Wulff und die Managergehälter Weiter im Pogrom

Von "Pogromstimmung" gegen Manager fabulierte Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff in einer Talkshow. Solche Ausfälle sind in heutiger Zeit vor allem eins: Fehlleitungen eines unheilbar gesunden Gewissens.

Von Henryk M. Broder


"Mir ist so komisch zumute, ich ahne und vermute, heut liegt was in der Luft, ein ganz besonderer Duft", heißt es in einem Schlager aus den zwanziger Jahren, der von Mischa Spoliansky komponiert wurde. Nach 1933 musste er emigrieren, ebenso wie Marlene Dietrich, Richard Tauber und andere Künstler, mit denen der Jude Spoliansky zusammengearbeitet hatte. Denn damals lag tatsächlich einiges in der Luft: Faschismus, Antisemitismus und das Versprechen der Nazis, Deutschland von entarteter Kunst und undeutschen Elementen zu säubern.

CDU-Politiker Wulff: Fehler in der "Friedman"-Sendung
AP

CDU-Politiker Wulff: Fehler in der "Friedman"-Sendung

Was aber ist es, das heute in der Luft liegt, welch besonderer Duft ist es, der sympathischen, vernünftigen und nicht zu Übertreibungen neigenden Menschen die Sinne vernebelt? Kaum hatte der Direktor des Münchener Ifo-Instituts, Hanns-Werner Sinn, die Lage der Manager heute mit der Situation der Juden im Dritten Reich verglichen, wofür er sich umgehend entschuldigte, kommt der Ministerpräsident von Niedersachsen, Christian Wulff, daher und redet von "Pogromstimmung" gegen Manager.

Wulff ist zu intelligent, um nicht zu wissen, was der Begriff "Pogrom" bedeutet und woher er stammt: Aus der russischen Sprache und der russischen Geschichte, wo Pogrome gegen Juden ein beliebter Zeitvertreib auf dem Lande und in der Stadt waren. Mal wurden sie von den Autoritäten initiiert, mal entlud sich der Volkszorn ganz spontan.

Berühmt wurde das Pogrom von Jedwabne im Jahre 1941, wo einige hundert Juden von ihren polnischen Nachbarn zusammengetrieben und in der Synagoge des Ortes verbrannt wurden. Später wurde die Tat den Nazis zugeschrieben. Eines der letzten Pogrome nach dem Holocaust fand im Jahre 1946 in der polnischen Stadt Kielce statt; 41 Juden, die den Krieg überlebt hatten, wurden totgeschlagen.

Aber Pogrome gehören mitnichten der Vergangenheit an. Heute finden sie unter dem Label "ethnische Konflikte" oder "ethnische Säuberungen" statt: auf dem Balkan gegen Muslime, in muslimischen Ländern gegen Christen, in Iran gegen die Baha’i. Wer nur einen Hauch von Ahnung über Geschichte und Gegenwart hat, kann diesen Begriff weder relativieren noch auf eine "Opfergruppe" anwenden, deren größtes Problem die Reform der Erbschaftsteuer ist.

Natürlich haben auch Millionäre Probleme, die ihnen gelegentlich den Schlaf rauben; das normale Publikum, das sein Geld nicht arbeiten lässt, sondern eigenhändig bei VW am Fließband oder an der Aldi-Kasse verdient, erfährt von diesen Nöten in Sendungen wie "explosiv" und "exclusiv", wo über die Sonderangebote auf der Münchner "Millionairs Fair" und über Benefizgalas berichtet wird, deren Teilnehmer für einen Friseurbesuch mehr ausgeben, als eine durchschnittliche Familie in Uganda monatlich zum Leben braucht.

Und wenn Boris Becker es sich leisten kann, einer Kurzzeitverlobten einen Ring im Wert von 50.000 Euro zu schenken, dann kann die Stimmung im Sandkasten der Oberen Zehntausend nicht allzu verzweifelt sein.

Was also treibt einen klugen Kopf wie Christian Wulff dazu, von einer Pogromstimmung gegen Spitzenmanager zu fabulieren? Lust an der Provokation kann es nicht sein, auch nicht Freude am Zündeln, dazu ist er nicht der Typ. Es scheint tatsächlich etwas in der Luft zu liegen, ein Virus, der Leute wie Sinn und Wulff mit unbewusster Entschlossenheit in den größten Fettnapf treten lässt, den die Geschichte derzeit anzubieten hat. Entweder sie haben kein argumentatives Kleingeld zur Hand oder sie holen auch bei banalsten Anlässen den ultimativen Knüppel aus dem Kulturbeutel.

Das kommt nicht von ungefähr. Beim Thema Völkermord haben die Nazis Maßstäbe gesetzt: Er fängt erst bei sechs Millionen Toten an. Was zahlenmäßig drunter liegt - Srebrenica, Ruanda, Darfur - wird in Deutschland nur mühsam wahrgenommen. Und wenn einer heute nicht von der "Endlösung", sondern nur von der "friedlichen Lösung" der Palästina-Frage spricht und damit die Auslöschung oder Abschaffung Israels meint, wie der iranische Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad, dann sehen auch notorische Mahner, die sonst an jedem 9. November "Wehret den Anfängen" rufen, keinen Grund zur Sorge. Umgekehrt dagegen werden Nichtigkeiten dramatisiert.

Es mag für Menschen, die in Privatjets zwischen ihren Latifundien pendeln, unangenehm sein, auf ihre Verantwortung in Zeiten knapper Ressourcen hingewiesen zu werden; so wie es für Manager, die einen Maserati als Drittwagen benutzen, einen Absturz in die Armut bedeutet, mit nur 500.000 Euro jährlich auskommen zu müssen. Aber in solchen Momenten an die Lage der Juden im Dritten Reich zu erinnern oder von Pogromstimmung zu reden, das sind nicht Geschmacklosigkeiten, es sind Fehlleitungen eines unheilbar gesunden Gewissens.

Inzwischen sind kaum noch "Gelbe Sterne" auf den Flohmärkten zu finden, denn fast alle gesellschaftlichen Gruppen haben sich irgendwann zu "den Juden von heute" befördert: Die Frauen, die Bauern, die Studenten, die Rentner und die Autofahrer. Jetzt sind die Manager und die Millionäre an der Reihe. Anders als die Juden werden sie es überleben.



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