Willy Brandt Der Kanzler und seine Intellektuellen

Sie schmeichelten ihm, sie schrieben Reden für ihn, sie stritten um ihn - kurz: Sie waren fasziniert von ihm. In der Ära von Willy Brandt waren sich Intellektuelle und die Macht so nahe wie nie zuvor oder danach in der Bundesrepublik

Von Franz Walter


Brandt und die Intellektuellen - das war schon ein besonderes Kapitel in der bundesrepublikanischen Geschichte. Zu keinem anderen Kanzler fanden die Schriftsteller, Regisseure, Bildhauer und Maler eine solche Nähe, einen solchen Zugang wie zu Willy Brandt. Das fing bereits mit der unbürgerlichen Lebensgeschichte Brandts an, die den Bohemiens so imponierte. Brandt war der Emigrant, während die anderen Spitzenpolitiker - und ebenso die Intellektuellen meist selber! - überwiegend in der Wehrmacht Hitlers gedient hatten.

Auch die proletarische Herkunft, die nicht-eheliche Geburt Brandts gefiel den linksliberalen Literaten, die sich gern über den kleinbürgerlichen, klerikalen Mief der Adenauer-Ära beklagt hatten. Dass Brandt oft so verloren wirkte, so in sich versunken, nachgerade schutzbedürftig, nahm sie ebenfalls für ihn ein. Brandt war halt anders als der Rest der sonst verachteten politischen Kaste: weniger zynisch, weniger machtfixiert, weniger männerbündisch im Gestus und Auftritt.

Der Spiritus Rector der intellektuellen Annäherung an einen politisch Mächtigen und seine Partei war zweifelsohne Günter Grass. Schon 1961 begleitete Grass Brandt zu einigen Wahlveranstaltungen; dann sang er das berühmte "Loblied auf Willy"; 1965 rief er das "Wahlkontor deutscher Schriftsteller" ins Leben. Einige Jahre später schließlich trommelte er - der Verfasser der berühmten "Danziger Trilogie" - als Hauptredner der "Sozialdemokratischen Wählerinitiative" monatelang für Brandt und die SPD.

Nie wieder rückten Intellektuelle so nahe - und in so großer Zahl - an eine politische Partei heran wie Grass, Lenz, Jens, Härtling und all die anderen zwischen 1969 und 1972 an die SPD. Von einer Symbiose zwischen Geist und Macht sprach man schon in jener Frühlingsstimmung des frühen Sozialliberalismus.

Indes war Grass nicht - durchaus zu seinem Leidwesen - ein ständiger Berater Brandts. Auch im Kanzleramt wurde Grass - ebenfalls zu seinem Leidwesen - nur ab und an nach schwierigen terminlichen Vereinbarungen zu einstündigen Gesprächskontakten beim Kanzler vorgelassen. Und doch war Grass, waren Intellektuelle wichtig für die Aura der Ära Brandt, für das Flair des Kanzlers selbst, für den Kult, der um ihn, noch Jahre nach seinem Abtritt, herrschte.

Was von dieser Regierungszeit neben der Ostpolitik übrig blieb, waren gewissermaßen intellektuelle Ansprüche, Botschaften und Zukunftsversprechen. Brandt hatte einen scharf entwickelten Sinn dafür, wie sich durch den Diskurs der Intellektuellen das geistige Klima verändern, die kulturellen Unterströmungen verschieben, mithin also auch die Voraussetzungen des Politischen neu ordnen konnten. Insofern bedeutete ihm der Umgang mit den Denkern und Dichtern viel.

Günter Grass: Ein Freund auf Distanz

Nach dem Geschmack von Grass hätte es durchaus noch mehr sein können. Er hatte damals ein starkes Faible für die Macht und ihre Möglichkeiten. Er wollte gerne etwas mehr politischen Einfluss; doch wollte er dabei genauso stark unabhängiger Individualist bleiben. Einfach war das nicht. Und einfach war es auch nicht zwischen Grass und Brandt. Zwar bezeichnete Grass Brandt als Freund. Man hatte sich in den 1960er Jahren auch von Familie zu Familie besucht. Doch ganz nahe waren sich die beiden dann nicht gekommen, wie Grass zugeben musste.

