Wulffs Kreditaffäre Der Salamitaktiker

Mit seiner Verteidigungsstrategie hat sich Bundespräsident Christian Wulff keinen Gefallen getan. Er gibt nur zu, was sich nicht mehr verbergen lässt. Sein Anwalt bestätigt nun, der Unternehmer Geerkens sei bei den Modalitäten des Hauskaufs beteiligt gewesen. Was kommt noch ans Licht?  

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Bundespräsident Wulff diese Woche bei Ansprache vor Richtern: Keine Vorweihnachtsruhe
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Bundespräsident Wulff diese Woche bei Ansprache vor Richtern: Keine Vorweihnachtsruhe


Berlin - Die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe, Gerda Hasselfeldt, verlangt ein Ende der Diskussionen. "Unverzüglich", "aus Respekt vor dem Amt". Doch die Debatte um Bundespräsident Christian Wulff will einfach kein Ende nehmen, auch drei Tage vor Weihnachten nicht. Es sind nicht zuletzt die jüngsten Einlassungen seines Anwalts, die erneut die Frage aufwerfen, welche Rolle der Unternehmer Egon Geerkens beim Hauskauf und der Kreditvergabe an Wulff gespielt hat.

Es ist eine dünne Verteidigunglinie, die Wulff und sein Anwalt gezogen haben. Nach wie vor halten sie daran fest: Es gebe keine Geschäftsbeziehung zwischen Wulff und dem Unternehmer. Der Kredit an Wulff in Höhe von 500.000 Euro, der 2008 floss, sei über das Konto von Geerkens Ehefrau Edith gegangen. Es ist das entscheidende Detail - denn Wulff hat in seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen im niedersächsischen Landtag einst versichert, es gebe seit zehn Jahren keine Geschäftsbeziehung zwischen ihm und dem Unternehmer selbst.

So weit scheint alles gut in der Verteidigungswelt Wulffs. Doch ist wirklich alles gut? Das Problem für Wulff: Dem SPIEGEL hat Geerkens eine Version der Geschichte erzählt, die nahelegt, dass der Unternehmer weit mehr als nur an den "Modalitäten" beteiligt war. "Ich habe mit Wulff verhandelt", sagte Geerkens. "Ich habe mir überlegt, wie das Geschäft abgewickelt werden könnte."

Tatsächlich zeigt sich in der Affäre: Wulff hat bisher kein glückliches Händchen in der für ihn bedrohlichen Lage gezeigt. Seine Verteidigungsstrategie beweist, dass er nur zugibt, was sich nicht mehr verbergen lässt:

  • Am 13. Dezember, dem Tag, als die "Bild"-Zeitung erstmals die Geschichte des Privatkredits herausbrachte, erklärt sein Pressesprecher in einer kurzen Stellungnahme, die Grünen-Anfrage vom Frühjahr 2010 sei damals "korrekt beantwortet" worden. Es sei nach einer Geschäftsbeziehung des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten zu Herrn Geerkens gefragt worden. Es habe eine Vereinbarung mit Frau Edith Geerkens zu einem Darlehen aus ihrem Privatvermögen bestanden. "Dementsprechend wurde die unmissverständliche Anfrage wahrheitsgemäß verneint", so sein Sprecher. Wulff selbst schweigt.
  • Erst zwei Tage später sieht sich Wulff veranlasst, selbst Stellung zu nehmen. Er habe einst im niedersächsischen Landtag keine Veranlassung gesehen, den privaten Darlehensvertrag mit Frau Geerkens zu erwähnen. "Ich erkenne an, dass hier ein falscher Eindruck entstehen konnte", teilt er mit. "Ich bedauere das." Es wäre besser gewesen, wenn er damals im Landtag über die konkreten Fragen hinaus "auch diesen privaten Vertrag mit Frau Geerkens erwähnt hätte, denn in der Sache hatte und habe ich nichts zu verbergen".
  • Dann jedoch wird am Freitag durch den SPIEGEL eine Aussage Geerkens bekannt, die die Abwicklung des Kredits angeht. Sie legt nahe, dass das Geld tatsächlich vom Unternehmer selbst stammt. "Wir sind beide sehr bekannt in Osnabrück. Und ich wollte nicht, dass irgendein Bank-Azubi sieht, dass so viel Geld von mir an Wulff fließt", so Geerkens.
  • Umgehend antwortet Wulffs Bonner Anwaltsbüro Redeker, Sellner, Dahs: "Der Vertrag über das Privatdarlehen wurde mit Frau Edith Geerkens geschlossen." Das Ehepaar Wulff habe alle vereinbarten Zinszahlungen auf das Konto von Frau Geerkens geleistet. Wulff habe nie Anlass gehabt, "daran zu zweifeln, dass die Darlehenssumme - wie bei der Vereinbarung des Darlehens beschrieben - aus dem Vermögen von Frau Edith Geerkens stammt".
  • Wulff sagt vor dem Wochenende einer Agentur: "Man muss selber wissen, was man macht. Das muss man verantworten - das kann ich."
  • Am Montag, den 19. Dezember, lässt Wulff über sein Anwaltsbüro in Berlin die Journalisten in die Akten rund um den Hauskauf einsehen. Auch eine Liste mit Urlauben, die Wulff als einstiger Regierungschef verbracht hat, darf eingesehen werden. Am selben Tag hat Wulff einen öffentlichen Auftritt im Schloss Bellevue, vereidigt zwei neue Bundesverfassungsrichter. Zur Kreditaffäre verliert er kein Wort.
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  • Am 20. Dezember wird berichtet, der Unternehmer Carsten Maschmeyer habe im niedersächsischen Landtagswahlkampf vor vier Jahren eine Anzeigenkampagne für ein Interview-Buch mit Wulff bezahlt. Der Anwalt Wulffs betont, sein Mandant habe von den Zahlungen nichts gewusst.
  • Im Zentrum bleibt das Kreditgeschäft. Immer wieder gibt es Nachfragen, vom wem das Geld eigentlich stamme - von Egon oder Edith Geerkens. Am Dienstagabend schließlich meldet die "Welt" eine Stellungnahme von Wulffs Anwalt, in dem von "Modalitäten" die Rede ist, die "gemeinsam besprochen" worden seien. Der "Darlehensgewährung" sei eine Suche des Ehepaars Wulff nach einer geeigneten Immobilie vorausgegangen sei, heißt es dort. Geerkens sei hierbei "aufgrund seines besonderen Sachverstands und der freundschaftlichen Beziehungen eingebunden" gewesen. "In diesem Zusammenhang ging die Initiative für ein Privatdarlehen von Frau Edith Geerkens aus. Die Modalitäten wurden gemeinsam besprochen, das Darlehen von Frau Edith Geerkens gewährt."

