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Grüne fast so stark wie CDU: Zum Teufel noch mal

Von und , Stuttgart und Berlin

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Kretschmann im Wahlkampf: Wie einst Helmut Kohl

Ein grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg - das erschien den Christdemokraten als Betriebsunfall. Nun aber macht sich Winfried Kretschmann sogar daran, die CDU als stärkste Partei abzulösen.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ist das Erwin Teufel? Mancher Baden-Württemberger dürfte etwas irritiert sein, wenn man das Konterfei dieses grauhaarigen, älteren Ministerpräsidenten auf Wahlplakaten sieht, unterlegt mit staatstragenden Slogans wie "Verantwortung und Augenmaß" oder "Dem Land verpflichtet". Doch Teufel ist ja lange im Ruhestand. Der frühere CDU-Regierungschef, dem seine Partei bis heute hinterhertrauert, hat allerdings einen Nachfolger - nur ist der bei den Grünen.

Winfried Kretschmann, 67, ist nach fünf Jahren im Amt des Ministerpräsidenten in eine Rolle hineingewachsen, wie sie seit Teufels Zeiten keiner mehr bei den Schwaben und Badenern innehatte: der Landesvater. Kretschmann ist so populär im Ländle, dass er und die Grünen inzwischen vom ganz großen Wurf träumen.

Sie wollen die CDU bei der Landtagswahl am 13. März als stärkste Partei ablösen.

Noch traut sich keiner im Kretschmann-Lager, offen darüber zu sprechen. Demut ist ein Lieblingswort des Ministerpräsidenten. Zudem gilt die Grünen-Politikerin Renate Künast mit ihren einst hochfliegenden Plänen in Berlin als abschreckendes Beispiel. Aber die Zahlen lassen Platz eins in greifbare Nähe geraten, der Trend spricht für Kretschmann: In einer aktuellen Infratest-Umfrage von SWR und "Stuttgarter Zeitung" liegen die Grünen mit 28 Prozent nur noch drei Prozentpunkte hinter der CDU (31 Prozent). Die Differenz wird im Vergleich zu den letzten Erhebungen immer kleiner, weil die Christdemokraten besonders unter dem AfD-Boom (zwölf Prozent) leiden. Und: Kretschmann hängt im direkten Vergleich der Sympathiewerte den CDU-Spitzenkandidaten Guido Wolf weit ab.

Dabei war Baden-Württemberg einst die Hochburg der Christdemokraten, 58 Jahre lang regierte die CDU, am Ende im Stile eines Lehnsherrn. Dass man 2011 die Regierungszentrale an die Grünen verlor, wurde als Betriebsunfall abgetan. Rot-Grün hatte nur eine knappe Mehrheit, die CDU lag immer noch 15 Prozentpunkte vor Kretschmanns Partei. Der profitierte damals von Patzern des konservativen Amtsinhabers Stefan Mappus, zudem hatten die Grünen nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima und wegen Stuttgart 21 Rückenwind. Kurzum: Aus CDU-Sicht sollte der grüne Ministerpräsident eine Episode bleiben.

Eine Klatsche, die auch im Kanzleramt schmerzen würde

Wenn nun aber wirklich nur der zweite Platz hinter den Grünen herauskäme? Es wäre eine Klatsche, die auch im Kanzleramt schmerzen würde. Zahlreiche CDU-Abgeordnete würden ihre Mandate verlieren, die Schuld dafür dürften dann viele Angela Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik geben.

Man hat den Öko-Konservativen Kretschmann lange unterschätzt - aber auch seine Partei. Die hat bewiesen, dass sie regieren kann: Der linke Grünen-Flügel in Baden-Württemberg hat sich dem Mitte-Kurs Kretschmanns untergeordnet. Und auch in der Bundespartei nahm man mehr oder weniger Rücksicht auf ihn.

In der Flüchtlingskrise ist Kretschmann weiter nach rechts gerückt: Die Grünen sind eine tendenziell asylfreundliche Partei, aber der Regierungschef setzt mitunter auf den Sound eines Otto Schily. Er sagt: "Wer straffällig geworden ist, der hat sein Bleiberecht verwirkt." Da halten zwar viele in seiner Partei die Luft an, aber öffentlich regt sich kaum Kritik. Außerhalb der Grünen dagegen kommt Kretschmann damit gut an. Das Gleiche gilt, wenn er der Bundesregierung bei der Erweiterung der Liste der sicheren Herkunftsländer hilft. Die Grünen ächzen mehr leise als laut, die breite Mehrheit applaudiert.

In der Wirtschaftspolitik orientiert sich Kretschmann unterdessen an einem anderen populären CDU-Amtsvorgänger: Lothar Späth. In seinen Wahlkampfreden sieht er "Hidden Champions in jedem zweiten Schwarzwaldtal".