Grass mochte und bewunderte Brandt, aber er litt darunter, dass sein Held diese Bewunderung nicht gleichermaßen innig zurückgab. Grass hatte sich 1972 für Brandt in die Wahlschlacht geworfen und unermüdlich für den Kanzler geworben. Hernach aber kam von Brandt nichts. Grass war schwer enttäuscht und warf dem Kanzler Anfang 1973 in der Fernsehsendung "Panorama" uninspiriertes "Vor-Sich-Hin-Wursteln" vor. 1973 brachen eben viele Fundamente der Kanzlerschaft Brandts weg, auch die intellektuellen.

Im unmittelbaren Umfeld des Kanzlers, im Palais Schaumburg, aber verstärkte sich der intellektuelle Einfluss in der zweiten Regierungsperiode noch. Zum wichtigsten Berater, zumindest zum entscheidenden Gesprächspartner des Kanzlers stieg in dieser Zeit der Schriftsteller und Journalist Klaus Harpprecht auf. Brandt hatte Harpprecht kurz nach den Bundestagswahlen zum Chef der "Schreibstube", also zum Hauptverantwortlichen für die Kanzlerreden gemacht. Harpprecht und Brandt kannten sich locker schon seit den späten 1950er Jahren. Zur Regierungserklärung des neuen sozialdemokratischen Kanzlers 1969 steuerte er einige Passagen bei. Die vielleicht wichtigste, wirksamste politische Rede, die Harpprecht in seinem Leben formulierte, trug Brandt im Herbst 1972 auf dem Wahlsonderparteitag der Sozialdemokraten in Dortmund vor.

Grundsatzreden aus der "Schreibstube"

Tatsächlich erzielte die Dortmunder Rede Brandts in einer gewissen Weise eine epochale Wirkung. Jedenfalls tauchten hier erstmals Begriffe auf, die man heute noch mit dem Abschnitt des sozialliberalen Aufbruchs, der Reformära Brandts verbindet. Und das hatte viel mit den Begriffskünsten Harpprechts zu tun.

Die Stärken des Leiters der "Schreibstube" waren unzweifelhaft. Er verfügte über eine feine Witterung für geistige Strömungen. Er besaß dazu die Fähigkeit, solche lebensgefühligen Unterströmungen einer Gesellschaft in pointierte Formulierungen zu übersetzen, sie durch prägnante Allegorien auf einen Namen zu bringen. Überdies war Harpprecht ein glänzender Stilist, der auch die hölzernen Vorlagen aus der Ministerialbürokratie noch in funkelnde Ansprachen des Staatschefs an das Volk verwandeln konnte.

Durch die Dortmunder Parteitagsrede Brandts brachte Harpprecht erstmals den Begriff "Compassion" in die politische Debatte der Republik. Auch die "Neue Mitte" ging auf den Chef der Schreibstube zurück. Und Brandts Versprechen von einer besseren "Lebensqualität" war ebenfalls eine sprachliche Kreation seines Redenschreibers. Harpprecht und Brandt hatten mit diesen Sentenzen ein spezifisches Zeitgefühl der frühen 1970er Jahre gebündelt, in ein politisches Projekt transferiert und dadurch auch langfristig für große Gruppen der Gesellschaft mentalitätsbildend und identitätsstiftend gewirkt. Eine geringe Leistung war das nicht.

Und doch blieben viele Beobachter skeptisch, ob Harpprecht dem Kanzler wirklich gut tat. Als sich Brandt vor den sozialdemokratischen Delegierten im Finale des Bundestagswahlkampfes für "Compassion" stark machte, schloss er seine Ausführungen dazu mit der Gewissensmahnung: "Habt doch den Mut zu dieser Art Mitleid! Habt Mut zur Barmherzigkeit! Habt Mut zum Nächsten! Besinnt Euch dieser so oft verschütteten Werte! Findet zu Euch selbst." Das war doch mehr die Sprache amerikanischer Erweckungsprediger denn die eines bundesdeutschen Kanzlers. Und es war auch nicht, wie viele Freunde des Kanzlers besorgt feststellten, die originäre Sprache Brandts.

