Wulffs Finale: Titelfavorit träumt vom K.-o.-Sieg

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Christian Wulff ist schon in Feierstimmung: Der schwarz-gelbe Kandidat setzt auf einen Erfolg im ersten Durchgang der Bundespräsidentenwahl. Die Chancen seines Kontrahenten Joachim Gauck schwinden stündlich, die Linke will ihn partout nicht wählen - ein letzter Versöhnungsversuch ist gescheitert.

Unionskandidat Wulff (Schminkaktion bei WM-Fest vergangene Woche): Sieg in Runde 1? Zur Großansicht
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Unionskandidat Wulff (Schminkaktion bei WM-Fest vergangene Woche): Sieg in Runde 1?

Berlin - Christian Wulff ist ein sehr vorsichtiger Mensch. Umso bemerkenswerter, wie siegessicher er sich so kurz vor der Bundespräsidenten-Wahl gibt. "Ich bin aufgrund der vielen Reaktionen doch sehr zuversichtlich, dass es schon im ersten Wahlgang klappen könnte", sagte der schwarz-gelbe Kandidat am Dienstag am Rande eines Treffens mit den Wahlleuten von Union und FDP in Berlin. Und dann zeigte der CDU-Politiker sein freundliches Wulff-Lächeln, das er als Ministerpräsident von Niedersachen jahrelang eingeübt hat.

Der Optimismus ist auch deshalb bemerkenswert, weil führende Vertreter seiner Partei gleichzeitig eher tiefstapeln. Nach der Devise: Je defensiver das Erwartungs-Management, umso weniger kann uns passieren. Natürlich wäre es schön, wenn Wulff im ersten Durchgang gewählt würde, sagte Unions-Bundestagsfraktionschef Volker Kauder am Morgen im ZDF. Um dann hinzuzufügen: "Aber wenn es im zweiten gelingt, ist es auch okay." Bei Peter Altmaier, Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, klingt das so: "Für uns ist entscheidend, dass am Ende des morgigen Tages der Präsident Christian Wulff heißt."

Vielleicht ist Wulffs Siegeszuversicht auch ein geschickter Appell an die schwarz-gelben Wahlleute in der Bundesversammlung. Motto: "Bitte lasst mich nicht hängen." Denn angesichts der Stimmenmehrheit von CDU/CSU und FDP müsste es eigentlich im ersten Durchgang mit seiner Wahl klappen. Alles andere wäre peinlich bis katastrophal für Schwarz-Gelb.

Wenig Zweifel daran, dass Wulff neuer Bundespräsident wird

Klar ist: Sollte es für Wulff erst im zweiten oder vielleicht sogar dritten Wahlgang reichen, wäre die Koalition und damit Kanzlerin Angela Merkel beschädigt. Und der zehnte Bundespräsident Christian Wulff würde mit einem Dämpfer ins neue Amt gehen.

Am Dienstagabend auf dem traditionellen Vor-Wahlempfang der Unionsdelegierten will man von solchen Horror-Szenarien nichts wissen. Dort gibt man sich im Schlussspurt siegesgewiss. Wulff werde es im ersten Wahlgang schaffen, dessen versichert man sich unter den rund 500 Gäste immer wieder. Die CDU-Chefin hat bereits eine genaue Vorstellung vom künftigen Alltag im Präsidentenschloss: "Wunderbar" fände sie es, sagt Angela Merkel in Anspielung auf Wulffs Familie, wenn ein Kinderlachen "durchs Schloss Bellevue geht, wenn es etwas zackiger zugeht".

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Christian Wulff selbst hält sich an diesem Abend lieber zurück. Mit seiner Frau Bettina speist er neben der Kanzlerin gemeinsam mit CSU-Chef Horst Seehofer, Altbundespräsident Roman Herzog und anderen Unionsgranden. Schon früh verlässt der Niedersachse die Versammlung. Sein Ziel: die Liberalen. "Wir müssen jetzt noch zur FDP", sagt er um kurz vor 20 Uhr. Die Westerwelle-Truppe tagt an diesem Abend unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Bei SPD und Grünen schwindet derweil mit jeder weiteren Stunde der Optimismus. Zwar loben Sozialdemokraten und Grüne ihren Kandidaten Joachim Gauck einen Tag vor der Entscheidung über alle Maßen - aber Chancen rechnen sie ihm offenbar kaum mehr aus. "Sehr übersichtlich" nennt Thomas Oppermann, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, die Aussichten des eigenen Kandidaten. Nur wenn Kanzlerin Merkel die Wahl freigebe - wie von Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker vorgeschlagen - hätte Gauck eine Chance. Dies sei aber, glaubt Oppermann, nicht zu erwarten.

Ehrenvolle Niederlage für den rot-grünen Kandidaten

So richtet sich der rot-grüne Bundespräsidenten-Kandidat auf eine ehrenvolle Niederlage ein. Joachim Gauck hat immer betont, "dass ich rechnen kann". Und auch die breite gesellschaftliche Unterstützung und das erstaunlich positive mediale Echo für ihn ändert nichts an der Arithmetik in der Bundesversammlung.

Aber Joachim Gauck, der ewige Kämpfer, will nicht aufgeben.

"It's a great time", sagt Gauck am Dienstagnachmittag einem Reporter der BBC, nachdem er gerade eine knappe Stunde mit denen diskutiert hat, die ihn immer noch nicht wählen wollen. Seine Begegnung mit der Linke-Bundestagsfraktion beschreibt Gauck zwar als "sachlich, aufgeschlossen, fair". Aber an der Gemengelage hat dies nichts geändert: Der Kandidat Gauck ist für die große Mehrheit der Linken nicht wählbar.

