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04. Januar 2012, 21:43 Uhr

Wulff bei ARD und ZDF

Gnadengesuch zur besten Sendezeit

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"Es gibt auch Menschenrechte, selbst für einen Bundespräsidenten." Ein schwer angeschlagener Christian Wulff räumt im TV-Interview Fehler ein und wirbt zugleich um Mitgefühl. Reicht das zum Neustart? Die Opposition zweifelt, und auch in der Koalition sind nicht alle überzeugt.

Berlin - Der Bundespräsident ist also auch nur ein Mensch. Ein Mensch, der Freunde hat. Ein Mensch, der sich Geld von diesen Freunden leiht. Der bei diesen Freunden Urlaub macht. Und ein Mensch, der Fehler macht.

Das ist die Botschaft, die Christian Wulff dem Volk übermitteln will. Dafür ist er am Mittwochabend in ein Berliner Fernsehstudio gekommen. Genau 21 Minuten dauert das Interview, das er den beiden öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten gibt, ein mehr als ungewöhnlicher Auftritt für ein deutsches Staatsoberhaupt, zu dem sich Wulff nur unter enormem Druck durchgerungen hat. Verheerend war zuletzt das Medienecho, im Internet wurde Hohn und Spott über ihm ausgegossen, die Unzufriedenheit der Bürger wuchs, die Opposition verschärfte den Ton, aus den eigenen Reihen kamen keine Solidaritätsadressen mehr, selbst die Kanzlerin fordert weitere Erklärungen.

Ein Auftritt also, der im Grunde zu nichts anderem da ist, als ihm seinen Job als erster Mann im Staat zu retten.

Dass das sein fester Wille ist, macht Wulff gleich zu Beginn des Gesprächs deutlich (das komplette Interview im Video und im Wortlaut). Er habe nie an Rücktritt gedacht in den vergangenen Tagen und Wochen, in denen die Affäre um den Privatkredit für sein Eigenheim hochkochte, nicht einmal jetzt, als seine Drohanrufe bekannt wurden, mit denen er Mitte Dezember die unangenehmen Berichte unterbinden wollte.

Man mag das kaum glauben, wenn man den Präsidenten da so sitzen sieht, vor den Leitern der Hauptstadtbüros von ARD und ZDF, Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten: zerknirscht, mit belegter Stimme, kämpferisch zwar, aber auch irgendwie kraftlos. Doch er will weitermachen und nach fünf Jahren im Amt "eine Bilanz vorlegen, dass ich ein guter, erfolgreicher Bundespräsident war". Er sieht sich auch nicht als "Präsident auf Bewährung", wie es ihm Moderatorin Schausten unterstellt. "Völlig abwegig" sei dieser Begriff, er habe schließlich "nichts Unrechtes getan, auch wenn nicht alles richtig war".

Wulff will "Lernfortschritte" machen

Für das, was nicht richtig war, will Wulff nun Buße tun, öffentlich, vor einem Millionenpublikum. Und so bedauert der Präsident noch einmal zur besten Sendezeit, dass er dereinst vor dem Hannoveraner Landtag nicht gleich gesagt hat, dass er sich zwar kein Geld von seinem Unternehmerfreund Egon Geerkens, wohl aber von dessen Frau geliehen hatte. Und dass er jüngst dem Chefredakteur der "Bild"-Zeitung wutentbrannt auf die Mailbox schnaubte. "Das war ein schwerer Fehler", sagt Wulff. In der Sache ist das nicht neu.

Aber, und hier beginnt die Verteidigung des Staatsoberhauptes, Fehler sind aus seiner Sicht eben auch nachvollziehbar. "Es gibt auch Menschenrechte, selbst für einen Bundespräsidenten", sagt Wulff. Der Anruf bei der "Bild", sei zwar mit seinem Amtsverständnis nicht vereinbar, er wolle doch besonnen, objektiv, neutral und mit Distanz agieren. "Und trotzdem ist man Mensch und man macht Fehler." Man, man, man - Wulff sagt das immer wieder im Interview, selten einmal ich - es erinnert an den gefallenen CSU-Star Karl-Theodor zu Guttenberg, der auch gerne so von sich selbst spricht.

Wulff erwähnt seine Frau, seine Familie, seine Kindheit. Er sagt Sätze wie: "Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem man sich von Freunden kein Geld mehr leihen kann." Oder dass sich die Republik zum Schlechten verändere, wenn man als Politiker nur noch bei Freunden im Gästezimmer übernachten dürfe, wenn man dafür eine Rechnung verlange. Und Wulff sagt, dass ihn seine Fehler "lebensklüger" machen würden, er spricht davon, dass man "im Umgang mit seinen eigenen Fehlern Lernfortschritte unter Beweis" stellen könne. Wulff, der Schüler des Lebens.

Spott für das "Bundesunschuldslamm"

So also wirbt der Bundespräsident um das Mitgefühl der Fernsehzuschauer. Reicht das für einen Bundespräsidenten? Die Reaktionen im Internet sprechen nicht dafür. Und auch die Opposition will nicht daran glauben. "Das war kein Befreiungsschlag und wird die Debatte nicht beenden", sagt SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil. Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke meint, Wulff habe die Vorwürfe an ihn im Kern nicht verstanden. Linken-Chefin Gesine Lötzsch wirft dem Staatsoberhaupt vor, "in seiner Taktik des Aussitzens" zu verharren.

Die Koalition bemüht sich dagegen nach Tagen der Zurückhaltung erstmals wieder um Unterstützung für ihren Präsidenten. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe ist sicher, dass Wulff "damit erfolgreich Vertrauen in der Bevölkerung zurückgewinnen wird". CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt betont, Wulffs Bedauern sei "sehr zu respektieren". FDP-Generalsekretär Patrick Döring spricht von "eindeutigen Worten" und einem "richtigen Schritt". Die Debatte müsse nun beendet werden.

Dass das gelingen wird, davon sind allerdings auch im bürgerlichen Lager nicht alle überzeugt. Hinter vorgehaltener Hand spottet mancher über den Auftritt der Nummer eins. "Das war richtig peinlich", sagt einer aus der Unionsfraktion, "wie in einer Selbsthilfegruppe". Ein CDU-Urgestein aus der Kohl-Ära verschickt nach der Aufzeichnung SMS an Journalisten, die das Wort "Bundesunschuldslamm" enthalten. Und dennoch, auch Kritiker glauben - und hoffen wohl auch -, dass die Menschen draußen im Land das anders sehen könnten und Wulffs teilweise Mitleid heischender Ton womöglich Wirkung zeigt.

Doch um alle Wunden zu heilen, dafür reicht ein Fernsehinterview nicht, das wird auch Wulff wissen. Er müsse Glaubwürdigkeit zurückerlangen, räumt er an einer Stelle ein. Und er müsse sein Verhältnis zu den Medien neu ordnen. Das kurze TV-Schauspiel dürfte, wenn überhaupt, ein kleiner Schritt zurück auf dem Weg in die Normalität gewesen sein.

Diese Normalität soll im Schloss Bellevue am Freitag, bei Wulffs erstem, regulären öffentlichen Termin endlich wieder einkehren. Dann empfängt der Bundespräsident Sternsinger aus dem Ruhrgebiet. Unter anderem führt eine Kinder- und Jugendgruppe aus Gelsenkirchen ein kleines Stück auf. Es soll darin um Meinungs- und Redefreiheit gehen.

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