Auto-Zoff bei den Grünen Hofreiter widerspricht Kretschmann

Die Grünen fordern ein Zulassungsverbot für Neuwagen mit Benzin- und Dieselmotor ab 2030. "Schwachsinn", empörte sich Realo Winfried Kretschmann. Der Partei-Linke Anton Hofreiter hält dagegen.

Hofreiter (li.), Kretschmann
picture alliance / SvenSimon

Hofreiter (li.), Kretschmann

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Genau drei Tage dauerte es, bis die neue Einigkeit, die die Grünen auf ihrem Parteitag zelebriert hatten, Kratzer bekam.

Seit Mittwoch verbreitet sich ein Video, hochgeladen von der rechtspopulistischen Plattform "jouwatch", in dem sich Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann über den Beschluss seiner Partei empört, ab 2030 keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr neu zulassen zu wollen. Mittlerweile wurde allein das Originalvideo bei YouTube mehr als 350.000 Mal aufgerufen.

Kretschmann greift darin auch Anton Hofreiter an, Fraktionschef der Grünen und Spitze des linken Flügels: "Jetzt kommt der Hofreiter immer mit seiner tollen Story vom Tesla."

Meinungskompass

Kretschmann hinterfragt dann, wie der Beschluss der Partei überhaupt umgesetzt werden soll, 2030 sei ein "Schwachsinnstermin", schimpft er. Der Grünen-Realo bezweifelt offenbar, dass die Infrastruktur bis dahin funktionieren kann und genügend Ladestationen bereitstehen. Zum Vergleich zieht Kretschmann eine "große Tankstelle" herbei, an der heute "vielleicht zehn Autos gleichzeitig" tanken könnten.

Elektroautos, das will Kretschmann seinem Gesprächspartner verdeutlichen, bräuchten an den Ladestationen länger als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren an Zapfsäulen. Bei den E-Mobilen dauere das "zwanzig Minuten".

Anton Hofreiter widerspricht. "Anders als bei Diesel und Benzin braucht es für die E-Mobilität keine zentralen Tankstellen", sagt er dem SPIEGEL. Die Infrastruktur könne "dezentral aufgebaut werden und dank der Digitalisierung effizient und nutzerfreundlich arbeiten".

"Jeder Parkplatz, jede Garage kann zu einer kleinen E-Tankstelle werden", so Hofreiter weiter.

Um das Ziel zu erreichen, bräuchte es auf Bundesebene aber "neben mehr Förderung und mehr Anstrengung bei der Infrastruktur auch einen klaren ordnungspolitischen Rahmen". Diesen wollten die Grünen setzen. Der Rahmen sei "notwendig für die Planungssicherheit der Unternehmen". Sie wüssten dann, dass sie ab jetzt alle Ressourcen auf die Entwicklung der E-Mobilität setzen können und dass es in Zukunft dafür auch Absatzmärkte gäbe.

Auto-Zoff bei den Grünen

Das Datum 2030, das Kretschmann einen "Schwachsinnstermin" nannte, verteidigte Hofreiter ebenfalls: Da ein Auto im Schnitt 18 Jahre auf der Straße sei, "müssen wir 2030 bei den Neuzulassungen emissionsfrei sein, wenn wir bis 2050 einen klimaneutralen Verkehr haben wollen". Das brauche es auch, um die Klimaschutzziele einzuhalten.

Derzeit würden die Bundesregierung und Teile der Industrie den Megatrend Elektromobilität verschlafen. Der Absatz von E-Autos käme in Deutschland nicht in Gang, so Hofreiter. "Das wollen wir Grüne ändern. Und dieses Ziel teilen wir alle, auch Winfried Kretschmann, der sich in Baden-Württemberg mit voller Kraft für eine nachhaltige Automobilpolitik einsetzt."

insgesamt 429 Beiträge
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hansso 24.06.2017
1. Kretschmann sagt wie es ist
Ich gebe Kretschmann Recht und halte die ganze Geschichte der e.mobil-Kfz's wie von den Grünen beschrieben und gefordert weit an der Realität vorbei. Weshalb kaufen denn heute sehr wenige diese e-Autos? Weil sie erstens nicht weit kommen, zweitens die Infrastruktur an e-Tankstellen fehlt und, etwas überzogen, keiner übernachten will weil gerade sein Wagen an einer e-Tankstelle "betankt". Hier eine Jahreszahl zu nennen ist schlichtweg falsch, populistisch und zeigt wie träumersich die Grünen agieren.
womo88 24.06.2017
2. Strom woher?
Es ist ja schön und gut, wenn die ganze Welt mit mit Elektroautos fährt. Bisher sind aber wohl die meisten verkauften Elektroautos Kleinwagen für Kurzstreckenverkehr, die nicht für einen Familienurlaub für 4 Personen taugen. Ebenso frage ich, wo der all der Strom herkommen soll um die Welt elektromobil zu machen. In den letzten 5 Jahren ist der Anteil an Wind- und Solarstrom gerade einmal um 8 % gestiegen, und das in Deutschland! Wenn Hofreiter die gesamte Erde mit Elektroautos beglücken will, hat er noch viel zu tun. Oder bauen wir dann verstärkt Kohle- und Atomkraftwerke, um Elektromobile zu betanken?
stempelchen 24.06.2017
3. Wo soll der Strom herkommen
wenn nicht zum großen Teil aus Kraftwerken mit CO2 Ausstoß?
Doktor Weisenheimer 24.06.2017
4. Hofreiter, aufwachen! Ladeinfrastruktur in der Stadt nicht realisierbar!
Kretschmann hat absolut recht. Die Realität ist doch die, daß die allermeisten Auto in der Stadt nicht auf einem privaten Stellplatz oder in einer Garage, sondern auf der Straße parken. Wie soll das bitte schön mit dem Laden auf der Straße funktionieren? Alle vier Meter an der Bordsteinkante eine Ladesäule? Ein Kabel, daß jedem Laternenpfahl über den Gehweg zum Auto führt, so daß der Fußweg zum Hindernisparcour wird? Mit der jetzigen Akkutechnologie und der innerstädtischen Situation vor Augen käme nur das Laden per Induktion (wir reißen bis 2030 mal eben alle Straßen auf und verlegen Induktionsschleifen) oder der Schnellakkutausch (wie von Tesla gezeigt) in Frage. Ansonsten: Wasserstoff und Brennzelle. Oder revolutionäre, neue Akkutechnologie.
daheim 24.06.2017
5. Da muss ich dem Hr. Hofreiter Recht geben,...
wenn die Politik möchte, ist das mit der Infrastruktur kein Problem. Vor über hundert Jahren wurden unsere Haushalte ja schließlich auf elektrifiziert. Irgendwann flogen die Kerzen, Waschbrett etc. raus und rein kam die el. Glühlampe, die Waschmaschiene, der Fön, etc. Heute haben wir den Vorteil, dass schon überall in der Republik Stomleitungen vorhanden sind. Z.b. die Straßenbeleuchtung. In Skandinavien z.B. gibt es an fast jedem öffentlichen Parkplatz eine Steckdose um den Verbrennungsmotor im Skaninavischen Winter wor dem Einfrieren zu bewahren. Meist sind die Heizer kleine Alublöcke mit integriertem Heizstab, die direkt am Motorblock befestigt sind. Die können, je nach Größe des Motors schon mal 3 kW haben. Sie Steckdosen sehen aus wie früher die Parkuhren, die an jedem Parkplatz standen. Wenn die Skandiavier das geschaft haben, sollte das für uns doch auch kein Problem sein?! Also machbar wäre es schon, wenn es plotisch gewollt ist.
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