Wortlaut Auszüge aus der Fischer-Rede


Bielefeld - 30 Minuten Redezeit hatten die Delegierten Fischer auf dem Parteitag zugesagt - nach 20 Minuten hatte er alles gesagt. Auszüge aus seiner Rede:

"Geliebte Gegner: Wißt Ihr, ein halbes Jahr sind wir jetzt hier in der Bundesregierung. Ein halbes Jahr - ja jetzt kommt Ihr, ich hab darauf gewartet: Kriegshetzer, hier spricht ein Kriegshetzer und Herrn Milosevic schlagt Ihr demnächst für den Friedensnobelpreis vor...

Mit Sprechchören, mit Farbbeuteln wird diese Frage nicht gelöst werden.... Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, daß wir Grüne unter Polizeischutz einen Parteitag abhalten müssen...

Ich war bei Milosevic, ich hab mit ihm zweieinhalb Stunden diskutiert. Ich habe ihn angefleht, darauf zu verzichten, daß die Gewalt eingesetzt wird im Kosovo. Es ist der Krieg, ja, und ich hätte mir nie träumen lassen, das Rot-Grün mit im Krieg ist. Aber dieser Krieg geht nicht erst seit 51 Tagen, sondern seit 1992...

Für mich spielten zwei zentrale Punkte ... eine entscheidende Rolle: ... In Solingen, als (es) zu diesem furchtbaren mörderischen Anschlag auf eine ausländische Familie, auf eine türkische Familie, kam. Die rassistischen Übergriffe, der Neonazismus, die Skinheads....

Ich frage mich, wenn wir innenpolitisch dieses Argument immer verwandt haben, gemeinsam verwandt haben, warum verwenden wir es dann nicht, wenn Vertreibung, ethnische Kriegführung in Europa wieder Einzug halten und eine blutige Ernte mittlerweile zu verzeichnen ist. Ist das moralische Hochrüstung, ist das Overkill?...

Auschwitz ist unvergleichbar. Aber ich stehe auf zwei Grundsätzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen. Deswegen bin ich in die Grüne Partei gegangen...

Ihr mögt alles falsch finden, was diese Bundesregierung gemacht hat und die Nato macht. Aber mich würde mal interessieren, wie denn von einem linken Standpunkt aus das, was in Jugoslawien seit 1992 an ethnischer Kriegführung, an völkischer Politik betrieben wird, wie dieses von einem Linken, von Eurem Standpunkt aus, denn tatsächlich zu benennen ist...

Ich war am letzten Sonntag im Flüchtlingslager in Mazedonien. Geht doch mal mit Eurer Position dort hin und redet mit den Menschen. Mal sehen, was die dazu sagen. Es sind die direkt Betroffenen. Es sind die Vertriebenen...

Ein ganzes Volk zum Kriegsziel zu nehmen zu vertreiben durch Terror, durch Unterdrückung, durch Vergewaltigung, durch Ermordung und gleichzeitig die Nachbarstaaten zu destabilisieren, dies bezeichne ich als eine verbrecherische Politik...

Wir haben darauf gesetzt, den Vereinten Nationen endlich wieder eine entscheidende Rolle zukommen zu lassen. Wir haben darauf gesetzt, Rußland ins Boot zu bringen, was mit G-8 gelungen ist...

Nicht ob wir mit einem guten Gewissen nach Hause gehen, nicht ob wir uns mit Farbbeuteln beschmissen haben, sondern ob wir politische Entscheidungen treffen, die die Rückkehr der Vertriebenen ermöglicht, Ja oder Nein, das ist der Maßstab...

Ich freue mich ja, wenn gesagt wird, von Christian Ströbele u.a., sie wollen, daß Joschka Fischer Außenminister bleibt. Aber da müßt Ihr die Bedingungen auch dafür schaffen, daß ich erfolgreich Außenminister sein kann. Ich werde mit eurem Antrag geschwächt aus diesem Parteitag hervorgehen, und nicht gestärkt.

Ich halte um jetzigen Zeitpunkt eine einseitige Einstellung - unbefristet - der Bombenangriffe für das grundfalsche Signal. Milosevic würde dadurch gestärkt und nicht geschwächt. Ich werde das nicht umsetzen, wenn Ihr das beschließt, damit das klar ist. ...

Was ich Euch als Außenminister bitte, ist, daß ihr mir helft, daß ihr Unterstützung gebt und daß ihr mir nicht Knüppel in die Beine werft und dass ich nicht geschwächt, sondern gestärkt aus diesem Parteitag herausgehe, um unsere Politik weiter fortsetzen zu können."



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