S.P.O.N. - Im Zweifel links Schattenkanzler des Schmerzes

Wolfgang Schäuble galt als "Herzenseuropäer". Dann drohte er Griechenland mit dem Euro-Rauswurf. Ist er vom Glauben abgekommen? Schlimmer: Schäuble will immer noch das einige Europa. Aber unter deutscher Vorherrschaft.

Eine Kolumne von

Minister Schäuble: Hier geliebt, dort gehasst
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Minister Schäuble: Hier geliebt, dort gehasst


Der beliebteste deutsche Unionspolitiker? Wolfgang Schäuble. Wenigstens im Inland. Der wohl meistgehasste? Wolfgang Schäuble. Wenigstens im Ausland. Der Finanzminister hat die Kanzlerin vom ersten Platz verdrängt, was die Bewunderung angeht und was den Hass betrifft. Schäuble hat offen gedroht, die Griechen aus dem Euro zu werfen. Das ist der Umschlagpunkt - nicht nur der persönlichen Sympathien.

Die deutsche Rolle in Europa steht infrage und die Figur dieses Wolfgang Schäuble befindet sich in ihrem Mittelpunkt. Vom "Herzenseuropäer" zur dunklen Bedrohung - wenn Schäubles Weg der deutsche Weg ist, dann gute Nacht Deutschland und gute Nacht Europa.

Wolfgang Schäuble war noch nie so mächtig wie heute. Verlieren kann er nichts mehr und erlebt hat er alles. Er wurde von Kohl gedemütigt und von Merkel missbraucht - der eine ließ ihn nicht Kanzler werden, die andere nicht Bundespräsident. Ein psychisch Kranker schoss ihn vor einem knappen Vierteljahrhundert in den Rollstuhl.

Er gilt als Schattenkanzler - aber er ist ein Schattenkanzler des Schmerzes. Nietzsche hat den großen Schmerz als den "letzten Befreier des Geistes" gerühmt: "Jener lange, langsame Schmerz, in dem wir gleichsam wie mit grünem Holz verbrannt werden, der sich Zeit nimmt - zwingt uns Philosophen, in unsere letzte Tiefe zu steigen." Wie kommt Schäuble, der kein Philosoph ist sondern Politiker, aus diesem Schmerz hervor?

Jede Querschnittlähmung geht mit medizinischen Komplikationen einher, die schmerzhaft sein können. Im Jahr 2010 musste Schäuble für längere Zeit ins Krankenhaus. Dort wurde ihm ein Gerät eingesetzt, das die Darmfunktionen regulieren soll. Die Narbe heilte schlecht.

Schäubles Bruder Thomas hielt damals die Öffentlichkeit auf dem Laufenden: "Das über halbjährige Wundsein hat ihn zermürbt."

Was sind die Komplikationen der politischen Verwundungen? Im Oktober 2009 bat Angela Merkel ihn, Finanzminister der schwarz-gelben Koalition zu werden. Schäuble sagte ihr: "Sie wissen, was Sie sich antun. Sie werden keinen pflegeleichten Minister haben. Bequem werde ich nicht sein, aber loyal." Loyalität ist wichtig. Es heißt, wenn in der Fraktion die Diskussionen zu lange werden, beendet er sie mit dem Satz: "Die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland hat doch bereits ausgeführt..." Was Merkel sagt, muss nicht richtig sein. Aber es muss gelten.

Heute ist Wolfgang Schäuble nicht loyal. Er beharrt auf dem Ausstieg Griechenlands aus dem Euro, obwohl die Kanzlerin anders entschieden hat. Warum?

Im vergangenen April, zum 200. Geburtstag des Reichsgründers Otto Fürst von Bismarck, veröffentlichte er einen Aufsatz in der "FAZ". Der Text beschreibt die - neuen? - Koordinaten im Weltbild des mächtigsten Mannes der deutschen Politik. Schäuble plädiert dafür, das 19. Jahrhundert nicht nur unter der Überschrift des Scheiterns zu sehen: "gescheiterte Revolution, gescheiterte Parlamentarisierung, gescheiterter Liberalismus, gescheitertes politisches Bürgertum, gescheiterte "Verwestlichung". Das ist eine mögliche Geschichte der Geschichte - aber nicht die einzige."

Der Unsinn, den viele in Europa glauben

Vom Gerede, "Deutschland sei in der Geschichte stets zu stark gewesen, um sich in Europa einzuordnen, aber zugleich zu schwach, um Europa wirklich zu führen", will er nichts wissen: "Ich halte diese Argumentationsfigur für schief." "Dominanz", "Hegemonie", "halbe Hegemonie", das seien "für den heute in Europa handelnden Politiker ... keine plausiblen Kategorien. Sie entsprechen auch nicht den Erfahrungen, die man macht."

Und dann schreibt er noch - als wolle er jedem Angriff zuvorkommen: "Dass wir wie zu Bismarcks Zeiten Europa unterwerfen wollten - das ist schon gegenüber Bismarck ungerecht. Dass wir ein "deutsches Europa" wollten - welch ein Unsinn!"

Es ist aber der Unsinn, den viele in Europa glauben. "Der herzlose, herrische und hässliche Deutsche hat wieder ein Gesicht, und das ist das von Schäuble", sagt der grüne Europaparlamentarier Reinhard Bütikofer.

Schäuble ist zu klug, um nicht zu wissen, dass historische Mythen politische Realität prägen. Es ist ihm gleich. Dem SPIEGEL sagte er: "Politiker haben ihre Verantwortung aus ihren Ämtern. Zwingen kann sie niemand. Wenn das jemand versuchen würde, könnte ich zum Bundespräsidenten gehen und um meine Entlassung bitten." Die Journalisten fragten: "Denken Sie darüber nach?" Schäuble antwortete: "Nein, wie kommen Sie darauf?"

