Wulff und die Moral: Kredit verspielt

Ein Kommentar von

Christian Wulff hat das Parlament nicht belogen - aber die ganze Wahrheit hat er auch nicht gesagt, als er nach seinen Finanzbeziehungen zu dem Geschäftsmann Geerkens gefragt wurde. Solche juristischen Tricks mögen vor Gericht schützen, eines Bundespräsidenten sind sie unwürdig.

Privatkredit: Wulff wehrt sich gegen Täuschungsvorwurf Fotos
DPA

Eigentlich konnte man doch zufrieden sein mit ihm. Klar, Christian Wulff ist kein allzu brillanter Redner, aber wenn er sich einmal äußert, dann hat sein Wort doch moralisches Gewicht. Man denke nur an seine lobenswerten und wegweisenden Bemühungen um die Integration islamischer Mitbürger. Oder an... naja, an was eigentlich?

Wie dem auch sei: Durch die Installation Wulffs im höchsten Amt des Staates wurde dem Land ein herzerfrischend normaler Bundespräsident geschenkt. Kein gravitätischer Wichtigtuer, viel mehr ein Mann aus dem Volk: ein Familienvater, ein geschiedener Katholik, ein bekennender Lena-Fan mit tätowierter Gattin. Und, wie man jetzt weiß: auch mal klamm im Geldbeutel. Einer wie du und ich eben.

Und selbstverständlich darf auch ein Politiker einmal pleite sein, darf wie jeder andere Bürger auch einmal in die Situation geraten, sich Geld leihen zu müssen. Wie für jeden anderen ist es dann auch für einen hochrangigen Volksvertreter schön, wenn man einen guten Freund hat, der dann Verständnis zeigt. "Jeder weiß, dass Scheidungen teuer sind", sagt nun Egon Geerkens, der gute Freund des Präsidenten. Und so wurde dem klammen Christian also geholfen - von Geerkens Frau.

Es soll an dieser Stelle gar nicht darum gehen, ob Wulff Geerkens für die Großzügigkeit seiner Gattin im Gegenzug Gefälligkeiten erwiesen hat, die nicht mit seinem damaligen Amt als Ministerpräsident von Niedersachsen vereinbar waren. Es soll hier auch nicht darüber gerichtet werden, ob es anrüchig ist, dass Geerkens den damaligen Ministerpräsidenten auf dessen Reisen (auf eigene Kosten wohlgemerkt) begleitet hat und welche geschäftlichen Vorteile daraus für ihn zu ziehen waren. Es gibt zur Stunde keine Belege für ein juristisch relevantes Fehlverhalten Wulffs.

Was es jedoch gibt: Erstens eine parlamentarische Anfrage der Grünen im niedersächsischen Landtag nach Geschäftsbeziehungen zwischen Christian Wulff und Egon Geerkens. Zweitens die Antwort Wulffs, es habe "keine geschäftlichen Beziehungen gegeben". Und drittens nun die fatale Erklärung des Präsidialamtes nach Bekanntwerden des Privatkredits, die Anfrage sei damals "korrekt beantwortet" worden. Denn gefragt worden war ja nach Egon Geerkens, nicht nach seiner Gattin Edith.

Also hat Wulff nicht gelogen. Aber er hat eben auch nicht die ganze Wahrheit über seine Verbindung zum Hause Geerkens gesagt. War die Wahl von Edith Geerkens als Kreditgeberin womöglich eine bewusst gewählte Konstruktion, die genau solche Anfragen wie die im Landtag gestellte unterlaufen sollte? Diese Vermutung ist naheliegend. Zumal Frau Geerkens die halbe Million auf ein deutsches Konto überwiesen hat, von dem ihr Mann dann Wulff einen Scheck ausstellte.

Politiker stürzen selten über ihre anrüchigen Affären selbst. Sie stürzen über ihre Fehler bei der Vertuschung dieser Affären.

Es reicht eben nicht aus, sich nach den Buchstaben des Gesetzes gerade noch legal zu verhalten. Nicht für einen Justizsenator, wie man jüngst in Berlin beobachten konnte. Und schon gar nicht für einen Bundespräsidenten.

Er ist eben doch keiner wie du und ich.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes stand: "Zumal Frau Geerkens die halbe Million auf ein Konto ihres Mannes überwiesen hat, der dann Wulff einen Scheck ausstellte." Nach Angaben von Egon Geerkens muss es heißen: "Zumal Frau Geerkens die halbe Million auf ein deutsches Konto überwiesen hat, von dem ihr Mann dann Wulff einen Scheck ausstellte."

