Wowereit bei Piraten: Captain Charme erobert die Polit-Rebellen

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"Hallo, ich bin der Bürgermeister": Mit ihrem Einzug ins Berliner Landesparlament stahlen die Piraten einst Klaus Wowereit die Show. Jetzt nutzt der die Newcomer für den eigenen großen Auftritt: Beim Antrittsbesuch präsentiert er sich als Hauptstadtchef zum Liebhaben.

dapd

Berlin - Was treibt der Chef so lange bei der Konkurrenz? Das fragten sich am Dienstag wohl einige SPD-Leute im Berliner Landesparlament. Ein enttäuschtes Fraktionsmitglied twitterte am späten Nachmittag: "So, wir sind jetzt fertig." Draußen wurde es dunkel, doch vom Bürgermeister keine Spur. "Wowi war nicht da", maulte der SPD-Abgeordnete und vermutete: "Die Piraten haben ihn festgequatscht."

Es war wohl eher umgekehrt: Wowi alias Klaus Wowereit quatschte nebenan die Piraten fest. Der Berliner Regierungschef hatte ein Einladung der Piratenfraktion angenommen, um sich persönlich vorzustellen. Am Ende amüsierte er sich prächtig mit den Polit-Rebellen, blieb länger als geplant - und schwänzte die Sitzung der eigenen Fraktion.

Bei der Landtagswahl im September hatte die Piratenpartei knapp neun Prozent der Stimmen geholt. Mit ihrem spektakulären Einzug ins Abgeordnetenhaus stahlen sie Wowereit die Show. Jetzt nutzte der Bürgermeister die Newcomer für seinen eigenen großen Auftritt.

Lektion Nummer eins: Niemals dem Bürgermeister eine Frage stellen

Dabei hatten die Berliner Piraten jeden Eindruck übertriebener Ehrfurcht vermeiden wollen. Als Wowereit an der Tür klopfte, machten sie weiter im Programm. Gelassen baten sie darum, "unseren Tagesordnungspunkt fertigmachen" zu dürfen. Denn das wäre "supergut".

Die Tische vollgestellt mit Brauseflaschen, ein Pappteller mit angebissener Wurst, der Piraten-Dresscode Marke "zwischen zerzaust und casual" - Wowereit sollte empfangen werden wie jeder normale Gast. "Erklären Sie doch mal kurz, was Sie so machen", wurde er aufgefordert. Wowereit ließ sich darauf ein und referierte die Stationen seines beruflichen Lebens ("Ich bin 58 Jahre alt und seit 2001 Regierender Bürgermeister von Berlin").

Schnell sollten es die Piraten bereuen, einem Profi wie Wowereit das Wort erteilt zu haben. Denn der hörte einfach nicht mehr auf zu reden. Koalitionen seien in den seltensten Fällen Liebesbündnisse, erklärte er väterlich, und schaffte es irgendwie, den Bogen vom rot-schwarzen Koalitionsvertrag zu Kita-Plätzen zu spannen.

Weiter ging es mit Studiengebühren und der Förderung von Sonderpädagogik. Die Zeit verging, ohne dass ein Pirat eine weitere Frage hätte stellen können. 15 Piraten, ein Dutzend Kameras, ein Haufen Journalisten, zusammengepfercht in einem sauerstoffarmen Konferenzraum. Selten fühlten sich 20 Minuten so endlos an.

"Wie schlimm wird es?"

Wowereit war mittlerweile bei der Mietensituation in Berlin angelangt. Nicht zu vergessen: die Resozialisierungskosten! Ein wichtiges Thema sei das. Die Zuschauer begannen leise zu kichern. Schließlich unterbrach Pirat Christopher Lauer den Bürgermeister und fragte, wie lange dessen Vortrag denn ungefähr noch dauern würde.

Damit war die Fragerunde eröffnet, moderiert von Fraktionschef Andreas Baum. Warum nicht das Wahlalter auf 16 senken? Gehören Hausbesetzer zu Berlin? Will sich Wowereit 2013 als Kanzlerkandidat der SPD aufstellen lassen? Wie sollen die Mieten bezahlbar bleiben? Was kommt angesichts des horrenden Schuldenbergs auf Berlin zu - oder auf piratisch formuliert: "Wie schlimm wird es?"

Der Bürgermeister antwortete ohne Zögern. Keine Frage, so schien es, die er nicht schon einmal beantworten musste. Geschickt streute er seine Erfahrungen ein ("Ich beschäftige mich seit 1995 mit dem Thema der Lehrerverbeamtung") oder wählte wohldosierte Selbstkritik. Das Ressort Soziales an die CDU abgeben zu müssen, das habe "schon geschmerzt", räumte Wowereit ein. Und manchmal sei der Koalitionsvertrag durchaus "schwammig formuliert".

Besetzte Häuser würden ihn in einen Zwiespalt stürzen, gestand er. Denn das sei freilich ein illegaler Vorgang. Auf der anderen Seite liege "die Attraktion von Berlin gerade darin, dass es hier Freiräume gab und gibt". Ehrlichkeit, die selbst härteste Piraten besänftigen muss.

Die Mutter aller Phrasen

Wenn gar nichts mehr half, flüchtete sich der Regierungschef in Floskeln. Warum nach dem überraschenden Aus für Rot-Grün die Piraten keine Bündnisoption gewesen seien? Zweierkonstellationen seien immer stabiler als Dreierbündnisse, sagte Wowereit da - und meint damit eines zwischen SPD, Linken und Piraten. Und beim Thema Wohnungsbau brachte er sogar die Mutter aller Politikersprech-Phrasen: das "Bündel von Maßnahmen".

Wowereit ist nicht auf die Stimmen der Piraten angewiesen, wenn er sich am Donnerstag im Abgeordnetenhaus neu ins Amt wählen lassen will. Aber er tut gut daran, sich mit der Fraktion gut zu verstehen. Die Piraten haben im Moment alle Aufmerksamkeit. Wenn etwas Publicity auf den Dauerregenten abfärbt - im Sommer feierte er zehnjähriges Amtsjubiläum -, kann das aus seiner Sicht nicht schlecht sein.

Die Piraten sammeln derzeit Sympathiepunkte, auch über Berlin hinaus. Die Mitgliederzahlen wachsen, in Umfragen liegen sie seit Wochen über der Fünf-Prozent-Hürde. In Berlin wollen sie statt eines Dienstwagens lieber Fahrräder und Jahreskarten für den öffentlichen Nahverkehr. Aktionen wie diese treffen den Nerv ihrer Anhänger.

Allerdings machen die Piraten in Berlin sonst kaum mit Politik von sich reden. Zwar haben sie eine Große Anfrage zum möglichen Einsatz von Überwachungssoftware in Berliner Schulcomputern eingebracht. Doch dass die Abgeordnete Susanne Graf ihren Lebensgefährten als persönlichen Mitarbeiter einstellte, kam nicht gut an. Zuletzt stürzten sich die bunten Blätter auf ein angebliches Koks-Foto des 26-jährigen Abgeordneten Simon Weiß. Das Bild war nur gestellt, der Ruf als Chaotentruppe trotzdem in der Welt.

Am Ende bekam Wowereit von seinen Gastgebern - wohlgemerkt eine Oppositionspartei - Applaus. Der Bürgermeister ermunterte die Piraten, ihrer Rolle als "die, die alles anders machen wollen" gerecht zu werden. Sie sollten ihn doch am Donnerstag einfach mitwählen.

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