Die Wahlkampagne ist komplett auf Kretschmann ausgerichtet. Dabei war personalisierter Wahlkampf früher tabu für die Grünen. Nun kommen sie daher wie einst die CDU mit Helmut Kohl: "Grün wählen für Kretschmann" heißt der zentrale Slogan. Die Grünen deklarierten sich zuerst als "neue Wirtschaftspartei", inzwischen nennt man sich ganz ungeniert die "neue Baden-Württemberg-Partei". Das erinnert an die CDU. Und soll es wohl auch.

Kretschmann vereinnahmt die Kanzlerin

Selbst die Kanzlerin hat Kretschmann inzwischen vereinnahmt: Er lässt keine Gelegenheit aus, Angela Merkel in der Flüchtlingspolitik zu loben. Sie sei eine "erfahrene Krisenmanagerin" und kämpfe für den europäischen Zusammenhalt, sagt Kretschmann. CDU-Kandidat Wolf verspottete ihn deshalb jüngst als "Kanzlerinnenversteher". Verkehrte Welt.

Das Spiel um Platz eins birgt aber auch Risiken. Wenn Kretschmann komplett auf Sieg setzt, könnte er im Wahlkampf kaum mehr Rücksicht auf den bisherigen Koalitionspartner nehmen. Die Sozialdemokraten aber schwächeln ohnehin (14 Prozent in der aktuellen Umfrage) - sie verlieren wohl zum einen ebenfalls Wähler an die AfD und zum anderen an die Grünen. Wenn es am Ende nicht mehr für Grün-Rot reichte, könnte die CDU auch eine andere Koalition stricken - und Kretschmann wäre das Ministerpräsidentenamt los.

Dennoch: Falls die Grünen stärkste Partei werden, wäre Kretschmann in einer guten Position, um weiterzuregieren. Dann wäre sogar eine Koalition von Grünen und CDU möglich - in dieser Reihenfolge: Grün-Schwarz, mit den Christdemokraten als Juniorpartner und Kretschmann als Ministerpräsident.

Mal wieder was Neues in Baden-Württemberg.


Zusammengefasst: Die guten Umfragewerte der Grünen in Baden-Württemberg lassen die Partei hoffen, die CDU bei der Landtagswahl am 13. März als stärkste Partei abzulösen. Das Risiko: Wenn Kretschmann komplett auf Sieg setzt, könnte der Koalitionspartner SPD zu sehr leiden und am Ende eine neuerliche Koalition platzen. Theoretisch wäre dann ein Bündnis mit der CDU möglich.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 251 Beiträge
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1.
lordofaiur 18.02.2016
das liegt daran, dass Kretschmann kein Grüner ist. Vielleicht dunkelgrün schon leicht ins Schwarze rein. Er ist der Typ Landesvater, das kommt beim Wähler an. Wolf ist eher der Typ Schleimer und Jasager. Der Mann hat kein Profil.
2. gibt es denn wirklich keine alternative?
watttaucher 18.02.2016
mittlerweile würde ich mich auch von den minions regieren lassen.......die würden zwar auch so ein chaos verursachen.......aber ich könnte noch drüber lachen!
3. ein Ergbnis der MischMach-Regierung
auf_dem_Holzweg? 18.02.2016
mit Dauer-Thronsitzerin Merkel. So etwas kann nur schiefgehen, heute gewinnt nicht wie damals die FDP, dafür aber die Grünen an Stimmen. Die größte Angst der jetzt (noch) Regierenden ist die AfD, eine Angstpartei, deren zuwachs sich die regierenden Parteien selbst aufgebaut haben, und zwar konsequent über mehrere Jahre hinweg ohne die Gefahr zu erkennen. Weitsichtigkeit gehört offensichtlich nicht zum Wortschatz der heutigen Regierungsparteien. Zukunft? Grüne mit AfD und ein bischen FDP? egal, es kann nur besser werden als die jetzige Merkel-Monarchie.
4.
meineidbauer 18.02.2016
Es ist doch offenbar so, dass die Stärke der Grünen in BW an einer Person festgemacht wird, nämlich an Kretschmann. Er macht also nach Meinung der Wähler seinen Job gut. Da darf man schon mal von der nächsten Landtagswahl träumen. Hand aufs Herz, wer hätte ihm das bei Amtsantritt zugetraut?
5. Madame Merkel
müller1 18.02.2016
ist ja die beste Werbeikone für die Grünen. So wie sie in der Öffentlichkeit geobt wird von den Grünen-Spitzen muß ein Unbedarfter glauben, sie sei bei den Grünen. Kein Wunder, das der kleine Wolf kein Bein auf die Erde bekommt. Auch nicht Schade. Sollte die AFD noch ein paar Prozente zu Lasten der SPD und FDP hinzugewinnen, kann sie ja der CDU die Duldung einer Allein-Regierung anbieten. Wie die Welt da staunen würde.
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