Winzerprotest in Berlin: Kampftrinken gegen Kurt Beck

Von Ralf Beste

Der Protest von Winzern gegen den Bau einer Mosel-Hochbrücke hat Berlin erreicht. Britische Weinkritiker und eine schwarz-grüne Allianz von Politikern und Publizisten trafen sich zum Kampftrinken in einem China-Restaurant. Als Hauptfeind wurde die SPD-Landesregierung in Mainz ausgemacht.

Computer-Simulation der Mosel-Hochbrücke: Kampf um die beste Riesling-Lage Zur Großansicht
DDP / V-Kon

Computer-Simulation der Mosel-Hochbrücke: Kampf um die beste Riesling-Lage

Jancis Robinson wirkt wie eine echte Lady, sie ist Trägerin eines Ordens des Britischen Empire, eine ihrer vornehmsten Aufgaben ist es, die Queen bei der Pflege ihres Weinkellers zu beraten. Jetzt steht sie mit einem Mikrofon in der Hand in einem China-Restaurant in Berlin-Wilmersdorf, gleich um die Ecke vom Kurfürstendamm. "Die Hauptstadt des Königreichs des Rieslings ist in Gefahr", warnt Robinson.

Sie meint natürlich nicht Berlin, sondern genau gesagt ein paar kleine Dörfer an der Mittelmosel - und die Steilhänge darüber. Der geplante Bau einer riesigen Hochbrücke nahe Bernkastel-Kues drohe die beste Riesling-Lage der Welt zu zerstören, sagt Lady Robinson. Als in Frankreich ähnliche Projekte in Burgund geplant worden seien, hätte die Bevölkerung "Aufstände" dagegen angezettelt: "Es gibt wenige Momente, in denen ich die Deutschen dränge, französischer zu sein, aber dies ist einer."

Der Aufruf zum Aufstand trifft auf Unterstützung. Rund 60 Politiker, Weinkenner und Publizisten haben sich getroffen: die Kerntruppe der "International Riesling Rescue", einer internationalen Bürgerinitiative mit einem ausgesprochen lokalen Ziel. Die Riesling-Retter wollen den Bau der Bundesstraße B50 verhindern, die Eifel und Hunsrück verbinden würde. Die vierspurige Schnellstraße, so die Kritik, würde nicht nur das liebliche Moseltal verschandeln, sondern auch den Wasserhaushalt von etwa zwölf Kilometern bester Riesling-Lagen gefährden. 160 Meter hoch und 1,6 Kilometer lang soll die Brücke werden; das Projekt soll mindestens 270 Millionen Euro kosten.

Die Unterstützung aus dem Ausland hat die konservativen Winzer darin bestärkt, sich massiver als bisher in die Öffentlichkeit zu wagen. Winzer Ernst Loosen berichtet, wie er kürzlich auf einer Vermarktungsreise nach Südostasien und Ozanien immer wieder mit der Brückenfrage konfrontiert wurde. "Ich war keine zehn Minuten aus dem Flieger, da wurde ich gefragt: Was ist mit der verdammten Brücke?" Selbst ein Maori-Häuptling in Neuseeland habe ihn darauf angesprochen. Fazit: Der Riesling von der Mosel wird im Ausland mehr geschätzt als in Deutschland, wo viele Laien sich eher an den Glykolskandal der achtziger Jahre erinnern.

Schwarz-grüne Allianz beim "Chinesen"

Die Versammlung am Kudamm weiß es natürlich besser. Es gibt Rettich-Röllchen süß-sauer, Ente knusprig und Garnelen mit Sichuan-Pfeffer. Zu der scharfen südchinesischen Küche passen die fruchtigen Riesling-Weine überraschend gut. Bei "Zeltinger Sonnenuhr" und "Graacher Himmelreich" sitzen der ehemalige Straßenkämpfer Joschka Fischer und der ehemalige Kohl-Berater Michael Stürmer einträchtig zusammen. Beide staunen zwar über das Zustandekommen der schwarz-grünen Allianz beim Chinesen, aber keinem ist sie peinlich. Auch der Rest der Gäste ist bunt gemischt. Genauso wie Peter Limbourg, der konservative Chefredakteur des Nachrichtensenders N24, haben sich die grüne Fraktionsvorsitzende Renate Künast und mehrere ihrer Parteifreunde zum Kampftrinken in Wilmersdorf eingefunden.

