FDP vor der Wahl in Schleswig-Holstein: Käpt'n Kubickis letzte große Fahrt

Von , Kiel

Von Wolfgang Kubicki wird nicht weniger erwartet als die Rettung der FDP. In Schleswig-Holstein soll er die Liberalen wieder in den Landtag peitschen, eine Steilvorlage für die Wahl in NRW liefern - und der Bundespartei Luft zum Atmen verschaffen. Der Coup scheint zu gelingen.

FDP-Hoffnung Kubicki: Manchmal rasend, manchmal rosig Fotos
DPA

Er sieht gut aus, das muss man Wolfgang Kubicki lassen. Tadelloser Maßanzug, die Frisur sitzt, die Pointen meistens auch. Neben dem Spitzenkandidaten der FDP für Schleswig-Holstein hat es sich Christian Lindner bequem gemacht, sein Mitstreiter aus Nordrhein-Westfalen. Der Blick aus dem Restaurantfenster geht über die Kieler Förde, von hier stechen die großen Skandinavien-Fähren in See. Und auch für die FDP sollen die kommenden Wochen einen neuen Kurs bringen. Zwei Landtagswahlen stehen an - zuerst hat Käpt'n Kubicki das Ruder in der Hand.

Der 60-Jährige ist bestens gelaunt, er hat allen Grund dazu. Bei sechs Prozent hat eine ARD-Umfrage die Liberalen am Morgen eingestuft, im ZDF kommen sie sogar auf sieben. Nach Monaten deutlich unter der Fünf-Prozent-Marke, teils nur mit zwei, drei mageren Pünktchen. Da stört auch die lästige Bronchitis nicht mehr, die Kubicki seit Tagen plagt. Genüsslich posiert er mit Lindner auf einer quietschgelben Couch im Foyer für die Fotografen. "Egal was wir holen", sagt Kubicki und zeigt auf seinen jüngeren Kollegen: "Er holt noch ein bisschen mehr."

Die Ausgangsposition vor den Wahlabenden in Kiel am 6. Mai und Düsseldorf am 13. Mai ist klar. Verpasst die FDP den Sprung in die Landtage, wird es eng für Parteichef Philipp Rösler. Gelingt dagegen der Plan, verschafft das auch der schwer angeschlagenen Bundespartei die dringend nötige Atempause. Streit in der Koalition, Zoff an der Parteispitze, desaströse Ergebnisse bei den letzten Landtagswahlen: All das wäre erst einmal vergessen. Kubicki und Lindner können dafür sorgen, dass ihr Chef vorerst ein wenig sicherer in seinem Sessel sitzt. Die beiden sind derzeit die wichtigsten Politiker in der FDP.

Der Plan der Liberalen geht so: Kubicki legt in Kiel vor, knackt die Fünf-Prozent-Marke und liefert Lindner die Steilvorlage für die ungleich wichtigere Wahl in NRW. Gelingt auch diesem im bevölkerungsreichsten Bundesland die Trendwende, könnte dies auf die FDP in Berlin abstrahlen. Die Liberalen hoffen auf eine Kettenreaktion. Die ersten Steine scheinen schon zu fallen: Eine aktuelle Umfrage sieht die FDP im Bund wieder über fünf Prozent.

Dass die Hoffnungen der Partei nun ausgerechnet auf ihm lasten, bereitet Kubicki diebische Freude. Da kann er noch sooft betonen, dass er nicht Wahlkampf mache, "damit Philipp Rösler besser schlafen kann". Denn es gab Zeiten, da hätte man den großen Grantler aus dem Norden wohl am liebsten zum Schweigen gebracht. Noch Anfang April hatte Kubicki dem aktuellen Parteichef Rösler "unterirdische" Kommunikation attestiert und den Fokus der FDP auf den Wachstumsbegriff scharf kritisiert: "Was soll das denn sein? Familienwachstum? Haarwachstum?"

Mit solchen Sätzen hat sich Kubicki in der FDP oft isoliert, hat den Konflikt mit der liberalen Spitze nie gescheut. Auch wenn er jetzt beteuert: "Ich schieße nicht gegen Berlin. Ich sage nur meine Meinung." Begriffe wie "Quartalsirrer" oder "Enfant terrible" musste er sich aus der eigenen Partei gefallen lassen. Nun soll Kubicki den Karren aus dem Dreck ziehen. Und plötzlich melden sich auch all die Parteifreunde wieder, die sonst seine Handynummer verlegt zu haben scheinen.

