Manipulations-Gerücht Wirbel um angeblichen FDP-Anruf bei Umfrageinstitut

Hat ein führendes FDP-Mitglied versucht, kurz vor der Niedersachsen-Wahl bei einem Umfrageinstitut Zahlen für die Liberalen nach unten zu korrigieren, um damit Parteichef Rösler zu schaden? In der Partei herrscht Aufregung, der angebliche Anrufer dementiert, auch die Demoskopen sind empört.

FDP-Parteizentrale in Berlin: Wer ruft wen wann an?
dapd

FDP-Parteizentrale in Berlin: Wer ruft wen wann an?

Von


Berlin - Der Vorwurf klingt ungeheuerlich: Kurz vor der Niedersachsen-Wahl am 20. Januar soll ein bekanntes FDP-Mitglied mit einem Anruf bei einem führenden Meinungsforschungsinstitut versucht haben, die Zahlen in einer Umfrage für die Liberalen herunterzudrücken. Das vermeintliche Ziel: den sanften Aufschwung der Liberalen in Niedersachsen abzubremsen, um so FDP-Parteichef Philipp Rösler zu schaden und ihn im Falle einer Niederlage bei der Landtagswahl vom Parteisitz wegzudrängen.

Ein Bericht in der "Welt", wonach ein führendes FDP-Mitglied im Bundesvorstand auf einer Sitzung am Tag nach der Niedersachsen-Wahl den Verdacht offen ansprach, wurde SPIEGEL ONLINE von mehreren Vorstandsmitgliedern am Donnerstag bestätigt.

Das Gerücht waberte in der Partei offenbar schon länger. Bereits mehrere Tage vor dem Urnengang in Niedersachsen hatten führende FDP-Mitglieder von einem angeblichen Anruf eines FDP-Mitglieds beim Umfrageinstitut Infratest dimap Wind bekommen.

Hintergrund für den mutmaßlichen Anruf soll ein Ländertrend des Instituts vom 10. Januar gewesen sein, in dem die Liberalen seit längerem wieder auf fünf Prozent in Niedersachsen kamen. Ein Signal der Aufmunterung, wie es viele liberale Wahlkämpfer und auch Rösler selbst für seinen Heimatverband erhofft hatten. Manche, die Rösler in der FDP von der Spitze weghaben wollten, sollen darin eine Gefahr gesehen haben.

Anfänglich wurden drei Namen in der FDP genannt, die für den angeblichen Anruf in Frage gekommen sein sollen. Am Ende konzentrierte sich das Gerücht auf einen Mann: den Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Hans-Jürgen Beerfeltz (FDP). Er soll bei einem Mitglied der Geschäftsführung von Infratest angerufen haben. Das Ziel der angeblichen Intervention: die FDP in Umfragen vor dem Urnengang möglichst unter der Fünf-Prozent-Hürde zu halten, um damit potentielle FDP-Wähler abzuschrecken und so das Ende Röslers indirekt zu beeinflussen.

Gezielte Intrige gegen Niebel?

Das Pikante an dem Vorwurf: Beerfeltz, einst Bundesgeschäftsführer der FDP, ist ein enger Weggefährte von Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP). Der hatte bereits auf dem Dreikönigstreffen der Liberalen am 6. Januar mit einer aufsehenerregenden Rede indirekt Röslers Zukunft an der Spitze der Partei in Frage gestellt. Das brachte Niebel Unmut in der Partei ein - viele empfanden seinen Auftritt zwei Wochen vor der Wahl als unsolidarisch.

Bekanntlich ging die Wahl am 20. Januar zur Überraschung der Rösler-Gegner und aller politischen Beobachter für die FDP mit einem sensationellen Ergebnis aus: Sie erreichte in Niedersachsen 9,9 Prozent.

Die Pläne, Rösler von der Spitze zu verdrängen, waren damit gescheitert. Auf der Präsidiumssitzung am 21. Januar, auf der sich Rösler schließlich gegenüber seinem Kontrahenten, dem FDP-Bundestagsfraktionschef Rainer Brüderle, durchsetzte, hatte sich Niebel offen für Brüderle an der Parteispitze ausgesprochen.

Nun wird in der FDP vermutet, der mutmaßliche Anruf sei eine abgesprochene Aktion zwischen Beerfeltz und Niebel gewesen. Andere wiederum sprechen von einer gezielten Intrige, um Niebel bei den kommenden Gremienwahlen auf dem Bundesparteitag im März zu schaden. Niebel ist Mitglied des Präsidiums. Beerfeltz selbst ließ auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklären: "Es hat keine solche Einflussnahme gegeben. Sie wäre im Übrigen strategisch sogar völlig absurd gewesen."