Brandt formulierte stockender, suchender, gebrochener, was viele überzeugend, da authentisch, fanden. Harpprecht hobelte - so hieß es - immer alle Ecken weg, glättete Disharmonien, hatte stets den Ehrgeiz, auch aus kleinen Ansprachen ein großes rhetorisches Kunstwerk zu zaubern. Harpprecht griff gern und viel in die Harfe, um das politische Publikum zu entzücken, zu betören.

Das Denkmal Brandt und seine Denkmalpfleger

Als "Denkmalpfleger" des Kanzlers galt vielen Beobachtern in Bonn damals ebenfalls der zweite Intellektuelle in der Regierungszentrale, Günter Gaus. Die Präsenz von Gaus im Kanzleramt war ursprünglich gar nicht beabsichtigt. Vorgesehen war er vielmehr als erster "Ständiger Vertreter" der Bundesrepublik in Ostberlin. Doch die Regelungen der Modalitäten für die Installierung dieser innen- oder zwischendeutschen Botschaften zogen sich erheblich länger hin als ursprünglich erwartet, von Frühjahr 1973 bis Frühjahr 1974.

Gaus war ein scharfsinniger Mann, eine brillanter Analytiker mit interessanten, jederzeit originellen Überlegungen zur Politik. Aber er zeigte nur geringe Geduld mit Menschen, die nicht gleichermaßen interessant und scharfsinnig waren. Takt, Großzügigkeit und Milde waren nicht die Gaben dieses Mannes mit dem strengen, spitzen Gesicht und seinen oft harten Verdikten.

In dem einen Jahr im Kanzleramt wäre er wohl gerne ein deutscher Henry Kissinger gewesen. Mit dieser Attitüde trat er im Palais Schaumburg auf, machte sich dabei wenig Freunde. Es war jedenfalls nicht einfach mit Gaus. Denn er hatte schließlich keine spezielle Aufgabe, kein eigenes Ressort, keine sinnvolle Funktion. Er verfügte stattdessen über eine Menge Zeit und Muße. Er hielt in den Fluren und Büros der Regierungszentrale viele kluge Reden und nörgelte ebenso viel über diesen und jenen.

Es wurde überhaupt viel böse und höhnisch übereinander geredet im Palais Schaumburg jener beiden letzten Jahre der Brandt-Ära. Hilflos und verzweifelt fast mahnte der Kanzler sein intellektuelles Umfeld immer wieder, sich doch bitte, ja bitte zu vertragen und miteinander zu kooperieren. Aber das erreichte die intellektuellen Individualisten nicht, von denen sich eben jeder für den Klügsten und Geistreichsten hielt und darunter litt, wenn ein anderer ungebührlich lange mit dem Kanzler parlierte. Es war wohl so: Am Ende seiner Kanzlerschaft umgab sich Brandt zu sehr mit Leuten, die die Pflege seines Denkmals betrieben.

Dennoch bleibt erstaunlich, in welchem Maße gerade Intellektuelle, denen es sonst immer erheblich leichter fiel, sich durch Gegensatz und Kritik als durch Zustimmung und Identifikation - noch dazu mit der Macht - zu definieren, ihre Fähigkeiten für Brandt zur Verfügung stellten. Der 1971 durch den Nobelpreis geadelte Friedenskanzler schien für sie eine Art historische Heilsrolle inne zu haben. Das Problem war nur, dass Brandt nach 1972 ganz in dieser Rolle aufging und darin in seiner unmittelbaren Umgebung nur Bestätigung fand. Besser aber wäre wohl gewesen, wenn seine Vertrauten ihn zuweilen aus den glitzernden Höhen einer nahezu sakralen Friedenskanzlerschaft in die rauen Niederungen einer zunehmend schwierigeren Regierungspolitik zurückgeholt hätten.

Denn die lange Krisenära der Bonner Republik hatte begonnen. Die Ära Brandt lief aus. Im Mai 1974 trat der Kanzler zurück.



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