Debatte über Integration: Die neuen Deutschen

Von

Sie haben es in Deutschland geschafft und suchen trotzdem noch nach einer Heimat: Mit "Wir neuen Deutschen" haben die drei Journalistinnen Alice Bota, Khuê Pham und Özlem Topçu ein Porträt ihrer Generation geschrieben - und zugleich eine schonungslose Analyse der deutschen Gesellschaft.

Autorinnen Pham, Bota, Topçu: "Wir fühlen, dass wir nicht Teil des Ganzen sind" Zur Großansicht
Jens Boldt

Autorinnen Pham, Bota, Topçu: "Wir fühlen, dass wir nicht Teil des Ganzen sind"

Berlin - Sie finden, dass es sich "verdammt gut lebt in diesem Land". Sie finden: "Wir sind deutscher, als wir denken. Was kann daran schon schlimm sein?"

Müsste nicht alles gut sein? Es ist es nicht. Alice Bota, Khuê Pham und Özlem Topçu haben alle das, was man "Migrationshintergrund" nennt, und sind Redakteurinnen bei der "Zeit" - an einem der "deutschesten Orte der Republik", wie sie selbst schreiben.

Und trotzdem ringen sie darum dazuzugehören, sehnen sich danach, heimisch zu werden. Obwohl sie es in der deutschen Gesellschaft geschafft haben und als Vorbilder herhalten können, trauen sie ihren Biografien immer noch nicht: "Wir fühlen, dass wir nicht Teil des Ganzen sind", so die Autorinnen. "Wir kommen uns manchmal vor wie Hochstapler, wenn wir versuchen, unsere deutschen Leben zu führen."

Die drei jungen Journalistinnen haben jetzt ein Buch über ihre Geschichte in Deutschland geschrieben. "Wir neuen Deutschen" ist keine gefühlige Beschreibung der Suche nach Heimat, es ist ein von großer Ernsthaftigkeit aber niemals von Selbstmitleid getragener Bericht über deutsche Leben, die sich immer noch nicht wie solche anfühlen dürfen.

Hoffnung beim Besuch in der Heimat ihrer Eltern

In Deutschland gibt es Feindschaft gegenüber Migranten - die Autorinnen fragen, wohin diese Ablehnung in den nächsten Jahrzehnten führen wird. "Im Grunde unterscheiden sich unsere Gefühle nicht stark von denen derer, die uns hier nicht wollen. Auch sie kämpfen um das, was sie als ihren Platz empfinden, und ihre Heimat. Was wird aus diesen Gefühlen, wenn wir, die neuen Deutschen, mehr werden? Wird die Wut auf beiden Seiten wachsen? Oder wird sie abklingen, weil alle feststellen, dass die Veränderungen doch nicht so groß sind und wir uns daran gewöhnen?"

Alice Botas Geschichte in Deutschland beginnt mit Fieber. Als ihre Eltern ihr eine Woche nach Ankunft in Deutschland erzählten, dass sie nie mehr zurückkehren werden nach Polen, wird die achtjährige Alice krank. Bota erzählt, wie ihre Eltern ihre Koordinaten aufs Deutschsein ausrichteten, selbst auf Deutsch stritten, mit schwerem Akzent und falschen Artikeln. Wie sie selbst als Mädchen alle Pferde-Comics las, keine polnischen Mädchen kennen wollte, wie sie später im Studium ihre Eltern bat, Polnisch mit ihr zu reden, und wie sie es nicht mehr konnten. Wie sie sich daheim fühlte in einem polnischen Studentenheim, weil niemand Fragen stellte.

Khuê Pham beschreibt, wie es sie immer noch verstört, wenn andere sie, die Berlinerin, als erstes nach ihren Wurzeln fragen: "Wieso sprechen andere mit mir, als sei ich ein Baum? Meine Herkunft und meine Familie sind keine Tabuthemen, ich möchte sie nur nicht vor Menschen ausbreiten, mit denen ich auch andere persönliche Themen nicht besprechen würde". Sie berichtet von ihren strengen Eltern, die sie zum Ballett- und Cellounterricht brachten und davon, wie der Halt ihrer Familie sie zwar stütze aber auch zu erdrücken drohte.

