Von Severin Weiland
Berlin - Die Türen im Schloss Bellevue sind hoch. Als könnten sie Menschen verschlucken. Von links kam einst im "Langhans-Saal" Horst Köhler nebst Frau, um seinen Rücktritt zu verkünden. Sein Nachfolger wählt dafür den "Großen Saal" und dort die andere Seite. Christian Wulff und Gattin Bettina treten durch die rechte Tür. Wulff geht zum Pult, seine Frau bleibt stehen, beide sind einem peitschenden Lichtgewitter der Kameras ausgesetzt. Fünf Minuten dauert Wulffs Rede, dann verlassen sie den Raum. Es war ihr letzter Auftritt im Schloss.
Das Kapitel "Bundespräsident Christian Wulff" ist beendet.
Wulff war der Amtsinhaber mit der kürzesten Verweildauer in der Geschichte der Bundesrepublik. Nach nur neunzehneinhalb Monaten muss er gehen - ein Rekord der besonderen Art. Wulff war nur ein Zwischenpräsident. Aber einer, der in den Geschichtsbüchern bleiben wird: Er ist der erste, bei dem die Staatsanwaltschaft um Aufhebung der Immunität bat, um Ermittlungen wegen des Anfangsverdachts der Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung einzuleiten. Es ist eine traurige Geschichte, die da zu Ende geht.
"Ich habe in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt mich verhalten. Ich habe Fehler gemacht, aber ich war immer aufrichtig", sagt er.Es ist eine kurze Ansprache, die Wulff, wie einst auch Köhler, vom Blatt abliest. Er verweist auf den Zusammenhalt der Gesellschaft, er versucht so, wenigstens eine Spur zu hinterlassen, eine, die über die Affärenberichte der letzten Monaten hinausgeht. Wulffs Leitthema war die Integration, zu Beginn seiner Amtszeit hat er erklärt, der Islam gehöre zu Deutschland, kommende Woche wollte er auf der Gedenkveranstaltung zu den Neonazi-Morden sprechen.
Doch all seine Bemühungen, sein Thema zu finden, wurden zuletzt von Berichten über seine Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident überschattet. Erst ging sein Sprecher, zwei Tage vor Weihnachten, aber am Ende half das Aussitzen nichts mehr. Als die Staatsanwaltschaft doch tätig wurde, kam das Aus. Die Entwicklung der vergangenen Tage und Wochen, sagt er in Berlin, habe gezeigt, dass das Vertrauen - "und damit meine Wirkungsmöglichkeiten, nachhaltig beeinträchtigt sind". Schließlich kommt der Satz, den viele schon lange erwartet hatten: "Ich trete deshalb heute vom Amt des Bundespräsidenten zurück, um den Weg zügig für die Nachfolge frei zu machen."
Aussitzen ohne Erfolg
Wulffs Abschiedsrede, der Dank an seine Frau, der Hinweis auf die Berichterstattung der letzten zwei Monate, die beide verletzt hat - all das wirkt in diesem Augenblick nicht wehleidig. Bettina Wulff lächelt milde. Fast könnte man den Auftritt würdig nennen, wenn es nicht ein tragischer Augenblick wäre, wenn der Mann, der sich so lange an sein Amt geklammert hat, nicht schon große Teile der Würde des Amtes, sondern auch seiner eigenen Person verspielt hat. Anfang dieser Woche, als er zum Staatsbesuch nach Italien flog, versuchte er noch, den präsidialen Alltag aufrechtzuerhalten. Doch die Affäre um den Hauskredit, zuletzt um seine Beziehungen zum Filmmanager David Groenewold - sie flog mit. Seine Auftritte in Italien, seine Botschaften nahm niemand mehr wirklich war. Es war ein mediales Desaster, Wulff blieb Gefangener seiner Hannoveraner Zeit.
