Streit über Lutherpreis-Nominierung: "Jesus wäre an der Seite von Pussy Riot"

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Ist das Punkgebet von Pussy Riot in einer Moskauer Kirche Gotteslästerung oder ein mutiger Akt im Kampf um Demokratie? Die Stadt Wittenberg hat die Band für den Lutherpreis vorgeschlagen. Evangelische Theologen gingen auf die Barrikaden, Heiner Geißler verteidigt die Nominierung vehement.

Russische Band Pussy Riot: Lutherpreis für Punkgebet? Fotos
DPA/ ITAR-TASS

Um die deutsch-russische Verbindung war es schon besser bestellt als in diesen Tagen. Und zwar in jeder Hinsicht. Da ist Andreas Schockenhoff, der deutsche Russland-Beauftragte, der sich mit Kritik an der russischen Justiz im Kreml nicht unbedingt beliebt gemacht hat und den Moskau deshalb gerne loswerden will.

Zeitgleich rumort es in Wittenberg, im Osten Sachen-Anhalts, wo Martin Luther im Jahr 1517 seine Thesen an die Schlosskirche hämmerte. Die Stadt hat die russische Punkrockband Pussy Riot für den Lutherpreis "Das unerschrockene Wort" nominiert - und damit die Kritiker auf den Plan gerufen. Für sie ist der Auftritt der drei Frauen in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau Gotteslästerung, die keinesfalls geehrt werden dürfe.

An diesem Mittwoch gibt es nun auf Antrag der Allianz der Bürger, einer Fraktion im Wittenberger Stadtrat, eine neue Debatte zu der Nominierung der Punkrockband. Im April hatte die Stadtverwaltung die Bürger Wittenbergs aufgefordert, Vorschläge zu machen. Kein einziger wurde gemacht. Im Juli gab es einen zweiten Aufruf - wieder Schweigen.

Dann brachte die Stadtverwaltung selbst Pussy Riot ins Spiel und stimmte mit fünf Ja-Stimmen, einer Nein-Stimme und zwei Enthaltungen für die Musikerinnen. Inzwischen aber haben die CDU-Fraktion und die Allianz der Bürger ihre Unterstützung für die Nominierung zurückgezogen.

Sie teilen die Meinung der Kritiker wie die des Friedenspreisträgers und evangelischen Theologen Friedrich Schorlemmer, der die Nominierung als "verheerendes Zeichen" wertet. Der Landesbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland für Reformation und Ökumene, Siegfried Kasparick, warf dem Trio vor, es habe mit seiner Revolte nicht den russischen Präsidenten Putin oder Kyrill, den Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, getroffen, sondern die Gefühle der Gläubigen verletzt.

"Kommt es darauf an?", fragt Heiner Geißler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Denn Gott fühlt sich durch das, was die Mädchen getan haben, doch nicht gelästert." Denjenigen, die wie Schorlemmer und Kasparick argumentieren, gehe es um "ihre eigenen höchst persönlichen Gefühle, von denen sie offensichtlich wollen, dass auch andere sie empfinden", so Geißler. Doch das sei zu viel verlangt. "Was soll das für ein Gott sein, für den das, was die drei getan haben, Gotteslästerung ist?"

"Diese Mädchen waren sehr mutig"

Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Marija Aljochina hatten am 21. Februar den Altarbereich der Christ-Erlöser-Kathedrale gestürmt und dort ein sogenanntes Punkgebet gegen die Allianz von Kirche und Staat inszeniert. Sie hätten mit ihrem 41-Sekunden-Auftritt dagegen protestiert, dass der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche, Kyrill I., vor den Präsidentschaftswahlen Wladimir Putin unterstützt habe, verteidigt die Punkrockband ihre Aktion. Dem Klerus unterstellt sie Kungelei mit der Staatssicherheit. Zwei Pussy-Riot-Mitglieder wurden wegen Rowdytums aus religiösem Hass zu zwei Jahren Haft verurteilt und in ein Straflager gebracht.

"Diese Mädchen waren sehr mutig", konstatiert Geißler. Er ist Katholik, war CDU-Generalsekretär, Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit und hat mehrfach als Schlichter in verfahrenen Situationen agiert. "Jesus wäre ganz sicher an der Seite dieser Mädchen gewesen: Er hat den Tempel ausgeräumt, weil er gegen die Verflechtung der hohen Priester mit den Geldgeschäften der damaligen Banken protestiert hat." Pussy Riot hätten genau das Gleiche getan. "Sie haben gegen korrupte Verflechtung der orthodoxen Kirche mit Staatsmacht und russischen Finanzoligarchen protestiert."

Der Lutherpreis passe zum Engagement der Frauenband, denn für Martin Luther sei die eigentliche Gotteslästerung der Ablasshandel gewesen und auch er habe seinen Protest nicht ans Schwarze Brett gehängt, sondern an die Kirchentür genagelt, so Geißler. Die Theologen, die sich nun gegen die Nominierung auflehnten, müssten "eine ganz perverse Sicht von Gott haben", wenn sie mit Gotteslästerung argumentierten.

Dass der Protest der jungen Frauen in einem Gotteshaus stattfand, lässt auch der ehemalige Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD) als Argument gegen einen Preis für Pussy Riot nicht gelten. "Das hat es auch zu DDR-Zeiten gegeben, viele oppositionelle Gruppen haben ihren Protest unter dem Dach der Kirche gemacht", sagt Höppner, der jahrelang in der Führung der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen tätig und Präses der Synode war, zu SPIEGEL ONLINE.

Weltweiter Protestbrief

Höppner sitzt im Vorstand der Evangelischen Akademie in Wittenberg, seine Frau Renate ist evangelische Pfarrerin in der Kreuzgemeinde in Magdeburg. Würden die drei Russinnen den Preis verliehen bekommen, wäre dies ein Zeichen, dass auch Deutschland es nicht dulde, wie die drei behandelt und bestraft wurden, so Höppner.

Gegen die Kritiker haben sich Menschen aus Deutschland, Paris und Warschau gemeinsam mit Theologen wie Manuel Vogel von der FSU Jena, dem Jenaer Stadtjugendpfarrer Lothar König und Gotthard Lemke, Pfarrer der Jenaer Friedenskirche positioniert. In einem Protestbrief schreiben sie, dass es niemandem zuvor gelungen sei, "die Weltöffentlichkeit auf die autoritären gefährlichen Tendenzen in Putins Russland aufmerksam zu machen". Ein Preis für Pussy Riot sei daher eine Ermutigung der Demokratiebewegung in Russland. Die Band sei "zu einer Ikone der globalen Freiheitsbewegung geworden".

Der Preis, dotiert mit 10.000 Euro, wird alle zwei Jahre vom Bund der Lutherstädte, insgesamt 16 Orte, in denen Luther gelebt oder gewirkt hat, verliehen. Er geht an Menschen oder Institutionen, die im Sinne Luthers bereit sind, "für unerschrockenes Auftreten Unbill in Kauf zu nehmen". Neben Pussy Riot sind Michael Beleites, Mitbegründer der Umweltbewegung in der DDR, die frühere evangelische Superintendentin Waltraut Zachhuber sowie die Initiative Keine Bedienung für Nazis nominiert.

Am 10. November entscheidet die Jury in Eisleben, wer mit dem Lutherpreis geehrt wird. Wenn die Nominierung von Pussy Riot gestrichen wird, wäre das - wie Heiner Geißler sagt - "der Triumph einer perversen Theologie".

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