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Wulff-Buch im Check: "Es war schamlos und entwürdigend"

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Buchveröffentlichung: Wulff zurück im Rampenlicht Fotos
DPA

Exbundespräsident Christian Wulff hat sein Buch präsentiert. In "Ganz oben Ganz unten" rechnet er scharf mit den Medien und der Justiz ab, benennt aber auch eigene Fehler. Ein Überblick über zentrale Passagen und interessante Details.

Berlin - Es ist über zwei Jahre her, dass Christian Wulff in Berlin öffentlich gesprochen hat. Damals, am 17. Februar 2012, verkündete er an der Seite seiner damaligen Ehefrau im Schloss Bellevue seinen Rücktritt. Seitdem ist viel passiert - am Dienstag präsentierte der 54-Jährige nun seine Sicht auf die Dinge. Das Buch: "Ganz oben Ganz unten."

In dem 256 Seiten starken Buch, das im C.H. Beck Verlag erschienen ist, berichtet Wulff über die Entscheidung der Kanzlerin, ihn zum Präsidenten zu machen. Er schildert Höhepunkte seiner Amtszeit - wie etwa die Rede zum Islam in Deutschland. Vor allem aber erklärt er, wie sich sein Rücktritt aus seiner Sicht abgespielt hat. Wulff schildert minutiös, warum er sich wann wo wie verhalten hat in der Affäre. Vieles ist bekannt, doch der Expräsident offenbart auch einige neue Erkenntnisse und Informationen. SPIEGEL ONLINE stellt einige Passagen des Buchs vor.

Wulff und die "Bild"-Zeitung

"'Bild' ist niemals der ganze Skandal, aber ohne 'Bild' ist der ganze Skandal nichts." (S. 197)

Wulff und die "Bild"-Zeitung - das nimmt breiten Raum ein. Es war die "Bild"-Zeitung, die als erste über den Hauskredit berichtete, den Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident von einem befreundeten Ehepaar erhalten hatte. Vor allem Chefredakteur Kai Diekmann gilt Wulff als einer der Drahtzieher im Hintergrund, der die Medienberichterstattung anfeuerte. "Dreimal war es Kai Diekmann, der die Welle auf Knopfdruck auslöste, und dreimal schien er sicher zu sein, dass der Großteil der deutschen Presse ihm folgen würde, von den Fernsehanstalten ganz zu schweigen", schreibt er. Zu den "wenigen rühmlichen Ausnahmen" zählt Wulff ausgerechnet eine Zeitung, die ihm politisch nicht nahestand - die linksalternative "taz". Das Blatt aus Berlin hatte zum Höhepunkt der Wulff-Affäre von Diekmann wissen wollen, wie Zitate von Wulffs Anruf, der auf der Mailbox des Chefredakteurs gespeichert war, den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hatten.

"Bild"-Zeitung und immer wieder Diekmann - das Verhältnis zum Blatt und zum Chefredakteur verwunderte manche Medien schon vor Wulffs Amtszeit im Schloss Bellevue. Im Kapitel "Die Jagd" schildert Wulff ausführlich, warum er sich nach der Scheidung von seiner ersten Frau darauf eingelassen hatte, über das Blatt mit seiner Millionenauflage sein neues Leben zu kommunizieren und seine Freundin Bettina vorzustellen, die später seine Ehefrau wurde. "Wir haben uns auf bestimmte Dinge eingelassen, weil wir wussten, anschließend gut dazustehen und wieder eine Zeitlang in Ruhe gelassen zu werden", schreibt er. Später, so Wulff, habe er aber die Zeitung immer öfter hingehalten - "die Scheidung, Hochzeit, Hochzeitsreise, die Geburt unseres Sohnes, Urlaube, alles ging an Bild und allen anderen Medien vorbei".