Schäuble will ein anderes Europa - ein deutsches

Das ist Schäubles grausamer Spott. Er trägt in solchen Momenten jenes sonderbare Lächeln im Gesicht, das man von ihm schon kennt. So lächelte er wohl auch, als er damals seinen Pressesprecher Michael Offer bloßstellte ("Jetzt holen wir den Offer noch her. Das machen wir noch. Soviel Zeit muss sein"). Das ist das sardonische Lächeln, das sich gegen den eigenen Schmerz auflehnt, das also kein echtes Lächeln ist und an dem, wie das Lexikon weiß, die Seele unbeteiligt ist.

Wolfgang Schäuble hat an der Wegmarke der europäischen Zukunft eine andere Richtung eingeschlagen als Angela Merkel. Und er ist auch von Kohls Kurs abgekommen. Er zitiert Churchill: "Never let a good crisis go to waste." Er will die Krise für einen Fortschritt Europas nutzen. Aber es ist ein anderes Europa, ein deutsches.

Noch einmal Nietzsche: "Es steht uns Philosophen nicht frei, zwischen Seele und Leib zu trennen, wie das Volk trennt, es steht uns noch weniger frei, zwischen Seele und Geist zu trennen. Wir sind keine denkenden Frösche, keine Objektivier- und Registrier-Apparate mit kalt gestellten Eingeweiden."

Wenn man sich die Wandlung des Wolfgang Schäuble ansieht, muss die Frage erlaubt sein: Haben wir ihn für einen Frosch gehalten?

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insgesamt 306 Beiträge
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Seite 1
bet.max 23.07.2015
1. Gewagt
Ich finde es sehr gewagt aus einer körperlichen Behinderung solch dargestellte Verbitterung abzuleiten. Des weiteren stellen Sie in meinen Augen das Innenleben von Herrn Schäuble wie sie es vermuten fast als Faktum dar. Abgesehen davon, verstehe ich nicht warum das ansprechen eines Grexit so tabuisiert wird. Wenn die Einigung auf ein drittes Hilfspaket zustande kommt ist Griechenland ja nicht automatisch gerettet. Von diesem Trugschluss sollten wir uns nach den ersten beiden Finanzspritzen distanziert haben. Ich bitte Sie doch einmal zu prüfen inwiefern die Kommentare von Herrn Augstein noch vertretbar sind, da ich diese als reißerisch und befremdlich empfinde.
dukatenjunge 23.07.2015
2. Herr Augstein
möchte, so wie viele andere auch, ein Europa, in dem deutsches Geld zwar hochwillkommen ist, aber deutsche Interessenspolitik abgelehnt wird. Deutschland soll nach wie vor herhalten als Hauptfinanzierer Europas, aber darüberhinaus im Europa-Parlament umgerechnet mit viel weniger Abgeordneten vertreten sein als beispielsweise Malta oder Luxemburg. So ein Europa mögen diejenigen gut finden, die immer noch die deutsche Erbschuld mit anderer Leute Geld abzahlen wollen, ich finde so ein Europa einfach nur eine undemokratische Veranstaltung.
der_dolly 23.07.2015
3. Regeln sind deutsch?
Herr Augstein, gehen wir mal zurück in die Vergangenheit, zur Gründung der EU und anderer wichtiger Verträge. Die EU wurde als Wirtschaftsunion gegründet und ist es noch. Der Euro wurde eingeführt, damit die Union eine starke Währung auf dem Weltmarkt hat. Aber damit eine Wirtschaftsunion mit starker Währung existieren kann, braucht es Regeln. Entgegen Ihrer Meinung gibt es keine deutsche Regeln. Herr Schäuble erinnert nur daran, dass Regeln zum dran halten da sind. Wer dies nicht einsieht, der hat auch keine Zukunft in der Eurozone - die ist keine Transferunion, wäre schlimm wenn doch. Schäuble will keine deutsche EU oder Währungszone. Er hat erkannt, dass Fehler gemacht wurden, sind ja menschlich. Diese Fehler können und müssen korrigiert werden. Und um wieder aufs Lieblingsthema Griechenland zu kommen, diese haben sich in die Währungsunion gemogelt. Ein normaler Mensch würde raus geworfen und verklagt werden. Daher sollte die Möglichkeit eines Grexit aufrecht gehalten werden. Die Griechen haben beim Eintritt in den Euro einen Vertrag unterschrieben mit Regeln. Daran muss man sich auch halten. Das wussten die Griechen und sollten es auch in Zukunft sich wieder vor Augen führen.
kasam 23.07.2015
4. Deutsche Vorherrschaft,
das will keiner. Auch die Deutschen nicht. Das was Schäuble nicht ausstehen kann, sind Regierende die pokern und die Realität nicht anerkennen. Und das ist ja schlimm genug.
salamicus 23.07.2015
5. Deutschland...
...und die USA haben eines gemeinsam: sie können es nie richtig machen. Führungsrolle übernehmen, das erwartet jeder, vor allem wenn's mulmig wird, aber es darf nur so geführt werden, wie die anderen es wollen. Das ist natürlich ein Oxymoron. Schäuble hat seine Ansicht geäußert, mehr nicht, und er hat nicht den Grexit verlangt, nur zur Diskussion gestellt. Ob er mit seiner Einschätzung so falsch lag, werden die nächsten sechs bis zwölf Monate zeigen.
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