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy spricht daraufhin von einer "Salamitaktik" des Bundespräsidenten. Die Situation ist offen. CDU und CSU versuchen, die Affäre für beendet zu erklären, die Kanzlerin hat ihm wiederholt ihr Vertrauen ausgesprochen. SPD und Grüne halten sich mit Rücktrittsforderungen zurück - noch. Allen Beobachtern aber ist klar: Wulffs Glaubwürdigkeit hat längst gelitten. Mit seiner Verteidigungstrategie wirkt er wie ein Getriebener.

Nun rückt seine Weihnachtsansprache in den Mittelpunkt des Interesses. Sie wird an diesem Mittwoch im Schloss Bellevue aufgezeichnet, am Sonntagabend ausgestrahlt. Am Tag zuvor dürfen die Medien, wie immer bei den Weihnachtsansprachen der Bundespräsidenten, vorab darüber berichten. Kaum jemand glaubt, dass der jetzige Amtsinhaber Wulff es bei besinnlichen Worten belassen kann. Die spannende Frage lautet: Wie wird Wulff auf die Affäre eingehen?

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dalesmith 21.12.2011
1. Wow
Zitat von sysopMit seiner Verteidigungsstrategie hat sich Bundespräsident Christian Wulff keinen Gefallen getan. Er gibt nur zu, was sich nicht mehr verbergen lässt. Sein Anwalt*bestätigt nun, der Unternehmer Geerkens sei bei den Modalitäten des Hauskaufs beteiligt gewesen.*Was kommt noch ans Licht?** http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,805074,00.html
wird immer interessanter........Gähn...
VirgoA 21.12.2011
2. Was will er denn noch im Amt?
Sein einziger Job war es der Gesellschaft ein Vorbild zu sein. -das hat er verwirkt. Impulse wollten die Bürger sehen, keine Klatschfotos in der Gala. -da kam nie etwas. Die Politikverdrossenheit wollte er bekämpfen. -sie ist durch seine Interpretation des Amtes noch gestiegen. Warum erhält die 300.000 € Jahresgehalt nicht ein engagierter Bürger, er würde das Amt wohl wenigstens nicht beschmutzen.
ewspapst 21.12.2011
3. Wahrheit anfordern
Zitat von sysopMit seiner Verteidigungsstrategie hat sich Bundespräsident Christian Wulff keinen Gefallen getan. Er gibt nur zu, was sich nicht mehr verbergen lässt. Sein Anwalt*bestätigt nun, der Unternehmer Geerkens sei bei den Modalitäten des Hauskaufs beteiligt gewesen.*Was kommt noch ans Licht?** http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,805074,00.html
Frau Hasselfeld hat recht. Die Diskussion um Wulff muss schnell beendet werden. Nach den vielen Unwahrheiten gibt es dafür nur eine einzige Möglichkeit: Wulff muss sofort zurücktreten.
chico 76 21.12.2011
4. Was
Zitat von sysopMit seiner Verteidigungsstrategie hat sich Bundespräsident Christian Wulff keinen Gefallen getan. Er gibt nur zu, was sich nicht mehr verbergen lässt. Sein Anwalt*bestätigt nun, der Unternehmer Geerkens sei bei den Modalitäten des Hauskaufs beteiligt gewesen.*Was kommt noch ans Licht?** http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,805074,00.html
soll daran verwerflich sein, wenn man den Ehemann zu Rate zieht ? Es ging ja nicht um Kleinigkeiten. Dieses Bashing nervt, umso mehr, da man offensichtlich der Kanzlerin schaden will. Anscheinend macht sie ihre Arbeit so gut, dass man diesen Umweg wählen muss. Schmierenjournalismus unter der Gürtellinie.
Oblomow2.0 21.12.2011
5. Im Winterloch?
Zitat von sysopMit seiner Verteidigungsstrategie hat sich Bundespräsident Christian Wulff keinen Gefallen getan. Er gibt nur zu, was sich nicht mehr verbergen lässt. Sein Anwalt*bestätigt nun, der Unternehmer Geerkens sei bei den Modalitäten des Hauskaufs beteiligt gewesen.*Was kommt noch ans Licht?** http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,805074,00.html
Es reicht langsam! Ja, es war nicht ok was Wulff gemacht hat, wir haben es gehört. Es ist aber bis jetzt keine Straftat und es nervt einfach nur noch, wie hier ein Skandal konstruiert werden soll. Gibt es nichts wichtigeres, woran sich die Praktikanten bei SPON abarbeiten können?
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