Wulff war nie der "Bad Boy" der deutschen Politik, er gab sich als einer, der Politik anders machte, menschenfreundlicher, der sich akkurat von seiner ersten Ehefrau trennte, ohne Schlammschlacht und andere unschöne Dinge. Der im Schloss Bellevue eine Spielecke für seinen Sohn einrichtete. Umso überraschter musste die Öffentlichkeit in den letzten Monaten einen anderen Wulff kennenlernen - einen Mann, der in Hannoveraner Zeiten nach oben strebte und dabei irgendwann das Maß verlor, der sich einen Kredit einer Unternehmergattin für den Hauskauf besorgte, der dann später zu günstigsten Konditionen von der Bank abgelöst wurde, der die Nähe zum Glamour suchte. Kleine, unschöne Geschichten, die sich jedoch zu einem Gesamtbild eines Mannes addierten, der für das höchste Amt im Staate nicht geeignet war. Immer ging es dabei irgendwie um Geld, um eine Hotelrechnung etwa.
Selbst sein Abgang wirft finanzielle Fragen auf, die seinen Vorgängern nie gestellt wurden. Unter Juristen ist es strittig, ob der erst 52 Jahre alte Bundespräsident bis an sein Lebensende den Ehrensold von 199.000 Euro im Jahr erhalten kann. Wie auch immer der Streit ausgeht - über was will der Ex-Bundespräsident, der noch jung ist, der eigentlich an eine zweite Amtszeit dachte, als die erste noch gar nicht richtig begonnen hatte, in Zukunft reden? Wer will ihn hören? Richard von Weizsäcker, Roman Herzog - sie nehmen noch immer Funktionen wahr, mischen sich ein, sie haben Autorität. Wulffs Rolle ist völlig ungewiss.
Merkels Rolle
Nun ist wieder Merkel am Zug. Nach Wulffs Auftritt geht sie im Bundeskanzleramt vor die Medien. "Tatsächlich ist es eine Stärke unseres Rechtsstaats, dass er jeden gleich behandelt - welche Stellung auch immer er einnimmt", lobt sie indirekt den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Aufhebung der Immunität. Mit seinem Rücktritt stelle Wulff "nun seine Überzeugung, rechtlich korrekt gehandelt zu haben, hinter das Amt zurück, hinter den Dienst an den Menschen in unserem Land." Dieser Haltung, fügt sie an, zolle sie "ausdrücklich meinen Respekt".
Für die Kanzlerin ist an diesem Tag das Kapitel Wulff schon fast abgeschlossen. Sie hat ihm in den vergangenen Wochen die Treue gehalten - und es gelang ihr das Kunststück, von der Krise in Bellevue unbefleckt zu bleiben. Dank Merkels Kurs in der Euro-Krise kommt die Union derzeit in Umfragen auf Höchstwerte. Dabei hat Merkel einst Wulff als ihren Kandidaten ausgewählt, sie hat sich damals nicht auf den Vorschlag von SPD und Grünen eingelassen, den früheren DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck zu wählen. Sie wollte ihren Vertreter der schwarz-gelben Koalition.
Nun hat sich, nach Horst Köhler und Christian Wulff, der zweite Präsident von Merkels Gnaden verbraucht. Die Kanzlerin bietet jetzt SPD und Grünen Gespräche über die Wahl eines "gemeinsamen Kandidaten" an. Schon am Freitagabend will sie sich mit CSU-Chef Horst Seehofer und dem FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler treffen, am Samstagfrüh folgt ein weiteres Treffen, zu dem die Fraktionschefs der Koalition hinzukommen. Viele Namen sind im Gespräch. Aus dem Umfeld Röslers heißt es, entscheidend sei jetzt nicht die Parteipolitik. Es komme darauf an, eine überzeugende Persönlichkeit zu finden, die die Würde und den Respekt für das höchste Staatsamt schnell zurückbringe.
So wartet die Republik mit Spannung, wer vorgeschlagen wird. Es ist Merkels dritter Versuch mit dem Schloss Bellevue. Diesmal muss er klappen.
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