Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Wirtschaftsentwicklung: Schwarz-Gelb fürchtet den Abschwung

Nach einem starken Jahr 2011 wächst die Sorge vor einer Abkühlung der Konjunktur. Führende Institute senken in Prognosen ihren Daumen - auch die Bundesregierung rechnet offenbar nur noch mit einem Mini-Wachstum. Schlägt 2012 auch hierzulande die Euro-Krise durch?

Kanzlerin Merkel, Finanzminister Schäuble: Das Regieren dürfte härter werden Zur Großansicht
AFP

Kanzlerin Merkel, Finanzminister Schäuble: Das Regieren dürfte härter werden

Berlin - Sagen wir es so: Gemessen an den Umständen ist 2011 geradezu prächtig verlaufen. Während die Euro-Krise so manche Wirtschaft in Turbulenzen stürzte, lief hierzulande der Motor einfach weiter. Der Export boomte, die Arbeitslosigkeit sank, die Steuereinnahmen sprudelten. Noch besser, so glauben viele, hätte es kaum kommen können.

Doch auf einen Rausch folgt bekanntlich nicht selten ein Kater. Und so wächst in diesen Tagen in der Bundesregierung und der Wirtschaft die Sorge vor einem kräftigen Abschwung - und einem weit schwierigeren Jahr.

Längst haben die führenden Wirtschaftsinstitute ihre Wachstumsprognosen für die kommenden zwölf Monate teils deutlich heruntergeschraubt, mehr als ein Prozent erwartet kaum noch jemand für 2012. Auch die schwarz-gelbe Koalition will sich nun offenbar korrigieren. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Schuldenkrise werde die Prognose von einem Prozent überarbeitet, schreibt der "Focus". Mitte Januar solle ein niedrigerer Wachstumswert präsentiert werden.

Selbst ein dramatischer Einbruch scheint in der Bundesregierung nicht mehr ausgeschlossen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) versicherte nach SPIEGEL-Informationen vergangene Woche den Gewerkschaftsvorsitzenden, im Falle des Falles nicht nur das Kurzarbeitergeld wieder einzusetzen, sondern auch die staatlichen Investitionen zu verstärken - also ein weiteres Konjunkturprogramm aufzulegen.

Viel hängt ab von der Entwicklung der Schuldenkrise

Dass sich die Konjunktur stark abschwächen wird, gilt bereits als eingepreist. Nur an eine Rezession will noch niemand denken. Die Chefs der großen Wirtschaftsverbände halten das Horrorszenario angesichts der guten Auftragslage ihrer Unternehmen für unwahrscheinlich. "Konjunkturell erwarten wir zwar eine Abkühlung, aber keine Rezession", gibt sich der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Hans-Peter Keitel, zuversichtlich. Sein Kollege vom Industrie- und Handelskammertag, Hans Heinrich Driftmann, pflichtet ihm bei. Er glaubt, dass es am Arbeitsmarkt weiter gut laufen werde, will selbst einen erneuten "Stellenzuwachs" nicht ausschließen.

Doch etliche Risiken lauern, das ahnt auch die Bundesregierung. Die USA schleppen sich wirtschaftlich voran, selbst China ist ausgebremst worden. Aber es sind vor allem die Unwägbarkeiten der europäischen Schuldenkrise, die die Furcht vor einem Dümpel-Jahr mit allen Konsequenzen wachsen lassen. Die Krise gilt als Risiko Nummer eins für die Entwicklung der hiesigen Wirtschaft. Was, wenn die Euro-Zone auseinanderbricht - oder gar Gemeinschaftswährung geopfert wird? Was, wenn die Krise die globale Konjunktur weiter in Schwierigkeiten bringt und irgendwann doch noch auf den deutschen Markt durchschlägt?

Führende Wirtschaftsforschungsinstitute erhöhen deshalb den Druck auf Schwarz-Gelb, der Krise entschlossener zu begegnen. Der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar, mahnt, die Schuldenkrise sei "noch lange nicht ausgestanden". Vielmehr könne sie sogar "weiter eskalieren". Der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, Christoph Schmidt, fordert eine rasche Umsetzung der Beschlüsse des jüngsten Gipfels der europäischen Staats- und Regierungschefs.

"Ansonsten wird die Euro-Zone auseinanderbrechen"

Sätze wie die des Chefvolkswirts der Deutschen Bank, Thomas Mayer, zeigen, wie angespannt die Lage ist. Mayer sieht 2012 als Entscheidungsjahr für den Euro - und Italien sei dabei das Zünglein an der Waage. "Es geht um nichts Geringeres als die Frage, ob die europäische Währung überlebt. Und das wird von Italien abhängen", sagte Mayer der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Zu Beginn des nächsten Jahres werde Italien in eine tiefe Rezession stürzen. "Wenn es dem Land gelingt, da vor den Wahlen im Mai 2013 wieder herauszukommen - was ich erwarte -, dann kann Italien ein Vorbild für alle südeuropäischen Staaten werden. Ansonsten wird die Euro-Zone auseinanderbrechen."

Einige Banken scheinen sich bereits auf den schlimmsten Fall vorzubereiten. Laut "Wall Street Journal" beschäftigt die internationalen Finanzinstitute immer stärker die Sorge, dass die Währungsunion zerbrechen könnte.

Sollte es dazu kommen, dürften die ohnehin mageren Konjunkturerwartungen hierzulande hinfällig sein. In der Bundesregierung weiß man, wie viel von der europäischen Entwicklung abhängt - womöglich gar das eigene politische Schicksal. Und so sucht die Kanzlerin nach Wegen, um das Wachstum in Europa zu steigern. Nach SPIEGEL-Informationen führt die Bundesregierung derzeit Gespräche darüber, wie vorhandene EU-Fördermittel effizienter eingesetzt werden könnten. Auch das Kreditvolumen der europäischen Förderbank soll offenbar erhöht werden.

