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Wolfgang Schnur: Der Mann, der Angela Merkel entdeckte, ist tot

Er arbeitete an der demokratischen Wende in der DDR und engagierte in jenen Tagen Angela Merkel als Pressesprecherin - später flog seine Stasi-Mitarbeit auf. Damit endete seine Karriere. Nun ist Wolfgang Schnur im Alter von 71 Jahren gestorben.

Wolfgang Schnur: Mann mit zwei Gesichtern Fotos
dpa

Der DDR-Wendepolitiker und Stasi-Spitzel Wolfgang Schnur ist tot. Der 71-Jährige starb bereits am Samstag in einem Krankenhaus in Wien. Das sagte ein Sprecher der Bestattung Wien, eines städtischen Bestattungsunternehmens, am Mittwoch.

Wie die "Bild"-Zeitung berichtete, erlag Schnur einem Krebsleiden. Im Wendeherbst 1989 gründete Schnur zusammen mit den Pfarrern Rainer Eppelmann und Friedrich Schorlemmer die Bürgerbewegung "Demokratischer Aufbruch" (DA). Durch ihre enge Zusammenarbeit mit der Bonner CDU vor den ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 war für den DA-Vorsitzenden Schnur der Ministerpräsidentenposten in greifbarer Nähe. In jenen turbulenten Monaten machte er auch Angela Merkel bekannt - als seine Pressesprecherin.

Er galt als brillanter Anwalt, der sich für seine Klienten mit dem DDR-Staat anlegte. Wolfgang Schnur betreute bis zur Wende vor allem DDR-Bürgerrechtler und Dissidenten. Als engagierter Anwalt der Evangelischen Kirche war er für sie absolut vertrauenswürdig.

Noch nachdem der SPIEGEL seine IM-Tätigkeit enthüllte, leugnete Schnur vehement jegliche Spitzeltätigkeit. Vor diesem Hintergrund erscheint Schnurs Arbeit im DA in einem anderen Licht: Er hatte noch im Sommer 1989 versucht, die Gründung der Oppositionsbewegung zu verhindern. Weil das misslang, lies sich Schnur an die DA-Spitze wählen.

Erst vier Tage vor den Wahlen trat er unter dem Druck der Bundes-CDU zurück. Später wurde bekannt, dass er bereits 1964 eine Verpflichtungserklärung unterschriebe hatte. Sein Tarnname war "IM Torsten". 1993 entzog ihm die Berliner Justizverwaltung seine Zulassung als Anwalt. 1996 wurde Schnur vom Berliner Landgericht wegen Verrats von DDR-Bürgerrechtlern an die Stasi zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Danach bestritt er seinen Lebensunterhalt als Berater verschiedener Projekte.

Schnurs Leichnam sollte noch am Mittwoch nach Berlin gebracht werden.

cht/dpa

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