S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Wo Trump ein Linker ist

Was haben sie auf der Linken bloß gegen Donald Trump? Raus aus der Nato, Annäherung an Russland, nie mehr Weltpolizist: Vieles von dem, was Trump will, wird bei uns seit Langem auf Friedensdemos gefordert.

US-Politiker Trump
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US-Politiker Trump

Eine Kolumne von


Ich habe mir das Programm von Donald Trump angesehen. Man will ja vorbereitet sein auf das, was kommt. Es hieß immer, jemand wie Trump könne nie Präsident des mächtigsten Landes der Welt werden. Aber ich verlasse mich nicht mehr auf die Experten. Dieselben Leute, die einem jetzt versichern, dass Trump keine echte Chance gegen Hillary habe, waren vor Kurzem noch davon überzeugt, dass er spätestens nach der Hälfte der Vorwahlen aus dem Rennen sei.

Es gibt von Trump kein Programm, wie man es von der CDU kennt und wo man Punkt für Punkt nachlesen könnte, was er vorhat, wenn er erst einmal Präsident ist. Trump gehört zu den Menschen, die in großen Linien denken. Aber weil er laufend Reden hält und sich mit Journalisten trifft, um zu erläutern, wie er Amerika wieder nach vorn bringen will, hat man inzwischen einen ganz guten Überblick, wie er so denkt.

Mich hat am meisten interessiert, was Trump zu Europa und dem Rest der Welt zu sagen hat. Wie die meisten Leute gucke ich mir vor Wahlen erst einmal die Aussagen an, die mich selbst betreffen. Das mag man oberflächlich finden, aber wenn es um Politik geht, denke ich lieber pragmatisch.

Einer der wenigen Politiker, die er respektiert, ist Putin

Trump hat von Europa keine gute Meinung, muss man leider sagen. Ganz oben auf der Liste der Nationen, die er nicht mag, stehen die Mexikaner. Mexikaner sind für ihn das, was die Griechen für die AfD sind: Leute, denen man nicht über den Weg trauen kann. Aber gleich danach kommen schon wir. Uns Europäer hält der Mann aus New York für eine Bande von Trittbrettfahrern, die es sich auf Kosten der USA gemütlich gemacht haben.

Am liebsten würde Trump die Nato einmotten. Trump findet die Nato "überflüssig". Das Einzige, was ihn umstimmen könnte, wäre mehr Geld. "Die Länder, die wir verteidigen, müssen für die Kosten ihrer Verteidigung aufkommen", hat er erklärt. "Tun sie das nicht, müssen die USA dazu bereit sein, die Verteidigung dieser Länder ihnen selbst zu überlassen."

Trump hält auch nicht viel davon, amerikanische Soldaten in fremde Weltgegenden zu entsenden, wenn irgendwo ein Diktator verrückt spielt und man im Westen meint, dass der bedrängten Bevölkerung geholfen werden muss. Er wolle "raus aus dem Business", anderen Staaten die Demokratie beizubringen. Einer der wenigen Politiker, die er respektiert, ist Wladimir Putin. Der russische Präsident sei ein starker Führer, der viel für sein Land tue. Es sei falsch, einander als Feinde zu sehen, das müsse aufhören, meint Trump.

So oder so ähnlich auch bei der Linkspartei

In den Zeitungen steht, was für eine Gefahr für den Weltfrieden ein Wahlsieg des amerikanischen Milliardärs bedeuten würde. Man kann dort jeden Tag lesen, wie engstirnig, rückschrittlich und bigott seine Vorstellungen seien. Ich verstehe die Kritik nicht ganz. Ich habe beim Lesen nämlich eine Entdeckung gemacht: Vieles, was Trump fordert, findet sich so oder so ähnlich auch bei der Linkspartei und ihren publizistischen Bannerträgern.

Jakob Augstein zum Beispiel verlangt seit Langem, dass sich die USA nicht immer als Weltpolizist aufspielen sollte. Schluss mit den völkerrechtswidrigen Interventionen im Nahen Osten und der Dritten Welt! Endlich Frieden mit Russland! Nichts anderes sagt Trump. "Ab einem bestimmten Punkt können wir einfach nicht mehr der Polizist der Welt sein", hat der Kandidat gerade in einem Gespräch mit der "New York Times" gesagt.

Wer Trump genau zuhört, entdeckt vieles, was sich nicht mit dem Image des rechten Reaktionärs verträgt. In der Führung der Republikaner wollte man ihn nie, und der Grund dafür ist nicht, dass er ihnen dort zu radikal ist. Im Parteiestablishment trauen sie ihm nicht über den Weg, weil Trump viele Dinge egal sind, an denen das Herz eines echten Republikaners hängt.

