Furtwängler und Burda beim Wulff-Prozess "Ich frag doch nicht: Wer zahlt?"

Die Zeugen wirkten erstaunt: Was können sie schon zum Prozess gegen Ex-Bundespräsident Wulff beitragen? Der Richter wollte wissen, wie es bei der Prominenz auf dem Oktoberfest so zugeht. Das wussten Hubert Burda und Maria Furtwängler: Man redet, isst, trinkt - und irgendwer bezahlt.

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Welcher vielbeschäftigte Münchner Geschäftsmann geht schon freiwillig aufs Oktoberfest? Außer denen vielleicht, die davon leben, gesehen und für irgendein buntes Blatt in schriller Pose fotografiert zu werden?

Ein milliardenschwerer Verleger wie Hubert Burda, 73, sicher nicht. Und eine Maria Furtwängler, seine Ehefrau, auch nicht. Für solche Leute bedarf es eines besseren Grundes, wenn sie sich dem Trubel, dem Gedränge, der Luft, die meist zum Schneiden ist, und dem Lärm auf der Wies'n aussetzen. Und dann auch nur so kurz wie möglich.

Um einen solchen Besuch ging es am Donnerstag vor der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Hannover. Als Zeugen geladen waren Burda und seine Frau. Denn eine veritable große Strafkammer mit drei Berufsrichtern, zwei Schöffen und einer Ergänzungsschöffin verhandelt dort über den Verdacht, der damalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff habe sich von seinem Freund, dem Filmmanager David Groenewold, im Jahr 2008 unter anderem deshalb auf die Wies'n einladen lassen, um im Gegenzug dessen Filmgeschäfte zu fördern. Mit am Tisch damals im Käfer-Zelt: Hubert Burda und Maria Furtwängler, die zu Niedersachsen als "Tatort-Kommissarin" einen gewissen Bezug hat und vom Ehepaar Wulff schon einmal nach Hause eingeladen worden war.

Burda war seine Verwunderung anzumerken, als er von seinem Beistand, dem Berliner Medienanwalt Christian Schertz, zum Zeugenstuhl geleitet wurde: "Was will denn eine Strafkammer von mir?", sagte jede seiner Gesten. Dann fing er an zu berichten, dass 2008 das Jahr gewesen sei, in dem die Rundfunkanstalten mit ihren Online-Angeboten das Geschäft der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger zu bedrohen begannen, und dass er, der Präsident des Verbandes, die Gelegenheit nutzte, mit einem Ministerpräsidenten über dieses Problem zu sprechen.

"So was frägt man doch nicht!"

Er habe an jenem 27. September vor dem Oktoberfestbesuch schon mit Wulff über Medienpolitik telefoniert, wollte sich auch um 18 Uhr mit ihm im Bayerischen Hof treffen, wozu es dann aber nicht kam. "Warum denn nicht?", fragt der Vorsitzende nach. "So was frägt man doch nicht!", antwortet Burda mit einem Unterton, der seine Entrüstung über die Zumutungen der Justiz nicht verbirgt.

"Da war ein Tisch reserviert", fuhr Burda mit jenem weichen Münchner Zungenschlag fort, der den gehobenen Kreisen in Süddeutschland eigen ist. "Da waren sechs oder acht Leut', und es ging a bisserl norddeutsch zu." Wieso norddeutsch? Der Vorsitzende Frank Rosenow ist erstaunt. "Bei uns, da stellt man die Leut' vor - das ist der Soundso und der macht das und das..." antwortet Burda. Rosenow lacht. "Wir Norddeutschen stellen uns gelegentlich auch vor!" Rosenow will das nicht auf sich und seinen Landsleuten sitzen lassen.

Burda redet lächelnd weiter: "Ich hab dann gemerkt, wir sind einer Meinung. Wiss'n S', viele Ministerpräsidenten mögen das komplizierte Thema Rundfunkstaatsvertrag nicht, weil sie nix davon verstehen. Der Wulff aber, das wusste ich, der hatte es kapiert mit der Gefährdung. Er wusste um unsere Sorgen. Damit war das Thema durch." Vier oder fünf Sätze habe man nur gebraucht.

Der Vorsitzende will wissen, wer der Gastgeber war. "Ich geh doch nicht aufs Oktoberfest und frag': Wer zahlt?", antwortet Burda. Welche Frage auch. "Wissen Sie noch, was Herr Wulff und seine Frau konsumiert haben?" Der Vorsitzende arbeitet ungerührt seinen Katalog ab. "Die Bierkrüge steh'n verkehrt rum", sagt Burda, "und dann is' da so ein Veschperbrett mit Wurst und Radi und Emmentaler. Ich weiß, was ich bestellt hab', weil ich das nämlich immer bestelle - Schweinswürschtl mit Kraut, die sind immer frisch. Dann kommt automatisch die erste Maß, und man muss aufpassen, dass man nicht zu viel Durst hat. Um halb zehn, zehn bin ich weggegangen. Das reicht dann auch."