Und dennoch: Wulff ließ sich wie kaum ein anderer Bundespräsident vor ihm auf das Blatt ein. Interessant ist, dass er vor seiner wichtigen Rede zum 3. Oktober 2010 - mit dem Kernsatz, dass der Islam inzwischen zu Deutschland gehöre - Ende September den Chefredakteur Kai Diekmann bei einem Frühstück über den Inhalt informierte. "Das ginge auf keinen Fall, sagte Diekmann", erinnert sich Wulff. In der Reaktion des Chefredakteurs sieht der heute 54-Jährige auch den Grund für Folgeartikel in einem anderen Blatt des Springer-Verlags, der "Welt", in der kritische Artikel gegen den radikalen Islam publiziert wurden - unter anderem vom Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner.

Ausführlich schildert Wulff, warum er bei seinem Besuch in Afghanistan keinen Reporter der "Bild"-Zeitung mitnahm - was in Wulffs Interpretation das Verhältnis zu Diekmann weiter verschlechterte. "Ich wollte für Kai Diekmann nicht den Guttenberg II geben", schreibt er in Anspielung an den einstigen Verteidigungsminister und CSU-Politiker, der einst eng mit dem Blatt kooperiert hatte.

Schließlich folgte am 12. Dezember 2011 jenes mittlerweile berühmte Telefonat während einer Reise Wulffs durch mehrere Golfstaaten. Er beschwerte sich auf Diekmanns Mailbox über die Recherchen seiner Redakteure in Sachen Hauskauf. Das Telefonat ist in Gänze abgedruckt. Über fast zwei Seiten lang. "Auf die Mailbox zu sprechen, war eine Dummheit, eine Riesendummheit", schreibt Wulff. Nicht seine Sätze habe er zu bereuen, wohl aber, dass er damit Diekmann "einen Köcher voller Pfeile frei Haus" geliefert habe.

Breiten Raum im Kapitel "Die Jagd" nimmt auch jener Hauskredit des Ehepaars Geerkens ein, der die Affäre im Dezember 2011 erst ins Rollen brachte. Wulff hatte damals nur scheibchenweise darüber informiert. Den Namen des Ehepaars nannte er dabei zunächst nicht. Im Buch listet er nun einen Grund auf, der sich auch in den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Hannover findet, bislang aber wenig beachtet wurde. Es habe ein notarielles Testament des Ehepaars Egon und Edith Geerkens mit ihm gegeben, dass er im Falle ihres Todes die beiden minderjährigen Töchter aufgenommen hätte. "Mir lag daran, dass weder Familie Geerkens noch die Kinder in eine "Bild"-Kampagne reingezogen wurden", schreibt Wulff. "Muss ich wirklich das Privateste preisgeben, um politisch überleben zu können?", fragt Wulff.

Immerhin - wenige Seiten später stellt er selbstkritisch fest: Aus heutiger Sicht wäre es besser gewesen, eine parlamentarische Anfrage der Grünen im Landtag von Hannover, in der auch nach geschäftlichen Beziehungen zwischen Wulff und Geerkens nachgebohrt wurde, "offensiv anzugehen". Und, wie er festhält, "den privaten Finanzierungskredit darzulegen."

Wulff über den Höhepunkt der Affäre

"Es war schamlos und entwürdigend." (S. 229)

Auf rund 30 Seiten schildert der Exbundespräsident seine Eindrücke während des Höhepunkts der Affäre Anfang Februar 2012 - und das durchaus persönlich. Von "schlaflosen Nächten" ist da die Rede, von "großer Verzweiflung", von "Ohnmacht". Nur auf eine Person habe er sich in dieser Zeit verlassen können, schreibt Wulff: die Bundeskanzlerin. Einmal sei sie zu einem persönlichen Treffen in sein Haus in Dahlem gekommen. "Der Termin unterlag höchster Geheimhaltungsstufe. Wenn Redaktionen von diesem Besuch erfahren hätten - darin waren wir uns einig -, würden die meisten am selben Abend noch online stellen: 'Merkel drängt Wulff zum Rücktritt'."

