Ein Kommentar von Roland Nelles
Ehrlichkeit, darum geht es Christian Wulff in dieser Affäre. Also gut, sind wir ehrlich: Christian Wulff ist ein mittelmäßiger Politiker, der ein paar ziemlich mittelmäßige Probleme hat, die zum Teil auf mittelmäßigem Niveau breitgetreten werden und die er nun auf ziemlich mittelmäßige Art im Fernsehen aus der Welt zu räumen versucht. Willkommen in Deutschland im Jahr 2012.
Wulffs Auftritt zur besten Sendezeit bei ARD und ZDF hat etwas erschreckend Banales. Zu besichtigen ist keine präsidiale Lichtgestalt, sondern ein Präsident, der förmlich um Gnade bettelt. Statt wirklich aufzuklären, simuliert er Transparenz, Offenheit, Ehrlichkeit - 21 Minuten lang. Das ist nicht einmal Staatsschauspiel, das ist Osnabrücker Puppentheater.
"Ich möchte nicht Präsident in einem Land sein, wo sich jemand von Freunden kein Geld mehr leihen kann", sagt der Präsident (das komplette Interview im Video und im Wortlaut). Man möchte ihm entgegenrufen: Wer will Bürger in einem Land sein, in dem der Präsident solche Sätze im Fernsehen sagt?
Ehrlich: Es ist möglich, dass Wulff damit durchkommt. Jeder weiß: Angela Merkel, Horst Seehofer, und wie sie alle heißen, wollen jetzt keine neue Präsidentenwahl. Zu lästig, zu nervig, zu groß ist für sie die Gefahr des Scheiterns. Deshalb darf Wulff bleiben. Erst mal.
Es ist durch und durch mittelmäßiges Machtkalkül, zu dem Merkel und Co. den passenden Präsidenten haben. Wulff ist entschlossen, die Affäre auszusitzen. Das sieht nun jeder.
An wirklicher Offenheit ist er nicht interessiert. Zwar entschuldigt er sich für Fehler. Doch im gleichen Atemzug stilisiert er sich zum Opfer, verfolgt von angeblich so grausamen Journalisten, die in seine Privatsphäre eindringen und sogar wissen wollen, wer das Hochzeitskleid seiner Frau bezahlt habe. Die Botschaft seines Auftritts lautet: Seht her, ich bin ein guter Präsident, und meine Kritiker übertreiben maßlos.
Das ist dreist, war aber nicht anders zu erwarten. Wulff mimt einmal mehr die Unschuld vom Lande. Spätestens seit seinen "Ich bin der Präsident"-Anrufen beim Springer-Verlag müsste nun auch dem Letzten klar sein, dass er so ganz unschuldig nicht ist. Aber wen interessiert's?
Ehrlich: Wer das schluckt, hat es nicht besser verdient. Die öffentlich-rechtlichen Journalisten machen ernste Gesichter, als sie die böse politische Einflussnahme von oben auf Berichterstattung da unten verteufeln. Ausgerechnet. Man könnte laut lachen, wenn es nicht so traurig wäre.
Ein Präsident und seine Leistungen müssten am Ende der Amtszeit gemessen werden, also nach fünf Jahren, befindet Christian Wulff. Auch das noch. Es liegen fade, mittelmäßige Jahre vor ihm - und vor uns. Früher war der Präsident ein Ersatz-Kaiser, heute ist er ein Ersatz-Präsident. Mal sehen, ob es jemand bemerkt.
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