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insgesamt 170 Beiträge
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1. Wer ist Egon Geerkens?
Geziefer 13.12.2011
Zitat von sysopChristian Wulff hat das Parlament nicht belogen - aber die ganze Wahrheit hat er auch nicht gesagt, als*er nach seinen Geschäftsbeziehungen zum Schrotthändler Geerkens gefragt wurde. Solche juristischen Tricks mögen vor Gericht schützen, eines Bundespräsidenten sind sie unwürdig. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803517,00.html
Egon Geerkens (66) machte sein erstes Geld buchstäblich mit Schrott, bevor er auf Edelmetall umstieg: 1972 übernahm er ein Juweliergeschäft mit An- und Verkauf von Emil Gudemann und führte es nach kleinen Anfängen über mehrere Stationen im großen Stil fort. Zuletzt residierte seine Firma Juwelier Gudemann an der Ecke von Krahnstraße und Theaterpassage. Dort ereignete sich auch am 11. April 1995 ein denkwürdiger Kriminalfall: Morgens um 4.51 Uhr explodierte vor der Tür des Geschäftes eine Sprengladung: Drei vermummte Täter hatten eine Bombe gezündet, um sich so gewaltsam Einlass zu verschaffen. Allein der Sachschaden am Gebäude wurde auf 200000 D-Mark beziffert. Geerkens taxierte den vermissten Schmuck und Edeluhren anschließend auf „weit über 100000 Mark“. Und die Beute wäre noch höher ausgefallen, wenn das Einbrecher-Trio nicht einen bereits prall gefüllten Rucksack auf der Flucht verloren hätte. Neben Gold und edlen Steinen hatte Egon Geerkens zu dieser Zeit bereits erhebliches Geld in Immobilien investiert. Zusammen mit einem Partner entwickelte er die Theaterpassage (Investitionssumme zehn Millionen DM) und holte zur Eröffnung sogar Hannelore Kohl und Thomas Gottschalk nach Osnabrück. Später verkaufte er dieses innerstädtische Filetstück dann an die Iduna-Versicherungen. Gemeinsam mit einem anderen Osnabrücker Immobilienentwickler war Geerkens an der Markthalle am Nikolaiort beteiligt. Auch im spanischen Marbella war er zeitweilig tätig. Heute noch besitzt Geerkens einen erheblichen Teil der Sanierungs-Neubauten an der Dielingerstraße. Er selbst, auch das gehört zu dem Bild seiner Persönlichkeit, baute sich seinerzeit in den wilden 70er-Jahren ein Penthouse am Nikolaiort. Augenzeugen berichten, die Badewanne musste damals extra mit einem Autokran in die sechste Etage gehievt werden – und sie habe goldene Wasserhähne gehabt. Was im behäbig-sittenstrengen Osnabrück schon für Stirnrunzeln sorgte. Heute lebt Egon Geerkens, der für uns leider nicht erreichbar war, in der Schweiz am Vierwaldstätter See oder in Florida. Die Verbindung zu Christian Wulff, dessen Trauzeuge Egon Geerkens 1988 gewesen ist, geht übrigens bis in die Jugendzeit des späteren Ministerpräsidenten zurück: Geerkens, der Skatbruder seines Stiefvaters, wurde nach der Trennung der Eltern zu einem väterlichen Freund und Förderer für Christian Wulff. Jetzt holt ihn diese Freundschaft ein. Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung
2. der nächste bitte...
axelkli 13.12.2011
Wulff muss zurücktreten.
3. dem Weltreisenden Wulff
clageo 13.12.2011
Zitat von sysopChristian Wulff hat das Parlament nicht belogen - aber die ganze Wahrheit hat er auch nicht gesagt, als*er nach seinen Geschäftsbeziehungen zum Schrotthändler Geerkens gefragt wurde. Solche juristischen Tricks mögen vor Gericht schützen, eines Bundespräsidenten sind sie unwürdig. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803517,00.html
haben nun Grüne eine gewisse Doppelmoral nachgewiesen. Es ist schon erstaunlich, daß dieser hochbezahlte Politiker einen Privalkredit in solcher Höhe benötigte. Sein Vorgänger Köhler war in allen Angelegenheiten glaubwürdiger!!
4. Kredit schon vorher verspielt
Reqonquista 13.12.2011
Zitat von sysopChristian Wulff hat das Parlament nicht belogen - aber die ganze Wahrheit hat er auch nicht gesagt, als*er nach seinen Geschäftsbeziehungen zum Schrotthändler Geerkens gefragt wurde. Solche juristischen Tricks mögen vor Gericht schützen, eines Bundespräsidenten sind sie unwürdig. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803517,00.html
Sich immer aller Konflikte enthalten ist auch nicht das was man vom einem Bundespräsidenten erwartet. Und Kredite bekommt man normalerweise von einer Bank wie alle Menschen. Dinge zu verscheigen sind manchmal nicht besser als lügen. Von Beamten erwartet man Integrität. Nicht nur der I. gehört zu Deutschland, auch Ehrlichkeit und Integrietät. Bitte den Präsidenten auswechseln!
5. Hat nicht gelogen
michael aber 13.12.2011
Zitat von sysopChristian Wulff hat das Parlament nicht belogen - aber die ganze Wahrheit hat er auch nicht gesagt, als*er nach seinen Geschäftsbeziehungen zum Schrotthändler Geerkens gefragt wurde. Solche juristischen Tricks mögen vor Gericht schützen, eines Bundespräsidenten sind sie unwürdig. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803517,00.html
und basta. Das ganze Nachtreten hilt da auch nichts. Es zeugt nur von Unsportlichkeit, nach soviel Suche, doch keine Leiche im Keller, dann wird eben geschmollt. Irgendwas Wahres wird schon dran sein, soll am Ende herauskommen.
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