"Das ist jetzt nicht Ihr Ernst!"

Einer der Wulff-Verteidiger fragt, ob derartige Gespräche auf der Wies'n üblich seien. "Der Weltmeister in solchen Gesprächen war der Strauß", erklärt Burda. "Der hat da Politik gemacht. Das ist doch die Aufgabe eines Ministerpräsidenten, beim Volk zu sein!"

Dann die Zeugin Furtwängler. Mit großen Augen betritt sie den Saal. "Furtwängler-Burda, Maria" mit Vornamen. "Schauspielerin und Ärztin" gibt sie als Beruf an. Alter? "Muss ich das sagen?" Sie muss. Sie hatte den Wulff-Besuch und das Zusammentreffen mit ihrem Mann eingefädelt.

"Wie war der Besuch?", fragt der Vorsitzende. "Das ist jetzt nicht Ihr Ernst!", antwortet sie. Sie ist keine schüchterne Zeugin. "Voll, stickig und dampfig" sei es gewesen, wie immer halt. "Ich versuch', gar nicht auf die Wies'n zu gehen. Die Brez'n vertrag i eh ned, wegen meiner Gluten-Allergie." Sie packt ihr bestes Bayrisch aus, extra, um den Unterschied zu den Hannoveranern herauszustellen. Wer bezahlt habe? "Ich gehe davon aus, mein Mann", sagt sie mit leicht wegwerfender Geste, denn der lade immer ein. Oder jemand anderes. Sie jedenfalls nicht.

Und dann stellt sie dem Gericht die einzig richtige Frage: "Was könnte meine Aussage eigentlich im allerbesten Fall zur Klärung beitragen?" "Das werden Sie dem Urteil entnehmen", sagt der Vorsitzende und lacht. Lange wird sie darauf wohl nicht mehr warten müssen.

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Seite 1
romaval 05.12.2013
1. Das ist Steuerverschwendung
und die Staatsabwälte die sich hinter den " Recht " verstecken sollten sich fragen ob sie noch normal sind.Da steht Aufwand und Ertrag doch in keinem Verhältnis.Man muß denken daß das alles politisch gewollt ist denn niemand pfeift sie zurück. Ich fabd Herr Wulff nie sonderlich sympathisch aber was jetzt mit ihm geschieht ist unseres Rechtsstaats nicht würdig. Ist es denn so schwer zuzugeben.....wir haben uns geirrt.Wegen diesem Betrag solch ein Aufwand.Unglaublich und ein Armutszeugnis für unsere Justizorgane.
hans-rai 05.12.2013
2. Das ist so krass komisch...
...dass man einen Film darüber machen sollte. Ein Bundespräsident stürzt über "Schweinswürstl". Herrlich.
franko_potente 05.12.2013
3.
Zitat von sysopGetty ImagesDie Zeugen wirkten erstaunt: Was können sie schon zum Prozess gegen Ex-Bundespräsident Wulff beitragen? Der Richter wollte wissen, wie es bei der Prominenz auf dem Oktoberfest so zugeht. Das wussten Hubert Burda und Maria Furtwängler: Man redet, isst, trinkt - und irgendwer bezahlt. Wulff-Prozess: Maria Furtwängler und Hubert Burda sagen aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wulff-prozess-maria-furtwaengler-und-hubert-burda-sagen-aus-a-937396.html)
Kann ihc alles nachvollziehen und unterstützen. Ich halte auch nicht viel von Wulff, aber was die Presse mit ihm veranstaltet hat, und wie die Kustiz nun versucht, mit allen Mitteln irgendwas herbeizubeweisen, ist einfach nur lächerlich und erbärmlich. Das ein Herr Burda allerdings "frägt", erschreckt mich zutiefst. Dei Verwendung von "frägt" zeugt egtl von extrem dünnem Bildungsstand. Es ist so unglaublich falsch....nunja, aber leider auch nciht wichtig
rvogt 05.12.2013
4. Peanuts
Faszinierend, wieviel Aufwand für ein Verfahren getrieben wird, um absurd-lächerlichen Bagatellfragen nachzugehen. Schwer vermittelbar.
anomie 05.12.2013
5.
Jo, toller Stammtisch hier. Die meisten "Kreise" ähneln dann der Mafia, den Bescheißen finden viele gut. Oder über rot gehen.
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