Kubicki ist die FDP im Norden

Denn Kubicki ist nicht nur der wichtigste Mann der FDP im Norden - er IST die FDP im Norden. Und das weiß natürlich auch seine Partei. Entsprechend sind die Poster gestaltet, mit denen die Liberalen von Flensburg bis Norderstedt auf Stimmenfang gehen. Da steht Kubicki cool in grauem Anzug, mit grauer Krawatte vor einer grauen Wand. "Wählen Sie doch, was Sie wollen", so die Parole. Es ist ein kühler, arroganter Kontrapunkt zu den kunterbunten Bildern auf denen SPD-Kandidat Torsten Albig und sogar CDU-Mann Jost de Jager die Straßen im Norden säumen. Entsprechend personenbezogen ist der Wahlkampf aufgezogen: Kubicki total.

Zugleich ist es das Beiwerk für die letzte Schlacht des freien Radikalen aus dem hohen Norden. Es dürfte seine schwerste werden. Für die Zeit danach, einen Erfolg setzt er einfach mal voraus, hat Kubicki bereits einen Wunsch geäußert: Finanzminister im Norden möchte er werden. Mit Blick auf den Landeshaushalt ein bemerkenswert masochistisches Ziel. Fast 30 Milliarden Euro Schulden plagen Schleswig-Holstein. Haushaltspolitik dürfte sich in Zukunft auf ein Wort reduzieren lassen: sparen.

Kein Kribbeln - dafür "die große Erschöpfung"

Vorerst jedoch gilt es für Kubicki im Wahlkampf-Endspurt, noch einmal alles zu geben. Und eben auch die Strahlkraft zu nutzen, die von seinem Mitwahlkämpfer Lindner ausgeht. "Wenn ich in seinem Alter schon so schön geredet hätte, wäre ich jetzt Bundespräsident", schickt er in Richtung des fast 30 Jahre jüngeren Kollegen. "Das wäre sicher interessant geworden", entgegnet Lindner. Wenig später bringt Kubicki Lindner dann auch noch als kommenden Parteichef ins Gespräch. Natürlich erst, wenn Rösler irgendwann seinen Posten räume.

Und wie sieht es mit der eigenen Anspannung aus? So wenige Tage vor der Wahl? Diese Vorlage lässt sich Kubicki nicht entgehen. Er ist einer, der sich am liebsten bei Kriegsfilmen vor dem heimischen Fernseher entspannt, wie er gern erzählt. Und so schmettert er zurück: "Ich bin so lange dabei, da kribbelt gar nichts mehr". Es ist ein typischer Kubicki-Spruch. Dann hält er doch noch einmal kurz inne. "Dafür kommt dann die große Erschöpfung danach".

