Kubickis emotionaler Abschied aus dem Landtag Mit Gefühl

Wolfang Kubicki ist nicht unbedingt für seine sensible Seite bekannt. Umso überraschender war seine Abschiedsrede im Landtag Schleswig-Holsteins - besonders für seinen Kontrahenten Ralf Stegner.

Landtag Schleswig-Holstein

Wenn Wolfgang Kubicki in der Vergangenheit ans Rednerpult des Landtags in Schleswig-Holstein ging, wurde es oft launig - der FDP-Politiker ist für seinen Wortwitz und vor allem fürs Austeilen gegen die politischen Gegner bekannt. Letzteres bekam am Donnerstag nur die AfD zu spüren. Ansonsten gab sich der 65-Jährige zum Abschied aus der Landtagspolitik nun von einer - zumindest für die Öffentlichkeit - ungewohnten Seite: Ihm standen die Tränen in den Augen, seine Stimme versagte.

"Selbst mir passiert das", sagte er in seiner letzten Rede als Landtagsabgeordneter und FDP-Politiker. In seiner Rede gab sich Kubicki versöhnlich und entschuldigte sich dafür, mit seiner spitzen Zunge andere Parlamentarier verletzt zu haben - das sei meist unabsichtlich geschehen, so der 65-Jährige.

Eine persönliche Entschuldigung richtete er an seinen Rivalen Ralf Stegner, den er unzählige Male verbal attackiert hatte. Noch im Sommer hatte Kubicki Stegner als den "Erdogan der SPD" beschimpft, später räumte er ein, damit zu weit gegangen zu sein. Der SPD-Fraktionschef sei zu seinem "Lieblings-Counterpart geworden", sagte Kubicki nun und lobte: "Das Parlament wäre ohne Sie definitiv ärmer gewesen." Anerkennung gab es auch von Stegner: "Er ist ein leidenschaftlicher Parlamentarier", sagt der SPD-Fraktionschef. "In der Spielklasse gibt es nicht so viele."

Kubicki dankte auch Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sowie Umweltminister Robert Habeck - er hoffe, ihn als Bundesvorsitzenden der Grünen in Berlin wiederzusehen. Er und die Grünen hätten gerade begonnen, sich lieb zu gewinnen - er wolle nun trotz aller Widrigkeiten auf Bundesebene versuchen nachzuholen, was bisher nicht gelungen ist. Kubicki hatte zuletzt neue Jamaika-Gespräche ins Spiel gebracht.

Laut Tagesordnung sollte Kubicki zu einem Antrag der AfD zur Rückführung von Flüchtlingen reden. "Ich weiß nicht, ob es Schicksal oder Bösartigkeit meiner Fraktion ist, dass ich ausgerechnet zu einem AfD-Antrag meine letzte Rede im Parlament halten muss", sagte Kubicki dazu. Er nannte den Antrag und die Partei rassistisch und warf ihr vor, die Flüchtlinge hier zu diskriminieren. Danach kam er auf Persönliches und Grundsätzliches zur Demokratie zu sprechen. Am Ende hatte der Liberale noch einen sehr ernsten Rat an die Abgeordneten: "Macht euch nicht zu klein!"

Kubicki sitzt seit der Bundestagswahl als Abgeordneter im Bundestag und ist Vizepräsident des Parlaments. Er verlässt den Landtag in Kiel nach 25 Jahren, er war 1992 bis 1993 und dann seit 1996 durchgängig Landtags-Fraktionschef. Sein Landtagsmandat wollte Kubicki nach der Plenumssitzung am Donnerstagabend zurückgeben.

Wegen des Wechsels von Kubicki nach Berlin hatte sich die FDP-Landtagsfraktion zuvor personell neu aufgestellt. Die Fraktion wählte den bisherigen Parlamentarischen Geschäftsführer Christopher Vogt zu ihrem neuen Vorsitzenden. Kubicki selbst wurde zum Ehrenvorsitzenden der Fraktion auf Lebenszeit gewählt.

brk/dpa



insgesamt 7 Beiträge
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womo88 14.12.2017
1. Hat er gut gemachht!
Mit zunehmendem Alter wird man emotionaler, erlebe ich auch bei mir. Und 25 Jahre zusammen miteinander gegen Stegner, das schweißt zusammen! Da weiß man wie bei einer alten Ehe, was der politische Gegner entgegnen wird. Die kennen sich wie ein altes Ehepaar und werden sich auch als Demokraten beide so schätzen. Da bin ich sicher. Ist aber schön, dass dem wortgewaltigen und bissigen Kubicki mal so etwas passiert ist. Das macht ihn sympathischer. Ich habe seine Wortgewandtheit immer sehr geschätzt, auch wenn ich DIE LINKE wähle, aber man darf auch Gegner schätzen und interessant finden. Es sind ja nur politische Gegner, keine wirklichen Feinde. Er hat lediglich eine andere Meinung als ich.
Currie Wurst 14.12.2017
2. Das ist das schöne an der Politik...
...mag man eine Partei auch noch so sehr ablehnen, gilt das nicht unbedingt für die Parteimitglieder. Bei der FDP habe ich mir oft die Ohren zugehalten, aber Kubicki war seit eben diesen 25 Jahren eine Wohltat: immer Klartext, immer geradeaus, immer berechenbar und immer zuverlässig. Dass es sich solche Leute mit dem einen oder anderen Weichgespülten verderben, gehört dazu. Aber viel lieber so als everybodys darling. Good luck in Berlin, Wolfgang Kubicki!
joe.micoud 14.12.2017
3.
Sauberer, ehrlicher Abgang Herr Kubicki. Wichtig war eines in der Rede: Mit seinem politischen Gegnern kann man sich beharken, auch stärker, hinterher gibt man sich symbolisch die Hand. Mit dem politischen Feind hingegen geht das nicht. Und den hat er heute nochmal eindeutig benannt. Prima!
widower+2 14.12.2017
4. Sauberer Abgang?
Zitat von joe.micoudSauberer, ehrlicher Abgang Herr Kubicki. Wichtig war eines in der Rede: Mit seinem politischen Gegnern kann man sich beharken, auch stärker, hinterher gibt man sich symbolisch die Hand. Mit dem politischen Feind hingegen geht das nicht. Und den hat er heute nochmal eindeutig benannt. Prima!
Ein sauberer Abgang wäre es gewesen, wenn er sich von seiner Partei und deren menschenverachtender Politik unter Lindner verabschiedet hätte. So sind das nur Krokodilstränen.
bardolino12 14.12.2017
5. Wie im richtigen Leben...
...sind es auch nur Menschen. Mehr Politiker von Format wären wichtig.
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