Wulff beschreibt mehrere bislang wenig bekannte Szenen aus dieser Zeit, Merkels Besuch in seiner Dienstvilla ist nur eine davon. Eine andere datiert auf den 10. Februar, Wulff ist auf Dienstreise in Helsinki bei einem Treffen der europäischen Präsidenten.

Der Termin habe ihn - auch aufgrund lustiger Gespräche - abgelenkt, schreibt er. Der ungarische Präsident Pal Schmitt habe ihn zur Seite genommen und gesagt, auch er habe zu Hause ein Problem: Seine Doktorarbeit würde wegen Plagiatsverdachts gefilzt. So kurios das Treffen war, so ernst scheint Wulffs Stimmung gewesen zu sein. Am Rande des Treffens habe er "bei minus dreißig Grad" einen Spaziergang mit seiner Sprecherin gemacht. "Ich erwog aufzugeben." Er tat es letztlich erst eine Woche später.

Wie die Kapitel vorher ist auch dieses in eher unversöhnlichem Ton gehalten. So verwundert es nicht, dass auch eine persönliche Abrechnung zu lesen ist - mit Bernd Busemann, den er selbst einst zum Justizminister in Niedersachsen berufen hatte und der als zuständiger CDU-Minister die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen zu verantworten hatte. Wulff wagt die These, nur deshalb wurde ermittelt, weil es politisch gewollt gewesen sei. Busemanns Agieren in der Affäre interpretiert Wulff als Schlusspunkt einer persönlichen Fehde. 1999 etwa - Wulff war damals CDU-Fraktionschef in Hannover - habe Busemann hinter seinem Rücken ein Gutachten beim Landtagsdienst in Auftrag gegeben, um seine Entscheidungen überprüfen zu lassen. Busemann habe sich "für den Besseren" gehalten, immer "einen markigen Spruch" auf den Lippen gehabt und "ungern eine Feier" ausgelassen, schreibt Wulff.

Weite Teile des Kapitels widmet Wulff den Hintergründen zu einem Bericht in der "Bild"-Zeitung über einen Sylt-Urlaub, den er 2007 mit seinem Freund David Groenewold machte, der in der Filmbranche aktiv ist. Den Aufenthalt auf der Nordseeinsel sieht er als "Komplott" und als Auslöser der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, die letztlich zu seinem Rücktritt führten. Detailreich schildert er die Geschehnisse der letzten 48 Stunden im Schloss Bellevue. "Kein Weg führte an der Erkenntnis vorbei, dass ich die Auseinandersetzung verloren hatte."

Wulff und der Prozess

"Der politisch motivierte fehlerhafte Beginn der Ermittlungen erklärt für mich die Maßlosigkeit und die mangelnde Objektivität der Staatsanwälte." (S. 235)

Der Anwalt Wulff hält die juristische Aufarbeitung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe für absolut unverhältnismäßig - daran lässt er keine Zeile auch nur den Hauch eines Zweifels. Genüsslich beschreibt er, wie detailliert eine ganze Heerschar von Ermittlern sein Privatleben durchleuchtet habe. "Sie haben wahrscheinlich mehr Tage auf Sylt verbracht als ich in meinem ganzen Leben", polemisiert Wulff mit Blick auf einen Urlaubsaufenthalt auf der Insel, der von der Justiz untersucht wurde.

Tatsächlich wirkte der Eifer der Staatsanwälte zur Zeit des Prozesses bisweilen übertrieben. So weit, meint Wulff, hätte es gar nicht kommen dürfen, denn aus seiner Sicht hat es nie einen Grund für eine Anklage, nicht einmal für ein offizielles Ermittlungsverfahren gegeben.

Die Staatsanwaltschaft ist in Wulffs Welt formal schuld an seinem Rücktritt - denn hätten die Ermittler nicht die Aufhebung seiner Immunität beantragt, wäre er heute noch im Amt, meint Wulff.

Damit allerdings blendet der Altbundespräsident politische und moralische Verfehlungen als mögliche, relevante Rücktrittsgründe aus. Zwar bezeichnete es Wulff bei der Präsentation seines Buchs am Dienstag als Fehler, dass er "gelegentlich" nicht genügend Distanz zu Gönnern gewahrt habe, dass er "Bild"-Chef Kai Diekmann auf der Mailbox gedroht habe, dass er im Landtag nicht ausführlicher Auskunft über seinen Hauskredit gegeben habe. All das scheinen für ihn aber lässliche Sünden zu sein - kein Grund jedenfalls, seine Eignung als Staatsoberhaupt infrage zu stellen. Dabei fing mit dem Hauskredit alles an.

Einmal mehr beklagt Wulff die Rolle der Medien, die den Ermittlern mit der Verbreitung von Gerüchten als Stichwortgeber gedient hätten und im Gegenzug mit Interna aus den Ermittlungen versorgt worden seien. Auch der SPIEGEL wird in diesem Zusammenhang genannt. Ausführlich beschreibt Wulff die Vorwürfe, um die es vor Gericht am Ende ging - den vom Filmemacher David Groenewold finanzierten Oktoberfestbesuch, Wulffs angeblich dadurch motivierten Einsatz, sich für einen Film Groenewolds einzusetzen. "Surreal" sei das alles gewesen, bilanziert Wulff.

Das Buch endet mit dem Freispruch. Ziemlich abrupt, muss man sagen. Wulff zieht kein Fazit, er schließt mit den wenigen Worten, die er unmittelbar nach dem Richterspruch an die Öffentlichkeit richtete. Aus ihnen sprachen Freude, Erleichterung, Selbstbestätigung. Er habe bewusst keine Schlussfolgerungen gezogen, hat Wulff bei der Präsentation in Berlin erklärt, der Leser solle sich sein eigenes Bild machen. Doch welches Bild das sein soll, dass zeichnet Wulff gerade dadurch vor, dass er auf weitere Einordnungen nach dem Freispruch verzichtet - das eines zu Unrecht verdächtigten, gejagten, zum Rücktritt Getriebenen.

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insgesamt 170 Beiträge
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1. Titel des Buches
teiler 10.06.2014
Sehr geehrter Herr Wulff, der Titel Ihres Buches ist ja wohl nicht Ihr Ernst. Um ganz unten zu sein, muss man alles verlieren nicht nur sein überzogenes Einkommen und seine Frau. Wenn Sie mal ganz unten gewesen wären, wären Sie heute noch Bundespräsident.
2.
biberzahn 10.06.2014
Es war schamlos und entwürdigend, stimmt sowas macht man nicht !! Denn Gierwolf hat er weg, das klebt wie Scheiße am Schuh.
3. Beliebtheit der Kanzlerin
kategorien 10.06.2014
War es nicht besonders der Spiegel, der Wulff stürzte? Ich erinnere mich einiger Onlinekommentatoren hier, die sich bereits wunderten, ob nicht ein Tag vergehen könne, an dem Wulff nicht degradiert wird. Am Ende war ich froh, dass Wulff ging -- wie auch Gutenberg. Teils, da es mir gleichgültig war; teils, da hinter beiden Affären die Kanzlerin sehe, die am meisten profitiert hatte. Seitdem gibt es niemand mehr, der es öffentlich mit der Beliebtheit der Kanzlerin aufnehmen kann.
4. Lehrstunde
Benutzernameoptional 10.06.2014
Der Fall Wulff ist eine beschämende Lehrstunde - für die Medien. Das Vorgehen von SPON ganz ausdrücklich eingeschlossen.
5. Gleich
zorro der rächer 10.06.2014
2 Fehler: der Originaltitel ist in Versalien. Ohne Komma.
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