Die engagiertesten Kämpfer des Abends aber sind die Briten. Neben Jancis Robinson reden auch Hugh Johnson und Stuart Pigott. Letzterer fuchtelt während seiner Ansprache mit einer römischen Rebschere herum, als wolle er ihren Nutzen als Nahkampfwaffe prüfen. Dabei möchte der Zeitungskolumnist, der zehn Jahre an der Mosel lebte, lediglich darauf hinweisen, dass dort schon seit 2000 Jahren Wein angebaut werde.

Johnson, mit einer Auflage von 3,5 Millionen Büchern getrost als Weinpapst zu bezeichnen, startet einen emotionalen Appell an die Deutschen, ihre besten Riesling-Lagen nicht zu gefährden. Die Mosel-Region möge für die Deutschen zwar am Rande ihres Landes liegen, aber "international ist sie zentral" - für Weinkenner rund um den Globus. Johnson spart nicht mit Emphase: "Ich habe mein Herz und meine Seele in dieses Projekt gesteckt", sagt er. "Wir werden sie schlagen."

Der Feind, das ist vor allem die rheinland-pfälzische Landesregierung um Ministerpräsident Kurt Beck (SPD). Der Mainzer Minister Hendrik Hering (SPD), zuständig für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau, verteidigt das Bauprojekt mit stoischer Ruhe. Rechtlich sei alles sauber, der Bedarf unbestritten, da gebe es nichts mehr zu deuteln. Als Johnson ihm kürzlich einen Protestbrief geschrieben hatte, entgegnete Hering frech, der Weinkenner möge sich darauf beschränken, die Qualität des Weins zu loben und sich Kritik am Straßenbau zu sparen.

Pigott hält das für eine "Aufforderung zur Selbstzensur", er fordert Hering sogar zum Rücktritt auf. Das findet nur wenig Applaus. Vor allem die Winzer sind keine Revoluzzer, sie wollen diese Brücke verhindern und fertig.

Viele der konservativen Moselaner hoffen eigentlich, dass die CDU ihnen gegen den Baurausch der Landesregierung helfen sollte. Doch die lokalen Christdemokraten sind für den Bau, sie versprechen sich Auftrieb für die heimische Wirtschaft. Zudem waren es in den siebziger und achtziger Jahren CDU-geführte Landesregierungen, die die ursprünglichen Baupläne für die Mosel-Querung erarbeitet hatten.

Viele der Weinproduzenten sind auch entsetzt von dem Projekt, weil sie es für eine gigantische Geldverschwendung halten. Die Brücke bringe nicht die versprochene Beschleunigung der Transitwege von der Nordsee ins Rhein-Main-Gebiet, hat die Bürgerinitiative durchgerechnet. Eine bessere Anbindung der lokalen Wirtschaft sei auch nicht zu erwarten, erläutert der Bernkasteler Abfüller Michael Willkomm, der immerhin 50 Lastwagen besitzt. Und der Tourismus? "Sollen die Touristen mit Fallschirmen abspringen?", spottet Weinpapst Johnson.

Aber immerhin gibt es eine ehemalige Weinkönigin, die heute in der Politik an hoher Stelle sitzt. Julia Klöckner will bei der Landtagswahl 2011 rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin werden. Politisch hat die CDU-Politikerin jetzt schon mit Weinbau zu tun, als Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium. In der Sache hat sie sich öffentlich noch nicht klar eingelassen, via "FAZ" sagte sie immerhin am Samstag, Beck müsse sich "den Bürgerbedenken offen stellen und aufklären".

Damit ist die Angelegenheit im rheinland-pfälzischen Landtagswahlkampf angekommen, was den Leuten von der Bürgerinitiative nur recht ist. Und den Grünen sowieso: "Wo ist der Ministerpräsident oder die, die Ministerpräsidentin werden will", fragt Künast. "Wir werden dafür kämpfen, dass diese Brücke nicht kommt."