Man habe ihm zugehört, ist von Teilnehmern zu erfahren - bis auf die Abgeordnete Sahra Wagenknecht, die während des Gauck-Besuchs demonstrativ in Papiere vertieft war. Und am Ende gab es sogar ein bisschen Applaus für den Gast. "Aber mehr aus Höflichkeit", berichtet eine Linken-Parlamentarierin. "Danke für den Besuch", sagt Fraktionschef Gregor Gysi, als er Gauck vor dem Sitzungssaal verabschiedet.

Gauck braucht die Linken für eine relative Mehrheit in einem möglichen dritten Wahlgang - aber werben wollte er auch im Endspurt nicht um sie. "Knallhart in der Sache" sei Gauck gewesen, sagt ein Teilnehmer, es klingt sogar ein bisschen Respekt mit. Sein Ja zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, seine Kritik am überfürsorglichen Sozialstaat - all das hat Gauck vor der Linken-Fraktion wiederholt.

Genau deshalb lehnen ihn die meisten Linken ab.

Gysi hält sich ein Hintertürchen offen

Zumal die Partei mit Luc Jochimsen für den ersten und wohl auch einen möglichen zweiten Wahlgang eine eigene Kandidatin ins Rennen schickt. Jochimsen schließt ein Votum für Gauck kategorisch aus. Einen zu wählen, der die Linke stets kritisiert? "Das ist zu viel Nutte in der Politik", sagt Jochimsen mit drastischen Worten.

Und im dritten Wahlgang? "Ach", sagt Fraktionschef Gysi, "da machen Sie sich zu viele Hoffnungen". Die Wahl werde im ersten oder zweiten Durchgang entschieden, glaubt er. Eine klitzekleine Hintertür pro Gauck will er sich aber dann doch offenhalten. Falls es doch einen dritten Durchgang gebe, brauche die Linke "eine längere Pause", um über das Votum für den entscheidenden Wahlgang zu beraten.

Noch will sich Joachim Gauck die Niederlage nicht eingestehen. Am Abend warb er erneut vor den Wahlleuten von SPD und Grünen - und wurde von den jeweiligen Delegierten gefeiert. Gauck sagt: "Ich hatte die ganze Zeit dieser Kandidatur nicht das Gefühl, dass ich etwas zu verlieren hätte."

Dennoch formulierte Gauck schon einmal seine Agenda für den Fall einer Schlappe: Er werde sich dann weiter öffentlich einmischen. Die von ihm mit angestoßene Debatte um eine stärkere Bürgernähe der Politik dürfe nicht aufhören, sagte Gauck am Rande eines Treffens mit SPD-Wahlleuten. Unabhängig vom Ausgang der Wahl am Mittwoch werde er "auf jeden Fall glücklich sein".

Denn: Es gehe bei der Bundespräsidenten-Wahl nicht um eine Entscheidung zwischen "Gut und Böse".

Mitarbeit: Sebastian Fischer und Philipp Wittrock; mit Material von dpa und ddp

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Forum - Wulff oder Gauck - wer wäre der richtige Bundespräsident?
insgesamt 2687 Beiträge
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    Seite 1    
1.
unelcoendesa 03.06.2010
Wenn schon zwischen den beiden gewählt werden soll, dann bitte Gauck.
2.
oliver twist aka maga 03.06.2010
Zitat von sysopGauck gegen Wulff: So könnte das Duell am 30. Juni aussehen. Die Kanzlerin hat sich auf Niedersachsens Ministerpräsident als Köhler-Nachfolger festgelegt,SPD und Grüne wollen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE den ehemaligen Chef der Stasiunterlagen-Behörde als Kandidat für die Präsidentschaft nominieren. Wer wäre Ihrer Meinung nach die richtige Wahl?
Gauck.
3.
Izmir.Übül 03.06.2010
Zitat von sysopGauck gegen Wulff: So könnte das Duell am 30. Juni aussehen. Die Kanzlerin hat sich auf Niedersachsens Ministerpräsident als Köhler-Nachfolger festgelegt,SPD und Grüne wollen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE den ehemaligen Chef der Stasiunterlagen-Behörde als Kandidat für die Präsidentschaft nominieren. Wer wäre Ihrer Meinung nach die richtige Wahl?
Gauck natürlich! Deshalb wird's wohl auch Wulff werden.
4. Monnometer
eikfier 03.06.2010
Zitat von sysopGauck gegen Wulff: So könnte das Duell am 30. Juni aussehen. Die Kanzlerin hat sich auf Niedersachsens Ministerpräsident als Köhler-Nachfolger festgelegt,SPD und Grüne wollen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE den ehemaligen Chef der Stasiunterlagen-Behörde als Kandidat für die Präsidentschaft nominieren. Wer wäre Ihrer Meinung nach die richtige Wahl?
....Mann Gottes, ist das ein Durchgang hier, diesen Streß halte ich nicht mehr lange durch, muß erst mal austreten...
5. Beine hochlegen
lulaga 03.06.2010
Denkt eigentlich jemand auch daran wie lange wir Steuerzahler für Wulff zahlen müssen, wenn dieser Präsident wird? Läuft es so wie bei Köhler, dann kann er mit 56 Jahren die Beine hochlegen. Im Übrigen ist es mir ein Rätsel was den guten Mann aus Niedersachsen, der außer Osnabrück und Hannover noch nichts gesehen hat, auszeichnet solch ein repräsentatives Amt zu bekleiden. Weltmännisch ist anders!
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