Ersatzkanzler Schäuble Er kann es doch auch nicht besser

Die Kanzlerin steckt wegen ihrer Flüchtlingspolitik in der Krise - und schon wird Wolfgang Schäuble als potenzieller Nachfolger gehandelt. Für die Union wäre er aber eine denkbar schlechte Alternative.

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Finanzminister Schäuble: Ein brillanter Rhetoriker - und sonst?
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Finanzminister Schäuble: Ein brillanter Rhetoriker - und sonst?


Angela Merkel ist seit Jahren der Machtgarant von CDU und CSU, Heerscharen von Abgeordneten und anderen Funktionären verdanken ihr Mandate und Posten. Doch nun, da es in der Flüchtlingskrise nicht so richtig rund läuft, beginnen einige derselben Leute das Meckern und Mosern über die Chefin. "Die Hand, die segnet, wird zuerst gebissen", lautete ein Bonmot des späten Helmut Kohl, als der von seiner eigenen Partei immer weniger gemocht wurde. Nun erfährt Angela Merkel am eigenen Leib, was er damit wohl meinte.

Zur Ironie der Geschichte gehört, dass nun - wie schon bei Kohl - erneut der ewige Zweite, Wolfgang Schäuble, als möglicher Kanzler ins Gespräch gebracht wird. Er selbst befeuert dieses Spiel von Medien und Parteifreunden, indem er sich mit listigen Einlassungen mal loyal gibt und dann wieder indirekt für sich wirbt "Adenauer war bei Amtsantritt 73 Jahre alt", sagte er neulich. Das sollte wohl heißen: Mein Alter wäre für das Kanzleramt kein Problem, liebe Leute.

Natürlich ist Schäuble vor allem ein brillanter Rhetoriker, vor dessen politischer Lebensleistung man nur den Hut ziehen kann. Doch zugleich ist klar: Das Nachfolger-Schäuble-Szenario ist Unsinn. Er kann es auch nicht besser als sie. Es gibt dafür eine Reihe von Gründen.

  • Erstens: Die Sache mit der Arroganz. Schäubles größte Stärke ist zugleich seine größte Schwäche: Er ist zu klug, um zu viel Dummheit zu ertragen. Er kann schnell arrogant und herrisch wirken, er ist ein Mann, der dann polarisiert und aneckt. Für einen Kanzler und Chef einer Volkspartei wie der Union ist ein solcher Führungsstil nicht erfolgsversprechend. Da lautet die Parole: Führen und sammeln - nicht spalten.

  • Zweitens: Die Sache mit der politischen Ausrichtung. Schäuble kann getrost als Liberal-Konservativer bezeichnet werden. Seine klare Das-Boot-ist-voll-Haltung in der Flüchtlingskrise bringt ihm den Jubel des rechten Unionslagers ein. Unter Merkel hat sich die Union jedoch weit in die Mitte der Gesellschaft bewegt, viele Positionen ähneln heute SPD und Grünen - diese Ausrichtung ist nach wie vor einer der Erfolgsgaranten für Merkel. Auch in der Flüchtlingskrise bleibt die Union mit Merkels Kurs in den Umfragen trotz aller Kritik weit vor allen anderen Parteien. Es ist zweifelhaft, ob Schäuble in diesem mittigen Milieu bei Wahlen glaubhaft ähnlich viele Menschen ansprechen würde. Vor allem, wenn die Flüchtlingskrise einmal aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Allein mit dem konservativen Lager sind heutzutage jedenfalls keine Wahlen zu gewinnen.

  • Drittens: Die Sache mit dem Erhard-Syndrom. Mag Schäuble sich auch mit Adenauer vergleichen, er wäre wohl eher ein Ludwig Erhard - also ein Übergangskanzler. Adenauer wurde von seinen eigenen Leuten aus dem Amt gedrängt, doch der erhoffte Heilsbringer Ludwig Erhard machte in den Sechzigerjahren eigentlich nur deutlich, dass nach vielen Jahren der Unionsherrschaft die Zeit für einen grundlegenden Wechsel gekommen war. So könnte es der Partei auch mit einem Kanzler Schäuble ergehen. Statt für den notwendigen Aufbruch oder Neuanfang nach zehn Jahren Merkel, könnte Schäuble aufgrund seiner vielen Dienstjahre an der Seite Merkels von den Wählern schnell als Symbol der politischen Verkrustung und des Stillstands wahrgenommen werden. Zudem würde ihm der Ruch des Königinnenmörders anhaften. Auch nicht schön. Die SPD hätte so womöglich endlich die erhoffte Chance, sich den Wählern als beherzte Alternative zu präsentieren - und so die für einen Sieg notwendige Wechselstimmung zu erzeugen.

