Würzburg und die Folgen Menschlichkeit - unsere stärkste Waffe

Die Integration des Flüchtlings Riaz Khan Ahmadzai schien auf einem guten Weg. Trotzdem wurde er zum Attentäter. Das ist verstörend - darf unsere Humanität aber nicht infrage stellen.

Bahngleise bei Würzburg
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Bahngleise bei Würzburg

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Ja, es stimmt, man darf nie von einem auf alle schließen. Und doch stimmt es eben auch: Wäre Riaz Khan Ahmadzai nicht nach Deutschland gekommen, dann hätte er nicht am Montagabend in die Regionalbahn nach Würzburg steigen können und dort mit Hieb- und Stichwaffen auf eine chinesische Touristenfamilie losgehen können und später auf eine einheimische Spaziergängerin.

Wäre er nicht nach Deutschland gekommen, dann müssten jetzt nicht zwei Menschen in intensiver medizinischer Behandlung um ihr Leben kämpfen, dann wären nicht weitere verletzt worden und noch mehr traumatisiert durch seine Attacke.

Stimmt es dann also auch, zu sagen: Schuld an diesem Verbrechen ist nicht nur der konkrete Täter, und nicht nur die Ideologie des IS, mit der er sich womöglich in kürzester Zeit infiziert hat, sondern Schuld haben auch jene, die ihm mit vielen Tausenden anderen Flüchtlingen erlaubt haben, nach Deutschland zu kommen? Und auch jene, die diese Politik für richtig halten und unterstützen?

Niemand könnte es den Opfern von Riaz Khan Ahmadzais Attacke verdenken, würden sie so argumentieren und anklagen. Und doch ist diese menschlich verständliche Reaktion keine, der sich unsere Gesellschaft anschließen darf, wenn Menschlichkeit ihr Leitbild bleiben soll.

Die Aufnahme der Flüchtlinge in Deutschland entsprang und entspringt der Humanität: Es war und ist uns nicht mehr möglich, so zu tun, als gingen uns die Kriege und das Leid in anderen Regionen der Welt nichts an. Es geht den Menschen in Deutschland so gut wie kaum jemandem sonst auf der Welt. Hier gibt es Wohlstand und Frieden, wofür wir dankbar sein müssen, und was uns dazu verpflichtet, anderen zu helfen, mit anderen zu teilen, die nicht per Geburt oder Wohnort dieses Glück genießen können.

Insofern ist die Entscheidung für die Aufnahme von Flüchtlingen nie das Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Abwägung (weshalb alle Berechnungen über zusätzliche Arbeitskräfte, Steuer- und Renteneinnahmen zwar interessant, aber für die Grundfrage nicht relevant sind), sie ist vielmehr eine humanitäre Pflicht.

Ja, unsere Humanität birgt Risiken

Die Erfüllung dieser Pflicht barg dabei von Anfang an Risiken: Bei weit über einer Million Neuankömmlingen aus Kriegs- und Krisengebieten ist es schon rein statistisch ausgeschlossen, dass keiner dabei ist, der Böses im Schilde führt, und keiner, der labil ist, anfällig für Radikalisierung, keiner, der letztlich gewalttätig wird. Viel ist in der Debatte um die Aufnahme der Flüchtlinge darüber gestritten worden darüber, ob die Behörden überfordert sind mit der Registrierung der Neuankömmlinge, von einer Überprüfung ihres möglicherweise radikalen Hintergrunds ganz zu schweigen.

Mögliche Fehler der Sicherheitsbehörden spielen bei der Erklärung des Anschlags von Würzburg allerdings keine Rolle: Nach allem, was man bisher weiß, kam Riaz Khan Ahmadzai nicht als verkappter, unentdeckter Terrorist nach Deutschland. Er kam als Hilfesuchender. Er war nach menschlichem Ermessen bis kurz vor seiner Tat nicht als gefährlich zu erkennen.

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Angriff im Regionalzug: Ermittler suchen nach Spuren

Gab es andere Fehler im System der Flüchtlingsbetreuung, die zur Radikalisierung des 17-Jährigen beigetragen haben könnten? Vieles liegt ja nach wie vor im Argen beim Umgang mit den Flüchtlingen: Die Bearbeitungszeit der Asylanträge ist zu lang, die Aussichten darauf, bald arbeiten und sich ein Leben aufbauen zu können, für viele Flüchtlinge deshalb frustrierend unsicher. Es gibt zu wenige Angebote für den Spracherwerb und die Integration. Doch Riaz Khan Ahmadzai hatte offenbar keines dieser Probleme.

Der Teenager hatte in dem malerischen Städtchen Ochsenfurt Aufnahme gefunden, zunächst in einem Heim, seit zwei Wochen in einer Pflegefamilie, er besuchte, wie man den ARD-Tagesthemen entnehmen konnte, eine Musikgruppe, angeboten von einer engagierten Helferin, er hatte Aussicht auf eine Lehrstelle in einer Bäckerei, und offenbar hatte er auch die Sprache schon soweit erlernt, dass er sein letztes Opfer, eine Spaziergängerin, unflätig auf Deutsch beschimpfen konnte, bevor er auf ihr Gesicht einhieb. Bis zum Montagabend hätte wohl jeder gesagt: Riaz Khan Ahmadzai hatte gute Startbedingungen für sein neues Leben in Deutschland. Und der Staat und die Menschen um ihn herum haben offenbar alles getan, ihm diese gute Perspektive zu ermöglichen.

Es gibt keine rationale Erklärung

Höchst verstörend an dem Anschlag dieses 17-Jährigen ist deshalb - neben seiner Brutalität - vor allem die Abwesenheit einer rationalen Erklärung. Es kann sein, dass der Auslöser seiner Radikalisierung die Nachricht vom Tod eines Freundes in Afghanistan gewesen ist. Aber auch das erklärt wenig. Niemand muss zum Amokläufer werden, weil ein Nahestehender gestorben ist.

