Asylbewerber in Deutschland Wer an der Flüchtlingskrise verdient

Hunderttausende Menschen kommen nach Deutschland. Für die Behörden sind die vielen Flüchtenden eine Herausforderung - für einige Unternehmen sind sie ein Millionengeschäft.

Asylbewerber vor einer Unterkunft in Berlin: "Die Spendenbereitschaft ist hoch"
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Asylbewerber vor einer Unterkunft in Berlin: "Die Spendenbereitschaft ist hoch"

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Ist es unmoralisch, wenn Unternehmer mit der Not der Flüchtlinge in Deutschland Geld verdienen? Nicht zwangsläufig.

So sind zum Beispiel viele Kommunen mit der Unterbringung der Menschen überfordert, manchmal müssen binnen wenigen Tagen Hunderte Schlafplätze organisiert werden. Hinzu kommen die Verpflegung und ärztliche Versorgung. Viele Behördenmitarbeiter sind entsprechend froh, auf private Anbieter zurückgreifen zu können.

Sechs Milliarden Euro will der Bund im kommenden Jahr für die Flüchtlingshilfe frei machen. Neben einzelnen Unternehmen werden ganze Branchen von den Asylbewerbern profitieren, genauso wie Hilfs- und Bildungseinrichtungen, die nun neue Stellen schaffen. Wie sieht das im Einzelnen aus? Ein Überblick:

Betreiber von Flüchtlingsunterkünften

Der größte private Betreiber von Flüchtlingsunterkünften in Deutschland ist European Homecare aus Essen. Das Unternehmen ist für knapp hundert Einrichtungen zuständig, in denen 15.000 Asylbewerber untergebracht sind. Bereits von 2012 auf 2013 legte der Umsatz des Unternehmens um 72 Prozent auf rund 16,7 Millionen Euro zu, der Gewinn wuchs von 585.000 auf mehr als 1,4 Millionen Euro. Obwohl die Zahlen noch aus der Zeit vor dem deutlichen Anstieg der Flüchtlingszahlen stammen, führt die Firma selbst die Zunahme auf höhere Asylbewerber-Zahlen zurück.

Für 2014 gibt es noch keine Zahlen, Unternehmenssprecher Klaus Kocks zufolge haben sich die Zahlen im vorigen Jahr aber erneut verdoppelt. Berichte, wonach das Unternehmen unter anderem massiv an Personalkosten spart, um diese Zahlen zu erreichen, weist der Sprecher zurück.

In München versorgt das Schweizer Unternehmen ORS die 350 Bewohner eines Aufnahmelagers. Das Unternehmen ist seit 2014 in Deutschland tätig. ORS betreibt auch das österreichische Flüchtlingslager in Traiskirchen, in dem Amnesty International vor wenigen Wochen "unhaltbare Zustände" anprangerte.

Baubranche

Es ist allerdings nur ein erster Schritt, die Flüchtlinge in provisorische Unterkünfte aufzunehmen - langfristig muss bezahlbarer Wohnraum her. Andreas Geyer vom Zentralverband des Deutschen Baugewerbes geht von einem Bedarf von 400.000 Wohnungen aus, wovon etwa ein Viertel im sozialen Wohnungsbau entstehen müsse.

Für die Baubranche bedeutet der Andrang der Flüchtlinge trotzdem erst einmal: nichts. Für die erste Unterbringung bemühen sich die Kommunen vor allem um kurzfristige Lösungen, etwa indem massenhaft Container aufgestellt werden. Mittelfristig könne die Branche aber einen deutlichen Schub bekommen, sagt Iris Grundmann, Sprecherin des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie. Davon würden vor allem Firmen profitieren, die sich etwa auf das Herstellen einzelner Module spezialisiert haben.

Container-Vertreiber

Schneller als Neubauten entstehen Container-Dörfer, entsprechend steigt die Nachfrage. Die Firma Algeco in Kehl etwa wirbt mit dem Rundum-Service: "Einfach wohlfühlen" ist ihre Devise, da sind dann Innenausbau, Heizung, Klimatisierung, Sicherheitstechnik, Mobiliar, Montage und der Spielplatz draußen schon inklusive.