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insgesamt 44 Beiträge
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1. winzerprotest in Berlin: Kampftrinken gegen Kurt Beck
Vinodissimo 12.04.2010
Zitat von sysopDer Protest von Winzern gegen den Bau einer Mosel-Hochbrücke hat Berlin erreicht. Britische Weinkritiker und eine schwarz-grüne Allianz von Politikern und Publizisten trafen sich zum Kampftrinken in einem China-Restaurant. Als Hauptfeind wurde die SPD-Landesregierung in Mainz ausgemacht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,688501,00.html
Der einzige Zweck dieser Monsterbrücke besteht darin, dass niederländische- oder belgische LKW's, Wohngespanne usw. schneller nach Süden kommen. Diese schönste Stück der MOsel wird damit für allemal vernichtet.
2. Hochmoselübergang gefährdet über 1000 Arbeitsplätze
schinnerhannes 12.04.2010
Zitat von sysopDer Protest von Winzern gegen den Bau einer Mosel-Hochbrücke hat Berlin erreicht. Britische Weinkritiker und eine schwarz-grüne Allianz von Politikern und Publizisten trafen sich zum Kampftrinken in einem China-Restaurant. Als Hauptfeind wurde die SPD-Landesregierung in Mainz ausgemacht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,688501,00.html
Was in der Diskussion über den Hochmoselübergang zumeist außer acht gelassen wird sind die negativern wirtschaftlichen Auswirkungen. Die Region an der Mosel zwischen Bernkastel-Kues und Traben-Trarbach zählt zu den beliebtesten Reisezielen ganz Deutschlands. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt vom Tourismussektor. Die Hochmoselbrücke gefährdet den Tourismusstandort und mit ihm die wirtschaftliche Existenz von mehr als 1000 Menschen. Zur Zeit gibt es im deutschen Bundetag eine Petition gegen den Hochmosleübergang. Helfen Sie mit die völlige Verschwendung Ihres Steuergeldes zu verhindern: https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition%3bsa=details%3bpetition=10681
3. ...
Reetrix 12.04.2010
In schöner Regelmäßigkeit scheinen Politiker die Landschaft mit irgendwelchen Verkehrsprojekten verschandeln zu wollen. War mit meinen Eltern dort für 2 Wochen. Eine schöne Gegend, aber mit DER Brücke vergeht einem alles...
4. winzerprotest in Berlin: Kampftrinken gegen Kurt Beck
spon_bürger 12.04.2010
Nicht vergessen bei der ganzen Diskussion um den Hochmoselübergang sollte man die Tatasache, dass man diese Trassenführung wollte. Die Winzer aus den umliegenden Orten sind vor 30 Jahren anch Mainz gefahren, um dort für den Bau der Brücke an besagter Stelle zu demonstrieren; mit Erfolg. Die ursprüngliche Trassenführung der A60, heute B50neu, ca. 20 Flusskilometer unterhalb der jetzigen Trasse wurde verworfen. Einer der Gründe für damaligen Proteste war der finanzielle Vorteil der Winzer. Der Bund hat das Land für den Bau der Brücke von den Winzern erworben, die Winzer pachteten ihre Weinberg wieder zu günstigen Konditionen vom Bund zurück - in der Hoffnung die Brücke würde nie gebaut. Vielleicht sollten sich einige Winzer von heute mal mit ihren Kollgen und Vätern unterhalten und nachfragen warum man die Brücke unbedingt haben wollte.
5. Ich gebe keinen Titel mehr an
john mcclane 12.04.2010
Oh, toll Frau Künast: "Wir werden dafür kämpfen, das diese Brücke nicht kommt". Vielleicht sorgt die Tante erstmal in ihrem eigenen Wahlkreis (Recklinghausen in NRW) dafür, das da irgendwelche Projekte "nicht umgesetzt" werden. Findet die Mosel mit Ach und Krach auf der Landkarte, war noch nie da, mischt aber da in der Lokalpolitik mit. Die Alte muß unbedingt zum Psyschiater, bei den Komplexen die die hat. Soll sie sich doch als Spitzenkadidatin in RP aufstellen lassen, aber dann muß man ja seinen Wohnsitz aus Berlin wegverlegen und kann nicht mehr beim In-Chinesen agitieren...
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