Wenn aber das beste Bemühen um die Hilfe, die besten Maßnahmen zur Integration, das höchste Bemühen um innere Sicherheit es nicht verhindern können, dass ein junger Mann sich plötzlich und von allen unbemerkt aufmacht, um zum Mörder zu werden im Namen einer Terrororganisation - bedeutet das dann, dass diese Anstrengungen sinnlos sind, vergeblich, und von Anfang an naiv?

Eben nicht. Denn nur diese Anstrengungen machen uns menschlich. Das beständige Streben nach einem friedlichen Zusammenleben zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens, zwischen Eingesessenen und Neuankömmlingen, ist das Gegenteil dessen, was die Terroristen des IS erreichen wollen, wenn sie die Tat des Riaz Khan Ahmadzai für sich reklamieren. Ihr Ziel ist es, die Gesellschaft zu spalten und aufzuhetzen. Die unbeirrte Menschlichkeit ist die stärkste Waffe, die wir gegen sie haben. Nur mit ihr können wir diesen Kampf gewinnen.

Nein, im Umgang mit Riaz Khan Ahmadzai wurden keine Fehler gemacht. Dass er trotzdem zum Täter geworden ist, darf uns nicht dazu verleiten, jetzt damit anzufangen.

insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
Ortus 20.07.2016
1. Menschlichkeit - unsere stärkste Waffe ?
Nein, ist sie nicht. Menschlichkeit ist keine Waffe - und schon garnicht nicht, wenn sie von anderen als Schwäche interpretiert wird. "Ja, unsere Humanität birgt Risiken" Das allerdings stimmt, wenn sie entsprechend blauäugig daher kommt. Prof. Bassam Tibi, als bekennender Moslem, klagt u.a. schon seit langem, dass unsere Sozialromantiker vor lauter Gefühlsduselei, jegliche interkulturelle Verständigung sabotieren würden. Man wolle einfach nicht akzeptieren, dass es tiefgreifende kulturelle Unterschiede gäbe - über die aber zwingend gesprochen werden müsse. Wenn dem tatsächlich so sein sollte - dann wäre unsere (blauäugige) Menschlichkeit nicht unsere stärke Waffe, sondern unsere eigentliche Schwäche.
zoon.politicon 20.07.2016
2. Menschlichekit ist gut, genauere Kontrollen der Herkunft sind unabdingbar
Dass Humanität, Menschlichkeit (Neues Testament: "Liebet Eure Feinde"...) ein starke Waffe ist, hat sich in der Geschichte des Christentums immer mal wieder gezeigt. Das enthebt allerdings unsere Staatsorgane nicht der Aufgabe, bei Zuwanderung ausreichende Kontrollen zu implementieren (kein Durchwinken). Was minderjährige unbegleitete Zuwanderer angeht, wäre es sehr effektiv und nicht extrem aufwendig, ihre Angaben zur Herkunft u.a. durch erfahrene Einheimische ihres Herkunftslandes zu überprüfen. Dazu müßte ein Interview reichen, in dem Sprache, Dialekte, Fakten über ihr angegebenes Herkunftsland u.a. erfasst werden. Auch bei dem Zug-Attentäter wurde ja auf Grund seiner in seinem Video verwendeten Sprache der Verdacht geäußert, er stamme aus Gebieten Pakistans. Solche Überprüfungen kommen letzten Endes reell hilfsbedürftigen minderjährigen unbegleiteten Zuwanderern zu Gute.
Atheist_Crusader 20.07.2016
3.
Die andere Wange hinhalten, Hass mit Liebe bekämpfen... das klingt alles toll, solange man selbst nicht derjenige ist, der den Blutzoll dafür zahlen muss. Wenn Humanismus und Toleranz nicht erwidert werden, dann pflastert man nur den Weg in den eigenen Untergang. Und ich bezweifle, dass es dann ein Trost ist "Naja, der hat mir zwar die Kehle aufgeschlitzt, aber dafür habe ICH jetzt die moralische Überlegenheit. Tot ist tot. Und wenn's den Tätern zwanzig Jahre später leid tut, dann hilft das den Toten auch nicht."
georgia.k 20.07.2016
4. wie vermessen sind wir
zu glauben, dass allein unser Umgang mit der Problematik human sei. Wer meint, es gäbe keine rationelle Erklärung, irrt gewaltig - das ist nur die Verweigerung, das Problem rational zu sehen. Wir haben unsere Denkmuster und berücksichtigen nicht, dass es für diese Täter ganz andere gibt. Wer von Kind an konditioniert wird, in einer konditionierten Umgebung aufwächst, kann das nicht einfach hinter sich lassen. Wie sehr ein strikter Glaube Denken und Handeln bestimmt, erleben wir gerade durch die Ereignisse in der Türkei. Der Mob ist doch wie von Sinnen, richtet sich gegen all diejenigen, die vom strikten Glauben abweichen - und das ist die Intelligenz und die im Glauben gemäßigten Muslime.
appendnix 20.07.2016
5. Vom Einfachen zum Komplexen
Also wer die jüngere Geschichte kennt, der sollte langsam verstanden haben, dass mit Humanität kein Terror gestoppt werden kann. Ob man derartige Attentäter überhaupt stoppen kann, ist sehr fraglich, aber auf dem Weg dahin, sollte man in kleineren und einfacheren Schritten vorgehen und sich überlegen, wie man endlich Merkel stoppt, denn das würde die Wahrscheinlichkeit auf solche Attentäter überhaupt zu treffen, langfristig sehr stark reduzieren!
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