Durchschnittlich 8000 Euro kostet ein Standard-Container, der drei mal sechs Meter misst. Die Firmen kommen der Nachfrage kaum noch hinterher, sagt Günter Jösch vom Bundesverband Bausysteme. Die Lieferzeiten liegen bei rund einem halben Jahr, jede Woche würden in Deutschland etwa tausend Exemplare gefertigt. Aufträge aus dem öffentlichen Bereich zum Kauf oder Anmieten machen Jösch zufolge etwa 30 Prozent des Umsatzes in der Branche aus - vor einem halben Jahr seien es noch etwa 15 Prozent gewesen.

Hostel-Betreiber

Einige Hoteliers und Hostelbetreiber verdienen durch den Flüchtlingsandrang, seitdem die regulären Unterkünfte an manchen Orten an die Grenzen ihrer Kapazitäten stoßen. Hoteliers, deren Häuser bislang nicht ausgebucht waren, können nun auf dauerhaft vermietete Betten hoffen. Die Kosten übernimmt der Staat, die Preise handeln die Behörden mit jedem Betreiber einzeln aus.

In Berlin zum Beispiel bezieht die Landesregierung seit April Hostels zur Unterbringung der Asylbewerber verstärkt mit ein. Nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) sind so derzeit 1500 Flüchtlinge untergebracht. Kostenpunkt: bis zu 50 Euro pro Kopf pro Tag.

Private Vermieter

Asylbewerber dürfen sich mit entsprechender Erlaubnis nach mindestens drei Monaten in einer Flüchtlingsunterkunft um eine eigene Bleibe bemühen. Die Kosten für die Mietwohnung übernehmen die Ämter. Die Unterkunft darf allerdings maximal so teuer sein, wie es die Hartz-IV-Mietobergrenzen der Kommunen erlauben. In Nordrhein-Westfalen liegt diese Grenze beispielsweise für eine dreiköpfige Familie bei etwa 640 Euro.

Sicherheitsfirmen

Trotz des Skandals um misshandelte Flüchtlinge in einer nordrhein-westfälischen Unterkunft läuft es für die Sicherheitsbranche momentan gut. Mehr als 5000 Sicherheitskräfte sind momentan an Flüchtlingsunterkünften im Einsatz, vor wenigen Wochen waren es noch 4000. Am Gesamtumsatz der Branche macht dieses Geschäft allerdings einen sehr bescheidenen Anteil aus: Die insgesamt rund 185.000 Beschäftigten erwirtschaften einen Jahresumsatz von etwa 5,2 Milliarden Euro.

Wohlfahrtsverbände

Anders als Unternehmen sehen sich Wohlfahrtsverbände wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in erster Linie als Helfer, die Wirtschaftlichkeit ist nachgeordnet. Angesichts der großen Zahl der Hilfesuchenden steht das DRK vor einer großen Herausforderung - parallel aber seien Spendenbereitschaft und ehrenamtliches Engagement der Deutschen deutlich gestiegen, sagt DRK-Sprecher Dieter Schütz.

Das hohe Engagement der Menschen in den vergangenen Wochen bestätigt auch der Malteser Hilfsdienst: "Wir spüren einen Zuwachs an Hilfsbereitschaft - sei es an Zeit, die die Menschen investieren, Sachspenden oder Geld", sagt Malteser-Vorstand Douglas Graf von Saurma-Jeltsch. "Die Spendenbereitschaft ist hoch."

Lehrer in Bildungseinrichtungen

Die Integration der Flüchtlinge in Deutschland habe größte Priorität, hat Angela Merkel im Bundestag gesagt. Tatsächlich haben Flüchtlinge, deren Aufenthaltsstatus in Deutschland noch nicht geklärt ist, kein Anrecht auf Integrationskurse. Trotzdem verzeichnen die Bildungseinrichtungen jetzt schon einen deutlichen Anstieg der Nachfrage, sagt Christel Griepenburg vom Internationalen Bund (IB). Sie rechnet noch mit einem viel höheren Zuwachs, wenn die Politik ihr Vorhaben umsetzt und Kurse für Flüchtlinge mit Bleiberechtsperspektive zulässt.

Gleichzeitig müssen die Einrichtungen viele neue Lehrkräfte einstellen. Heißt: Lehrer, die vorher nicht an Schulen untergebracht werden konnten, können jetzt auf Honorarbasis Geld verdienen. Für die Bildungseinrichtungen seien die Aufträge hingegen häufig nicht einmal kostendeckend, sagt Griepenburg.

Behörden

Derzeit werden Stellen geschaffen, die auch nach dem starken Andrang bestehen bleiben und so längerfristig zu einer Entlastung führen könnten. Im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) beispielsweise sollen die Beamtenstellen noch dieses Jahr deutlich aufgestockt werden: Zu den 3000 Mitarbeitern - von denen 550 über Asylanträge entscheiden - kommen nachträglich in 2015 noch 1000 hinzu. Die Ausschreibungen dazu laufen bereits.

Allerdings gibt es offenbar Probleme, geeignete Mitarbeiter zu finden. In der Zwischenzeit stapeln sich die Akten weiter; mehr als 250.000 Anträge sind dort noch unbearbeitet.

Mitarbeit: Vera Kämper, Almut Cieschinger

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Seite 1
zamparonio 18.09.2015
1. 1500 € pro Kopf und Monat...
...das wird uns ruinieren. :-(
whitewisent 18.09.2015
2.
Man kann nicht alles haben. Wer eine staatliche Rundum-Daseinsvor- und fürsorgen für jeden Fall möchte, muß den Staatssektor und den öffentlichen Beschäftigungsbereich krisenunabhängig ausbauen und erhalten. Seit mehr als 20 Jahren verfolgt Deutschland die Gegenrichtung, indem dem Markt die Regulierung überlassen wird, und der Staat die Leistung dann einkauft, wann er sie braucht. Funktioniert in einer Marktwirtschaft theoretisch ganz gut, wenn man nicht vergisst, das die Nachfrage nicht nur den Umfang sondern auch den Preis. Wie unredlich ist die "Gewinnspanne" hier wirklich? Selbst wenn man davon ausgeht, daß die 15.000 nicht das gesamte Jahr betreut wurde, kommt man bei 1,4 Mil. Gewinn auf gerade mal 95 Euro IM JAHR!!! Dafür hat das Unternehmen aber diverse Risiken zu tragen. Wo soll da noch finanzieller Spielraum für mehr Personal sein, welches eingespart wurde? Die Kostensätze klingen gigantisch, aber was sind 9,50 für eine Vollpflegung mit 3 Mahlzeiten am Tag wirklich? Man möge sich mal die Kostensätze für die KITA- und Schulverpflegung anschaun, und die sind für Kinder, nicht Erwachsene. Genauso die Übernachtungskosten von 30 Euro. Weder der Staat noch karitative Organisationen werden gehindert, alternative Projekte zu betreiben. Sie tun es nicht, weil es erfahrungsgemäß ein Zuschussgeschäft ist, was nur bei knallharter Unternehmensführung einen Gewinn verspricht. Und der ist angesichts von Gewinnspannen, wie sie bei Verkauf eines Autos oder Handys üblich sind wirklich lächerlich, und verdienen keinen Neidartikel wie diesen.
Butenkieler 18.09.2015
3. unmöglich an den Flüchtlingen zu verdienen
Es ist ein Skandal, dass die Betreiber von billigen Hotels und Hostels sich durch die Unterbringung von Refugees persönlich bereichern. Geld vom Steuerzahler für billige Unterkünfte. Das darf nicht sein. Diese Leute sollten dafür bestraft werden.
David67 18.09.2015
4. Ja mancher von den
an den Flüchtlingen- viele können schwer vermietbare Wohnungen sehr günstig (Vater Staat zahlt ja gut und sicher) vermieten (prominentes Beispiel, der Ex-Bürgermeister von Tröglitz: unser Held wollte seine 2 unvermietbare Wohungen vermieten, was er auch geschafft hat). Aber dennoch sind viele Helfer absolut uneigennützig tätig- DAS sind die wahren Helden!
nixkapital 18.09.2015
5. Ist das...
...ein so genanntes PPP? Na dann Prost. Erfahrungsgemäß kommt das den Steuerzahler teurer. als wenn der Staat das selber übernommen hätte. Lange lebe die neoliberale Marktwirtschaft ...von unseren Steuergeldern.
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