Klar ist: Je trüber die wirtschaftlichen Aussichten für 2012 werden, je weiter die Krise um sich greift, desto härter wird für Schwarz-Gelb das Regieren. Schon der Umstand, dass die nächste Bundestagswahl nicht mehr allzu weit entfernt ist, wird manche Krisen-Debatte noch beschleunigen. Einen kleinen Vorgeschmack bekam die Koalition dieser Tage bereits. Wohlwissend, dass wohl besonders seine Wählerschaft unter einem konjunkturellen Einbruch leiden würde, machte SPD-Chef Sigmar Gabriel die soziale Gerechtigkeit als zentrales Wahlkampfthema für 2013 aus.

Es gehe, so Gabriel, um einen Richtungswahlkampf. "Die Alternative lautet: Rot-Grün oder Schwarz-Gelb."

vme/dpa/dapd/Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 63 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. und weiter?
Klapperschlange 26.12.2011
Zitat von sysopNach einem starken Jahr 2011 wächst die Sorge vor einer Abkühlung der Konjunktur. Führende Institute senken in Prognosen ihren Daumen - auch die Bundesregierung rechnet offenbar nur noch mit einem Mini-Wachstum. Schlägt 2012 auch hierzulande die Euro-Krise durch? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,805831,00.html
Wo ist das Problem? Die Abkühlung einer sehr guten Konjunktur ist doch etwas ganz Normales. Zustände, wie in der EX-DDR sind nicht zu erwarten, also locker bleiben und den Ball flach halten.
2. Wie jetzt, Abschwung?
aschu0959 26.12.2011
Ich warte noch drauf das was vom letzten Aufschwung bei mit ankommt?
3. Fürchtet Euch nicht
Foul Breitner 26.12.2011
Zitat von sysopNach einem starken Jahr 2011 wächst die Sorge vor einer Abkühlung der Konjunktur. Führende Institute senken in Prognosen ihren Daumen - auch die Bundesregierung rechnet offenbar nur noch mit einem Mini-Wachstum. Schlägt 2012 auch hierzulande die Euro-Krise durch? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,805831,00.html
Schwarz Gelb muß den Abschwung nicht fürchten. Würde sie mehr für die Binnenkonjunktur tun, was alle Wirtschaftswissenschaftler empfehlen, wären wir vom Weltmarkt weniger abhängig.
4. Prost 2012
TheFrog 26.12.2011
Zitat von sysopNach einem starken Jahr 2011 wächst die Sorge vor einer Abkühlung der Konjunktur. Führende Institute senken in Prognosen ihren Daumen - auch die Bundesregierung rechnet offenbar nur noch mit einem Mini-Wachstum. Schlägt 2012 auch hierzulande die Euro-Krise durch? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,805831,00.html
Wer glaubt, es wird hier im Land so weitergehen wie bisher, liegt glaube ich, ziemlich weit daneben. Wir leben ja schließlich nicht in einer Enklave, an der alles spurlos vorbeigeht. Sollte hierzulande die Konjunktur einbrechen oder sich das Wirtschaftswachstum deutlich eintrüben, wäre auch der Bundeshaushalt für 2012 Makulatur (..ist er eigentlich sowieso schon, das sollte jeder wissen, der schon einmal ein Budget erstellt hat. Bricht einer oder mehrere Parameter weg, ist alles für die Katz). Muss dann auch noch aus den Bürgschaften Geld fließen, und dieses Szenario ist m.E. gar nicht so unwahrscheinlich, gehen wir langsam vom Sink- in den Sturzflug über. Die Augenwischerei wird sich noch weiter verstärken, je näher die Wahlen rücken. Mein Problem dabei ist, rot-grün oder schwarz-gelb sind keine Alternativen. Da gäbe es noch Rot-Rot-Grün, Rot-schwarz, etc., etc., alles "Alternativlos" ! Es bleiben immer die gleichen an den Fleischtöpfen und predigen dem Volk weiterhin, Wasser zu trinken. Man darf auf das nächste Jahr gespannt sein.
5. Nullen mit Vorahnungen !
Gerdtrader50 26.12.2011
Zitat von sysopNach einem starken Jahr 2011 wächst die Sorge vor einer Abkühlung der Konjunktur. Führende Institute senken in Prognosen ihren Daumen - auch die Bundesregierung rechnet offenbar nur noch mit einem Mini-Wachstum. Schlägt 2012 auch hierzulande die Euro-Krise durch? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,805831,00.html
Sie ahnen richtig, die Nichtswisser und Nichtskönner. Sie sollten sich nicht soviel fürchten, sondern die richtigen Massnahmen zur Stabilisierung ihrer Schrottwährung durchführen und die notwendigen Schritte einer nachfrageorientierten Wirtschafts- und Finanzpolitik in Europa, involviert eine antizyklische Geldpoltik, betreiben und der maroden Konjunktur des Kontinentes endlich Schwung verleihen helfen, ansonsten können sie sich hinterher fürchten, wenn die Kontinentalbevölkerung wegen Rezessionen und einer beginnenden Depression die Granden aus dem Kontinent jagt. Sie mögen endlich aufwachen, die Bankenretter und Währungsretter, ansonsten, Posten alle der Reihe nach weg. Würde ihnen nichts schaden, kein Mensch kann die mehr sehen und hören.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Grafiken: Die wichtigsten Fakten zur Schuldenkrise


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: