Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Wulff-Affäre: Merkels Problempräsident

Von

Der TV-Auftritt bringt keine Atempause: Bundespräsident Wulff liefert sich ein öffentliches Duell mit der "Bild"-Zeitung um die Veröffentlichung seiner Mailbox-Nachricht für Chefredakteur Diekmann. Die Opposition fordert ein Machtwort der Kanzlerin. Doch Angela Merkel sieht schweigend zu.

DPA

Berlin - Am Tag nach dem Präsidenten-Interview steht Angela Merkel im Kanzleramt und singt. "Glo-ooooo-ooooo-ooooo-ria, in excelsis deo!" Die Bundeskanzlerin spitzt die Lippen, mehr als hundert Jungen und Mädchen in bunten Gewändern und goldenen Pappkronen begleiten sie. Die Sternsinger sind zu Gast in der Regierungszentrale, wie immer zum Jahresauftakt.

Es ist Merkels erster öffentlicher Termin 2012, und diesmal sind besonders viele Journalisten gekommen. Allerdings nicht, um den schönen Liedern zu lauschen. Sie hoffen auf einen Hinweis, auf eine Gefühlsregung, sei sie auch noch so klein, eine Anspielung vielleicht: Ist die Kanzlerin zufrieden mit den Erklärungen, die Christian Wulff am Abend zuvor im Fernsehen geliefert hat? Mit seiner Reue? Seiner Verteidigung?

Aber nichts. Angela Merkel singt. Sie sagt ein paar Sätze zu den Kinderrechten, die im Mittelpunkt der Sternsinger-Sammlungen stehen. Zu Wulff schweigt sie. Auch ihr Sprecher wird das für den Rest des Tages tun.

Aber auch ohne Worte - man braucht nicht viel Vorstellungsvermögen, um zu ahnen, dass Merkels Gefühl nach Wulffs Selbstverteidigung zur besten Sendezeit eher durchwachsen sein dürfte. Denn Ruhe kehrt an diesem Donnerstag nicht ein. Das Echo auf den TV-Auftritt der Nummer eins ist wenig erbaulich, und der Krimi um den Bundespräsidenten geht in eine neue Runde - mit einem öffentlich ausgetragenen Duell zwischen Deutschlands größter Boulevardzeitung und dem ersten Mann im Staat.

Es geht um die Wutnachricht, die Wulff dem Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Kai Diekmann, von Kuwait aus auf die Mailbox sprach. Wulff hatte bei ARD und ZDF erklärt, er habe in seinem Anruf nur darum gebeten, die Berichterstattung um einen Tag aufzuschieben, bis er wieder in Deutschland sei. Die "Bild" dagegen beharrt darauf: Der Präsident habe den Artikel über seinen umstrittenen Hauskredit komplett verhindern wollen.

Um die Widersprüche auszuräumen, würde das Boulevardblatt gerne den Wortlaut der Mailbox-Nachricht veröffentlichen. Chefredakteur Diekmann bat Wulff am Donnerstag um Zustimmung, der lehnte ab. Die "Bild" bedauerte: "Damit können die im Zusammenhang mit dem Fernsehinterview des Bundespräsidenten entstandenen Unstimmigkeiten, was das Ziel seines Anrufes angeht, nicht im Sinne der von ihm versprochenen Transparenz aufgeklärt werden."

Wulff lehnt Veröffentlichung von Mailbox-Nachricht ab

So skurril die Auseinandersetzung zwischen Springer-Blatt und Präsident inzwischen anmuten mag, wie sie für Wulff ausgehen wird, ist ungewiss. Die Veröffentlichung abzulehnen, mag verständlich sein. Ein Anruf ist vertraulich, die Worte seien "ausschließlich für Sie und für sonst niemanden bestimmt" gewesen, schreibt Wulff an die Adresse Diekmanns und spielt so auch den Ball zurück. Nun muss sich die "Bild" Gedanken machen, ob sie sich früher oder später über das Nein des Präsidenten hinwegsetzt und dennoch ein Abschrift druckt - womit sie nicht nur Wulff selbst gegen sich aufbringen könnte. Bisher heißt es bei "Bild": Der Text wird nicht erscheinen.

Mit seiner Weigerung riskiert Wulff, dass der Eindruck entsteht, er habe etwas zu verbergen - unabhängig davon, was er wirklich auf die Mailbox gesprochen hat. Vielleicht ist es aber auch so, dass gerade die Veröffentlichung des Gesamtkontextes Wulff entlasten könnte. Vielleicht war alles gar nicht so schlimm? Die Frage steht im Raum: Wer hat Recht, die "Bild" oder der Präsident?

Genau in diese Kerbe schlägt die Opposition. "Ich habe kein Verständnis dafür, dass Christian Wulff gestern Transparenz ankündigt und heute die erste Chance dafür verstreichen lässt", sagt SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann und fordert ein Machtwort der Kanzlerin: "Wenn Frau Merkel ein Interesse hat, dieses scheinheilige Schauspiel zu beenden, dann sollte sie Christian Wulff davon überzeugen, der Veröffentlichung zuzustimmen."

Causa Wulff eine Causa Merkel?

Der politische Gegner bemüht sich nach Kräften, die Causa Wulff auch zu einer Causa Merkel zu machen. Tatsächlich sitzt auch die Kanzlerin seit Ausbruch der Kreditaffäre in der Patsche. An einer erneuten Neuwahl eines Bundespräsidenten kann sie kein Interesse haben, nicht nur weil die Mehrheit für das bürgerliche Lager in der Bundesversammlung auf der Kippe steht. Wulffs Fall wäre auch eine ganz persönliche Niederlage für Merkel. Sie hat ihn ins Amt gehievt gegen die öffentliche Stimmung für den Konkurrenten Joachim Gauck, sie wollte nach dem dünnhäutigen Köhler endlich wieder einen Politiker im höchsten Amt. Wulff ist Merkels Präsident.

Klar ist, die eher bodenständige Merkel, die zum Entspannen am liebsten in die Datsche nach Templin oder in die Berge fährt, kann nichts anfangen mit Wulffs Gebaren, nichts mit seinen Gratisurlauben bei reichen Freunden, nichts mit seinem Hannoveraner Klüngel. Merkel hat Wulff das wissen lassen, dem Vernehmen nach im freundlichen, persönlichen Gespräch und auch öffentlich über verklausulierte Regierungssprecherworte. Sie hat ihn gedrängt zu weiteren Erklärungen, einem Drängen, dem Wulff schließlich mit dem TV-Interview nachkam. Mehr Druck kann eine Kanzlerin kaum ausüben auf ein Staatsoberhaupt, ohne dieses vollends bloßzustellen.

Daran arbeite Wulff ohnehin selber am besten, spottet mancher in der Union. Und nur er könne sich aus der vertrackten Lage wieder befreien, die Kanzlerin könne ihm kaum dabei helfen. Dass der TV-Auftritt Wulff wirklich geholfen hat, glauben zwar hinter vorgehaltener Hand nicht viele. Aber sie hoffen noch: Dass die Leute draußen im Land Wulff die Menschel-Tour vom Mittwochabend doch abnehmen und ihm eine zweite Chance geben. Und dass sich die Aufregung von ganz alleine legt und die leidige Affäre bald wieder von Merkels eigentlichem Megathema überlagert wird: der Euro-Krise. Schon am Montag kommt schließlich Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy nach Berlin zur Kanzlerin.

So lange wird gesungen. Nach ihrem Besuch im Kanzleramt kommen die Sternsinger am Freitag auch ins Schloss Bellevue. Um dem Bundespräsident ihren Segen zu geben. Fragt sich nur, wie lange er Merkels Segen noch hat.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 347 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das war zu erwarten ...
trebsleg 05.01.2012
Zitat von sysopDer TV-Auftritt bringt keine Atempause: Bundespräsident Wulff liefert sich*ein öffentliches Duell mit der "Bild"-Zeitung um die Veröffentlichung seiner Mailbox-Nachricht für Chefredakteur Diekmann.*Die Opposition fordert ein Machtwort der Kanzlerin. Doch Angela Merkel sieht schweigend zu. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807353,00.html
Zu erwarten war beides: Dass Frau Merkel, wie es eben ihre Art ist, zu allem erstmal schweigt; und dass die Affäre Wulff über kurz oder lang zu einer Affäre Merkel wird, weil sie uns den Wulff eingebrockt hat. Beides ist katastrophal für die Koalition. So wie Wulff ohne Merkels Patronage nie in ein solches Amt gekommen wäre, so kommt er auch wohl ohne einen Fingerzeig Merkels nicht davon los. Und da es Merkels Präsident ist, bleibt an ihr der Makel schlechter Personalauswahl hängen. Nie war ein Präsident so abhängig von einer Kanzlerin bzw. einem Kanzler wie heute. Frau Merkel hat es nicht anders gewollt. Und das fällt ihr nun auf die Füße.
2.
david_2010 05.01.2012
Zitat von sysopDer TV-Auftritt bringt keine Atempause: Bundespräsident Wulff liefert sich*ein öffentliches Duell mit der "Bild"-Zeitung um die Veröffentlichung seiner Mailbox-Nachricht für Chefredakteur Diekmann.*Die Opposition fordert ein Machtwort der Kanzlerin. Doch Angela Merkel sieht schweigend zu. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807353,00.html
Merkel kann kein Machtwort sprechen. Auch wenn faktisch gesehen Wulff nur ein Parteisoldaten-Präsident von Merkels Gnaden ist und von Merkel de facto im Hinterzimmer ausgesucht wurde, so kann sich ein Bundespräsident als formal erster Mann (oder Frau) im Staate nicht hinter der Bundeskanzlerin verstecken, da diese bloß die dritte Frau im Staate ist. Merkel hat weder formale noch moralische Legitimation, sich schützend vor den Bundespräsidenten zu stellen.
3. Die sehr laute Stille unserer Bundeskanzlerin
!!# 05.01.2012
Zitat von sysopDer TV-Auftritt bringt keine Atempause: Bundespräsident Wulff liefert sich*ein öffentliches Duell mit der "Bild"-Zeitung um die Veröffentlichung seiner Mailbox-Nachricht für Chefredakteur Diekmann.*Die Opposition fordert ein Machtwort der Kanzlerin. Doch Angela Merkel sieht schweigend zu. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807353,00.html
In dem Fr. Merkel kein Wort über Christian Wulff verliert, sagt sie ganz klar und deutlich: ich will ihn als Präsident beahlten.
4. Die Oberhand
pepito_sbazzeguti 05.01.2012
Zitat von sysopDer TV-Auftritt bringt keine Atempause: Bundespräsident Wulff liefert sich*ein öffentliches Duell mit der "Bild"-Zeitung um die Veröffentlichung seiner Mailbox-Nachricht für Chefredakteur Diekmann.*Die Opposition fordert ein Machtwort der Kanzlerin. Doch Angela Merkel sieht schweigend zu. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807353,00.html
Wie wäre es mal mit einem Politiker, der sich mit "Bild" anlegen kann und am Schluss die Oberhand behält? Vor dem würde ich meine sämtlichen Hüte ziehen.
5. Erinnert sich Wulff überhaupt?
kai_ross 05.01.2012
Mich würde mal interessieren, ob Wulff seinen Anruf als Abschrift oder oder Tondokument hat? Selber hat er ihn ja wohl kaum mitgschnitten. Vermutlich hat er nur seine Erinnerung daran. Die kann ja trügerisch sein. Das wird dann vermutlich seine Version sein, falls das Ding doch noch publik wird: "Entschuldigung. Ich hatte das anders in Erinnerung. Es war soviel los und so emotional, da konnte ich mich menschlicherweise nicht richtig erinnern."
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Präsident in Erklärungsnot: Wulffs TV-Auftritt
Vote
Wulff im Interview - gut genug erklärt?

Bundespräsident Wulff hat sich in einem TV-Interview zu den Vorwürfen gegen ihn geäußert - reicht seine Stellungnahme aus?


Fotostrecke
#wulfffilme: So spotten Twitter-Nutzer über Wulff

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: