt langsam mal anfangen, den Kirchen ihre völlig überzogenen Sonderrechte zu nehmen.
4. Tja
hobbypsychologe 22.07.2015
Da wurden mal eben ein paar hartnäckige Vorurteile bestätigt. Tatsächlich aber "blühen" einige Landschaften im Osten mittlererweile mehr als in manchen Teilen des Westens (Ruhrgebiet, etc.).
5.
Nepheron 22.07.2015
7 der 500 reichsten Deutschen leben in Ostdeutschland. Also in Potsdam. :-)
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