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insgesamt 64 Beiträge
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1.
audumbla 02.05.2012
Gerade diese beiden haben doch die FDP-Parteichefs unterstützt und jetzt soll das Desaster belohnt werden? Die FDP lernt nur dazu, wenn sie eine Zeit lang von der politischen Bühne verschwindet, dann hat sie Zeit zum Nachdenken und sich als Liberale wieder vorstellen, die nicht nur dem Kapital die Hand reichen.
2. lautes Pfeifen im dunklen Wald...
klaus47112 02.05.2012
obs was nützt? Scheinbar glauben die Herren an die "selffulfilling prophecy" Aufwachen, es ist zwar schade um die Liberale Idee in Deutschland, aber damit haten dies Herren doch schon lange nichts mehr am Hut!
3. Lieber Gott, bitte erspar uns Das.
pete1812 02.05.2012
Das Grauen ist groß. Die FDP kommt wieder über 5 Prozent. Die Rückkehr der Polit-Zombis. Die Partei der Elite, dan die Spaß-Partei, die Steuersenker und nun die Bundespräsidentenmacher. Ich glaube, dass diese Partei wohl für alles überflüssig ist und hoffe, dass die Wähler ebenso sehen.
4. Selbstverliebtes Grossmaul
DeCielo 02.05.2012
Zitat von sysopVon Wolfgang Kubicki wird nicht weniger erwartet als die Rettung der FDP. In Schleswig-Holstein soll er die Liberalen wieder in den Landtag peitschen, eine Steilvorlage für die Wahl in NRW liefern - und der Bundespartei Luft zum Atmen verschaffen. Der Coup scheint zu gelingen. Wolfgang Kubicki (FDP) im Wahlkampf in Schleswig-Holstein - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,829415,00.html)
Ich hoffe dass die Waehler den Narzissmus dieses Egomanen noch rechtzeitig erkennen. Er ist wesentlich mitverantwortlich fuer das desastroese Erscheinungsbild der FDP. Er weiss es bloss nicht.
5. oben ohne
unpolit 02.05.2012
So bedauerlich es auch sein mag, aber es wird genügend Wähler geben, die sich aus falsch verstandenem Mitleid entschließen, der FDP wieder ein letztes Mal das Kreuz zuzugestehen. Das aber dafür stimmen gleich bedeutend mit Vertrauen schenken ist, das wird leicht vergessen oder verdrängt. Und möglicherweise finden sich auch ausreichend CDU-Stammwähler, die den Koalitionspartner alimentieren. Was es bedeutet, wenn die FDP-Rebellen politischen Einfluss bekommen und sich die Berliner FDP nach ihnen ausrichten muss, das Chaos kann sich doch keiner ausmalen.
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So wählt Schleswig-Holstein
Vorgezogene Neuwahl
Nur zweieinhalb Jahre nach der letzten Abstimmung müssen die Schleswig-Holsteiner am 6. Mai einen neuen Landtag wählen. Dies hatte das Landesverfassungsgericht 2010 nach Klagen von Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverbund (SSW) angeordnet. Die Richter stuften damals das Wahlgesetz und damit die Zusammensetzung des Landtags als verfassungswidrig ein. Nach dem Urteil wurden das Wahlgesetz und die Verfassung geändert.
Erst- und Zweitstimme
Jeder Wähler in Schleswig-Holstein hat am 6. Mai zwei Stimmen. Mit der ersten entscheidet er über einen Kandidaten aus seinem Wahlkreis. Wer dort die meisten Stimmen holt, kommt ins Kieler Parlament. Zwischen Nord- und Ostsee gibt es 35 Wahlkreise. Die zweite Stimme wird für die Landesliste einer Partei abgegeben. Sie entscheidet mit darüber, wie stark eine Partei im Landtag vertreten ist.
Überhang- und Ausgleichmandate
Gewinnt eine Partei mehr Mandate direkt über die Wahlkreise, als ihr nach dem Anteil an den Zweitstimmen zustünden, erhält sie Überhangmandate. Die übrigen Parteien bekommen Sitze zum Ausgleich, damit die Zusammensetzung des Landtags dem Zweitstimmen-Verhältnis entspricht. So kann der Landtag in Kiel größer als eigentlich vorgesehen werden. Derzeit sind es statt 69 Sitzen sogar 95 Mandate.
SSW - Partei der dänischen Minderheit
Um in das Parlament zu kommen, muss eine Partei mindestens 5 Prozent der Zweitstimmen holen. Der SSW als Partei der aus etwa 50.000 Menschen bestehenden dänischen Minderheit ist davon befreit. Damit wird ihre politische Mitwirkung sichergestellt. Allerdings muss der SSW so viele Stimmen erhalten, dass es zumindest für den letzten der zu vergebenden Sitze im Plenum reicht. Ziel des SSW sind diesmal 5 Prozent (2009: 4,3).
Zweitstimmen und Mandate 2009
Bei der Wahl 2009 hatten CDU und FDP zunächst drei Mandate mehr erhalten als SPD, Grüne, Linke und SSW zusammen, obwohl bei der Abstimmung auf sie 27.000 Zweitstimmen weniger entfallen waren. Grund waren die komplizierten Bestimmungen zu Überhang- und Ausgleichsmandaten. Durch das damals geltende Wahlgesetz im nördlichsten Bundesland wurde die Zahl der Ausgleichsmandate begrenzt, so dass CDU und FDP ihre Mehrheit bekamen. Diese schrumpfte später auf eine Stimme, nachdem ein Auszählfehler korrigiert worden war.
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