Özlem Topçu wurde beim ersten Fasching von ihrem Vater als Clown verkleidet, weil die Mutter Schichtdienst hatte. Erst im Kindergarten merkte sie, wie wenig sie zu den deutschen, den lustig verkleideten Kindern, passte und hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Topçu erzählt, wie es keine Verbindungen gab zwischen den Welten, der Schule vormittags und nachmittags zu Hause, wie sie versuchte, alles aufzuholen, zu einem "Zweite-Weltkriegs-Nerd" wurde und "versuchte, die deutsche Geschichte zu ihrer eigenen zu machen. Nur eben ohne Wehrmachtsopa".

"Wir stellten uns vor, dass deutsche Eltern stärker waren als unsere"

Beim Besuch in den Heimatländern ihrer Eltern, in Vietnam, in Polen und in der Türkei, so schreiben es die Autorinnen, hätten sie immer gehofft: Vielleicht fühle ich mich dort plötzlich zu Hause. Sie erzählen, wie sie dort Glück empfanden, wie sie sich "wärmer fühlten", "wie Ehrengäste" - und wie sie danach doch froh waren, wieder nach Deutschland zu fahren, weil sie das Heimatland ihrer Eltern nie so lieben würden, wie ihre Eltern es tun.

Was es für das Verhältnis zu ihren Eltern bedeutet hat, dass sie ihnen als Kinder oft den Weg weisen mussten, dass sich stark und schwach verkehrte - auch das kommt in dem Buch vor: "Sie büßten Autorität ein, weil oft wir es waren, die ihnen zeigten wo es in Deutschland lang ging - nicht umgekehrt", und: "Wir stellten uns vor, dass deutsche Eltern stärker waren als unsere."

Die persönlichen Geschichten der Autorinnen und ihrer Eltern sind zugleich ein Stück Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, die immer noch - fast 60 Jahren nach der Ankunft der ersten Gastarbeiter - zu unsichtbar ist, weil ihre Nachkommen noch viel zu selten dort sitzen, wo sie sich sichtbar machen können. Mit "Wir neuen Deutschen", ist den Journalistinnen Bota, Pham und Topçu das Porträt ihrer Generation - der jungen, gebildeten, engagierten Einwandererkinder gelungen - einer Generation, die auch Ansprüche an Deutschland stellt. "Unsere Eltern sind hier eingewandert, wir sind hier aufgewachsen - deshalb fühlen wir uns dem Land zugehöriger als sie. Wir fordern und erwarten mehr."

Zugleich macht das Buch schmerzhaft klar, was uns allen verlorengegangen ist, wenn wir uns nicht interessierten. Topçus Mutter wurde von ihren Kollegen nie gefragt, wie es denn war, ihr Leben zurückzulassen. Sie wurde nur immer gefragt, wann sie denn zurückgehen wolle, auch noch an ihrem letzten Arbeitstag. Die Topçus, Botas und Phams von heute braucht man hingegen nicht mehr zu fragen, wo sie denn eigentlich herkommen. Sie kommen aus Berlin, Hamburg, Flensburg, München oder Dortmund.