Natürlich wissen sie das alles auch in der Union. In Wahrheit hat die Partei ihr Schicksal schon vor Jahren mit dem Merkels verkettet. Partei und Chefin werden weiter miteinander auskommen müssen, wenn Wahlen gewonnen werden sollen. Für einen echten Neuanfang bräuchte die Union ein echtes neues Gesicht.

Schäuble ist es nicht.

Zum Autor
Roland Nelles ist Ressortleiter Politik und Leiter des Berliner Büros sowie Mitglied der Chefredaktion von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Roland_Nelles@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 184 Beiträge
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Seite 1
w50 10.11.2015
1. Die Beschreibung
" jetzt wo es in der Flüchtlingdkrise nicht richtig rund läuft" ist nun wirklich eine Beschönigung der Situation. Es ist ein Versagen der Regierungauf mehreren Ebenen, dann bitte auch so benennen. Fehlt dazu der Mut?
poetnix 10.11.2015
2. Fortschritt
Wenn wir gesellschaftlichen Fortschritt von technokratischem Einsatz von Geld (Griechenland) abhängig machen wollen, sollte Schäuble Kanzler werden.
prophet46 10.11.2015
3. Gutes Spiel
Schäuble ins Kanzler-Spiel zu bringen halte ich für gut. Sagte man bisher, Merkel sei alternativlos (weil sie offenbar alle potentiellen Gegner weg gebissen hat), würde Schäuble der Kanzler-Rolle sicher gerecht werden. Schlecht sind diese Spekulationen auch deswegen nicht, weil sie Merkels Machtanspruch, der ja nur geliehen ist, einmal öffentlich eingrenzen würde. Sie hat Entscheidungen getroffen, die weder vom Bundestag, Bundesrat oder der Bevölkerung in der Mehrheit explizit akzeptiert wurden. Wo bleibt da die Demokratie? Noch heute bringt sie es nicht über die Lippen, die Begrenztheit der Aufnahmefähigkeit von Flüchtlingen laut Richtung Syrien zu sagen.
donrealo 10.11.2015
4. Es geht ja nicht um Schadensverhütung
der ist ja längst eingetreten. Es geht nur um den taktischen Erhalt der Macht für CDU CSU..Wird Merkel in den nächsten Tagen durch Scheuble abgelöst wäre die das dringend benötigte Signal an die Parteibasis, die Lage im Griff zu wähnen. Es wäre darüberhinaus auch eine weltweit sichtbare und durchschlagende Message, dass D nicht hinter der von Merkel verkündeten grenzenlosen Willkommenseuphorie steht. Ich glaube eine rasche Ablösung wird in Anbetracht der herannahenden LT Wahlen 2016 und dem sehr starken Anwachsen der AfD für die CDU alternativlos (langsam beginne ich das Wort zu lieben)
angelobonn 10.11.2015
5. Doch, er kann es besser!
Selbstverständlich könnte er Schäuble es besser als Frau Merkel. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, denn Frau Merkel ist die schlechteste Kanzlerin, die dieses Land je hatte. Der Autor übersieht, dass die Kanzlerin schon in der Griechenland-Frage keine Mehrheit in der Bevölkerung hinter sich hatte. In der Flüchtlingsfrage gibt es eine klare 2/3-Mehrheit gegen Merkel. Wenn die CDU in den Umfagen weiterhin deutlich führt, liegt dies nich an Merkel, sondern an fehlenden seriösen Alternativen. SPD/GRÜNE/Linke wären ja noch viel schlimmer und die AfD ist schlicht unseriös.
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