Ein Opportunist - wie jeder gewitzte Geschäftsmann

Trump hat kein Problem mit Mindestlöhnen, er würde eine neue Gesundheitsversicherung einführen, und wenn er darüber redet, wie er amerikanische Arbeitsplätze sichern will, klingt er wie ein typischer Gewerkschaftsboss. TTIP wird es mit ihm nicht geben, darauf kann man sich verlassen. Neulich hat Trump sogar kurz überlegt, ob man nicht die Steuern für ganz Reiche erhöhen müsse. "Was hierzulande oft übersehen oder verkannt wird: Sozialpolitisch ist er ein Linker", hat der ehemalige "Zeit"-Chefredakteur Theo Sommer in einer Kolumne zu Recht angemerkt.

Tatsächlich ist Trump wie jeder gewitzte Geschäftsmann ein großer Opportunist. Sobald ihm jemand einen Deal bietet, der ihm vorteilhaft erscheint, ist er im Geschäft. Uns Europäer kann das noch teuer zu stehen kommen. Man muss sich Pazifismus leisten können. Solange wir darauf vertrauen konnten, dass die Amerikaner für Ordnung sorgen, wenn es irgendwo brennt, war es einfach, über jeden Waffengang zu schimpfen. Da konnten wir es wie Leute halten, die von Polizisten als "Bullen" reden, bis sie plötzlich selbst Opfer einer Straftat sind.

Einen Vorgeschmack darauf, wie eine Welt aussieht, in der die USA die Polizeiarbeit einstellt und ihre Truppen in der Kaserne lässt, statt sie an den Tatort zu befehlen, haben wir in Libyen und Syrien bekommen. Möglicherweise ist der Tag nicht mehr so fern, an dem wir uns wünschen, der neue Mann im Weißen Haus wäre außenpolitisch kein Linker, sondern ein Rechter.

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marthaimschnee 16.05.2016
1.
Contra! Viele der von den USA verteidigten Länder müßten gar nicht verteidigt werden, wenn die USA sie nicht verteidigen würde und sich nicht in irgendeiner Weise eingemischt hätte (Stichwort "Regime change"). Und eben in Syrien zeigt sich das ganze fürchterliche Resultat solcher US Einmischung, auch ohne daß dort eigene Truppen marschieren. Vielleicht lohnt ein näherer Blick hinter die Kulissen, um zu erkennen, daß die gleichen Parolen nicht die gleiche Motivation als Ursache haben müssen. Denn während von links ein bedingungsloses Ende der Brandstiftung gefordert wird, ist das bei Trump - wenn sich ihm ein gutes Geschäft bietet - nicht ganz so bedingungslos.
Boone63 16.05.2016
2. Treffend!
Lieber Jan, dafür werden sie aber Prügel kassieren. Man kann doch nicht sagen was nicht sein darf. Natürlich gibt es auch gravierende Unterschiede zu links, Trump hat nichts dagegen das man reich ist, was bei den Weltrevolutionären ja als Verbrechen gegen die Menschheit gewertet wird, und eine Armee zu haben geißelt eine Nation ja schon zur aggresiven Welterobern (wie Schweden z.B.), aber im Grunde liegen die Fanatiker von Rechts und Links ja nie weit auseinander. Man darf es eben bloß nicht sagen. Da bin ich mal gespannt was für witzige Erklärungen hier folgen werden.
LorenzSTR 16.05.2016
3. Links?
Herr Fleischhauer, der Zeit-Mann und viele andere deutsche Mediengestalten stehen so weit rechts, dass selbst Trump als links durchgeht. Mit Trump wird es kein TTIP geben, welches wenigstens so tut, als würden auch europäische Interessen eine Rolle spielen, sondern eines, das ganz offen ausschließlich US-Interessen bzw. die Interessen reicher Leute durchsetzt. Aus der Nato will er raus, weil ihm dort andere zu viel mitreden dürfen. Mehr Steuern für Reiche fordern mittlerweile alle ernstzunehmenden Experten und Trump springt für Wählerstimmen darauf auf. Trump ist alles andere als links und unseren deutschen neoliberal-verqueren Spießbürgern in den Medien passt einzig nicht, dass dieser Mann so schambefreit und tatsächlich recht offen dazu steht. In Deutschland hingegen schmücken sich solche Leute gegenseitig mit Begriffen wie etwa "liberal".
Pfaffenwinkel 16.05.2016
4. Herr Fleischhauer
zeigt uns einen anderen Trump - und der ist mir in der Tat gar nicht mehr so unsympathisch wie bisher. Also, warten wir einfach den Ausgang der USA-Wahl ab.
prof.unrat 16.05.2016
5.
Herr Fleischhauer hat eindeutig den Überblick verloren (nun aber so richtig).
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