Man kann sie ganz andere Sachen fragen - sie werden über vieles nachgedacht haben. "Wir neuen Deutschen" zeigt, dass ihre "hybride Identität" - so nennen die Autorinnen ihre Biografie zwischen zwei Ländern - das Leben eben nicht nur manchmal schwerer macht, sondern auch zu mehr Reflexion über das jeweils andere führen kann. Zu mehr Position, zu mehr Haltung.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 195 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Der hiesige Schulleiter
fwittkopf 08.09.2012
setzt "deutsche" Kinder öffentlich in Anführungszeichen und die Kanzlerin nutzt niemals dieses Wort. Deutsche gibt es nicht, auch keine neuen Deutschen. Im alten grünen Reisepaß gab es sie noch,aus und vorbei. Deutschland, ein Rahmen für irgendwas und Integration ist nur ein Wort.
2. Wann ist man deutscher als andere
Philosophie 08.09.2012
Ob David Mc Allister auch ständig gefragt wird "woher er komme?" und warum spricht niemand über Phillip Roesler als Deutschen mit Migrationshintergrund?Ich glaube solange man als Deutscher in der 4.Generation in D lebt aber Ahmet oder Ayse heisst ist man immer noch Auslaender??
3. gut, dass sie hier sind.
PhysikerTeilchen 08.09.2012
echt gut.
4.
soulamite72 08.09.2012
Zitat von sysopSie haben es in Deutschland geschafft und suchen trotzdem noch nach einer Heimat: Mit "Wir neuen Deutschen" haben die drei Journalistinnen Alice Bota, Khuê Pham und Özlem Topçu ein Porträt ihrer Generation geschrieben - und zugleich eine schonungslose Analyse der deutschen Gesellschaft. "Wir neuen Deutschen": Journalistinnen schreiben Buch zu Integration - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,851311,00.html)
wie wird die Zukunft aussehen? gute Frage...die Geschichte hat gezeigt das extreme Wirtschaftskrisen zur Extremisierung der politischen Landschaft geführt hat. Daher ist es nicht unwahrscheinlich -vor dem Hintergrund einer drohenden Weltwirtschaftskrise- das es zu Deportationen von Migranten in Deutschland kommen könnte
5. wer bin ich?
Neinsowas 08.09.2012
Ganz ehrlich, auch nicht jeder Deutsche hat diese Tradition zu einem Ort oder einer Landschaft zu gehören. Die Älteren fühlen sich in der neuen Zeit nicht mehr zu Hause. Und Familien tragen auch nicht mehr. Es ist eine Zeit, in der sich Grenzen öffnen und Grenzen verschwimmen und Unbegrenztheit dazu führt, in sich die Position zu bestimmen, wenn man kann. Es hat kaum mehr mit Hautfarbe oder Sprache zu tun. Im Schwarzwald spricht man alemannisch, auch nicht für jedermann verständlich, wer aus dem übernächsten Ort kommt ist der "Neigschmeckte"... Menschen haben sich schon immer voneinander abgegrenzt. Heutzutage bricht da etwas innerhalb weniger Generationen auf - Globalisierung eben. Das subjektive Gefühl sucht nach Grenzen, der objektive Verstand hat sie längst überwunden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Integration
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 195 Kommentare
Zur Person
  • Jens Boldt
    Alice Bota, geboren 1979 im polnischen Krapkowice, kam als Achtjährige mit ihren Eltern nach Deutschland. Bota studierte nach dem Abitur unter anderem Neuere Deutsche Literatur und Politikwissenschaft. Nach dem Studium absolvierte Bota die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Anschließend ging sie als Politikredakteurin zur "Zeit". 2009 erhielt sie den Axel- Springer-Preis für junge Journalisten.

  • Jens Boldt
    Khuê Pham wurde 1982 in Berlin geboren. Sie studierte an der London School of Economics, danach arbeitete sie unter anderem für den "Guardian". Pham besuchte die Henri-Nannen-Schule für Journalisten in Hamburg. Seit 2010 ist sie Politikredakteurin bei der "Zeit".

  • Jens Boldt
    Özlem Topçu wurde 1977 in Flensburg geboren. Sie studierte Islamwissenschaft sowie Politik- und Medienwissenschaft. Topçu besuchte die Axel-Springer-Journalistenschule. Seit 2009 ist sie Politikredakteurin bei der "Zeit". Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis.

Buchtipp