Das Gerücht, in Verdacht geraten zu sein, war auch Beerfeltz zu Ohr gekommen. Er selbst hatte, nachdem im FDP-Bundesvorstand der angebliche Anruf kolportiert worden war, wenig später mit dem betreffenden FDP-Politiker Kontakt aufgenommen. Der soll ihm zugesichert haben, den Vorwurf nicht mehr zu erheben, hieß es.

Empört auf die Gerüchte um das angebliche Telefonat reagierte auch das Umfrageinstitut. Es sieht die Gefahr einer Rufschädigung. Infratest-dimap-Geschäftsführer Richard Hilmer sagte SPIEGEL ONLINE: "Das ist ein Aberwitz, dass eine Partei bei einem Meinungsforschungsinstitut anrufen soll, um dann auch noch ihre Werte nach unten korrigieren zu lassen." Er bestritt, dass es jemals ein solches Telefonat gegeben hat. Die Vorwürfe seien absurd, so Hilmer: "Infratest dimap wird doch nicht seinen guten Ruf aufs Spiel setzen."

Mitarbeit: Lazar Backovic

insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hubertrudnick1 14.02.2013
1. Fdp
Zitat von sysopdapdHat ein führendes FDP-Mitglied versucht, kurz vor der Niedersachsen-Wahl bei einem Umfrageinstitut Zahlen für die Liberalen nach unten zu korrigieren, um damit Parteichef Rösler zu schaden? In der Partei herrscht Aufregung, der angebliche Anrufer dementiert, auch die Demoskopen sind empört. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wirbel-um-angeblichen-fdp-anruf-bei-infratest-dimap-a-883337.html
Dazu kann ich nur noch sagen, man brauch keine Angst vor anderen außenstehenden politischen Gegnern zu haben, die schlimmsten Feinde befinden sich immer in den eigenen Reihen und das trifft allerdings auf alle Parteien, Orgarnisationen und Religionen zu.
Sebamo 14.02.2013
2. Es muss nur FDP erwähnt werden...
...dann gilt so ein Vorfall bereits als erwiesen. Hilfe....
mcvit 14.02.2013
3. Und es geht weiter,...
..der Dramödie x-ter Teil. Ich finde es mittlerweile aber schon grob fahrlässig, dass Spon solche Banalitäten einer kleinen Partei als für den Leser so wichtig erachtet und damit immer mehr in das Lager des Kampagnenjournalismus abgleitet, wie ihn "Europas größte Tageszeitung" betreibt. In Kombination mit dem Beitrag zum Fracking von Herr Münchau vom 13.02.2013 sehe ich mittlerweile die Objektivität des Spiegels, was ja ein Qualitätsmerkmal des Journals ist/war, in Gefahr
bbr1960 14.02.2013
4. Die Umfrageergebnisse wirkten schon wie bestellt.
Es ist doch ganz einfach: Ein Umfrage Ergebnis um die 3 %, und niemand gibt der Partei mehr seine Stimme, aus Angst diese zu verschenken. Eine Umfrageergebnis um die 7 %: Alles OK, die Leute entscheiden nach politischer Überzeugung. Aber liegt das Umfrageergebnis um die 5 %, dann überlegen plötzlich viele Wähler, ob sie der FDP nicht eine Leihstimme geben, um zu verhindern, dass knapp 5 % der Stimmen dem schwarz/gelben Bündnis ganz verloren gehen. Und kurz vor der Niedersachsenwahl stiegen die Umfragewerte von 3 auf 5 %. Optimal, um viele Leihstimmen zu bekommen, und daher auch optimal für Rösler.
hxk 14.02.2013
5. FDP Mitglied?
---Zitat--- Geschäftsführer Richard Hilmer sagte SPIEGEL ONLINE: "Das ist ein Aberwitz, dass eine Partei bei einem Meinungsforschungsinstitut anrufen soll, um dann auch noch ihre Werte nach unten korrigieren zu lassen."* Er bestritt, dass es jemals ein solches Telefonat gegeben hat. *Die Vorwürfe seien absurd, so Hilmer: "Infratest dimap wird doch nicht seinen guten Ruf auf's Spiel setzen. ---Zitatende--- Dass hier ein Gerücht(!) derart breit getreten wird, ist ein Zeichen für den Niedergangder Presse, deren Aufgabe es eigentlich wäre, dass Gerücht zuerst auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen und da der null ist, ist es ungeheuerlich, dass das veröffentlicht wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.