Mauerfall-Gedenken Biermann-Auftritt im Bundestag nervt Linkspartei

Der Liedermacher und DDR-Kritiker Wolf Biermann soll beim Mauerfall-Gedenken im Bundestag singen. Die Linke sieht die Einladung kritisch - und fühlt sich von Parlamentspräsident Norbert Lammert übergangen. Kommt es zum Eklat?

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Liedermacher Biermann: Umstrittener Auftritt im Bundestag
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Liedermacher Biermann: Umstrittener Auftritt im Bundestag


Berlin - Normalerweise steht das Programm wichtiger Gedenkstunden im Parlament lange vorher fest. Doch bei der für Freitag geplanten Feier zum 25. Jahrestags des Mauerfalls lief alles ein wenig anders. Erst zu Beginn dieser Woche sickerte durch: Der Liedermacher Wolf Biermann wird eine Musikeinlage im Plenum geben, auf persönlichen Wunsch von Bundestagspräsident Norbert Lammert.

Nun sorgt der Auftritt für Diskussionen. Biermann war 1976 wegen systemkritischer Gedichte und Lieder durch die SED aus der DDR ausgebürgert worden, heute ist er einer der lautesten Kritiker der Linkspartei.

Wird Biermann auf prominenter Bühne gegen die Linke schimpfen? Werden Linken-Abgeordnete protestieren? Ausgeschlossen ist so ein Szenario nicht - zumal die Linke-Fraktion, anscheinend ebenso wie SPD und Grüne, erst im Nachhinein über Lammerts Einladung informiert wurde, wie die "Welt" berichtet.

Bei der Linken - von denen viele Mitglieder einst bei der SED waren - fürchtet man, dass Biermann die Partei wegen ihrer DDR-Vergangenheit attackieren könnte. Auch Biermann habe eine Verantwortung, dass das Gedenken zum Mauerfall gelinge, sagte die Parlamentarische Geschäftsführerin der Linke-Fraktion Petra Sitte SPIEGEL ONLINE. "Er sollte die Würde der Feierstunde nicht dazu nutzen, um einzelne Parteien zu kritisieren. Ich gehe davon aus, dass es nicht zu einem Eklat kommt."

Auch die Art und Weise der Einladung durch Lammert sei unglücklich gewesen, sagte Fraktionsmanagerin Sitte weiter: "Normalerweise versuchen wir im Bundestag, so etwas im Einvernehmen zu regeln. Gerade bei einer derart wichtigen Gedenkstunde wäre es richtig gewesen, alle Fraktionen in die Auswahl eines musikalischen Gastes mit einzubeziehen."

Zugleich bemühte sie sich, die Aufregung zu dämpfen. "Wolf Biermann spielt in der Geschichte des Widerstands in der DDR eine besondere Rolle, er war eine zentrale Person für die Bürgerbewegung. Seine Ausweisung löste zu Recht eine Welle der Kritik aus", so Sitte. "Wie man Biermanns neuere Lieder findet, ist eine andere Frage."

Offener Brief von Diether Dehm

Die Linken-Politikerin wies Spekulationen zurück, dass Abgeordnete in den eigenen Reihen den Auftritt des DDR-Kritikers stören könnten. "Es gibt noch immer Menschen, die der DDR hinterhertrauern und sie verklären. Die sitzen aber nicht in meiner Fraktion", sagte sie.

Gut eine Stunde lang will der Bundestag am Freitagmorgen die friedliche Revolution von 1989 würdigen. In der Debatte sollen Redner aller Fraktionen ihr Erleben des Mauerfalls schildern, Biermann soll das Programm mit einem Lied abrunden - wohl wissend, dass es in den Reihen im Plenum einige gibt, die seinen Auftritt skeptisch sehen.

Einer von ihnen ist der Linken-Politiker Diether Dehm, jahrelang Biermanns Manager in Westdeutschland. Dehm und Biermann liegen im Clinch, weil der Liedermacher ihm vorhält, für die Stasi berichtet zu haben - was Dehm bis heute bestreitet.

Kurz vor dem Mauerfall-Jubiläum veröffentlichte Dehm am Donnerstag einen offenen Brief an Biermann. "Für Deine wiederholte Behauptung, ich hätte Dich an die Stasi verraten, liefere mir doch mal bei Gelegenheit einen belastbaren Beleg", heißt es darin unter anderem.

Dehm erklärte, er werde dennoch bei der Veranstaltung dabei sein. "Natürlich bin ich da. Und wir haben allen in unserer Fraktion gesagt, auch zu kommen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Schließlich sei Biermann, bei allen Differenzen, "ein großer Künstler".

TV-Tipp: Sondersendung zum Mauerfall am Sonntag,
9. November, 22.45 Uhr, RTL



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