Wulffs Verhältnis zu den Medien: "Manchmal schock' ich Redakteure"

Der Bundespräsident hat ein schwieriges Verhältnis zu den Medien, nicht erst seit dem Anruf beim "Bild"-Chef. Schon als Ministerpräsident wetterte Christian Wulff gegen kritische Berichterstattung. Selbst bei einem Auftritt mit Kindern gab es Schelte vom damaligen Landesvater.

TV38 / Ostfalenmedia

Berlin - Die Aufzeichnung der Pressekonferenz mit Christian Wulff fängt harmlos an, wenn auch mit der eher ungewöhnlichen Frage nach seinem Lieblingstier.

So kann Wulff erst einmal von seiner Vorliebe für Tapire erzählen ("Die finde ich ganz witzig") und für Rundschwanzseekühe, auch Manatis genannt ("Wie kleine Elefanten, die im Wasser schwimmen"). Der CDU-Mann berichtet noch, dass seine Familie mal einen Hund besaß, der stolze 19 Jahre alt wurde und aufs Wort gehorchte ("eine tolle Erfahrung"), und dass seiner Tochter Pferde gehörten.

Es ist eine Veranstaltung aus glücklicheren Zeiten, jedenfalls aus Wulffs Sicht. Er ist auf Einladung der "Braunschweiger Zeitung" gekommen, um an einer "Kinder-Pressekonferenz" teilzunehmen; das Durchschnittsalter der Fragesteller liegt bei zehn Jahren. Damals, zu Beginn des Jahres 2008, sieht die Republik in Wulff noch nicht den taumelnden, stammelnden Bundespräsidenten, gegen den immer neue Vorwürfe laut werden, sondern nur den braven Ministerpräsidenten von Niedersachsen; vom 500.000-Euro-Kredit ist noch keine Rede, von wütenden Mailbox-Nachrichten auch nicht.

Doch selbst bei dieser harmlosen Veranstaltung, fast vier Jahre vor seinem umstrittenen Anruf beim "Bild"-Chefredakteur, zeigte Wulff, wie sehr ihm Journalisten auf die Nerven gehen - und wie nachtragend er bei kritischer Berichterstattung ist.

Nachtragender Wulff: Zwei Jahrzehnte Erinnerung an kritische Berichte

Er sagt zwar, er könne mit Kritik gut umgehen, aber nur, wenn er sie für berechtigt halte. "Wenn Kritik unberechtigt ist, bin ich genauso ärgerlich wie jeder, der sich kritisiert fühlt, das aber nicht einsehen will." Und dann wendet er sich an sein Publikum, die fragestellenden Kinder, damit die verstehen, dass es beim Berufspolitiker Wulff und der Presse genauso ist wie bei ihnen, wenn sie von ihren Eltern einen Rüffel bekommen. Schließlich würden die Kinder auch schmollen und sich zurückziehen, wenn die Eltern meckern. "Insofern bin ich bei Kritik, wenn sie unberechtigt ist, manchmal sehr grimmig", so Wulff.

Noch 20 Jahre später könne er sich an unliebsame Berichterstattung erinnern, prahlt Wulff, und erzählt dann, wie er Journalisten direkt angehe: "Manchmal schock' ich Redakteure, die was geschrieben haben, und sage: Damals, '81, linke Spalte, dritte Seite - und das nehmen die mir manchmal übel!" Denn Wulff weiß: "Wenn Journalisten mal kritisiert werden, dann kann ich euch sagen, dann ist was los." Das könnten die Journalisten nämlich überhaupt nicht aushalten.

"Wir Politiker werden ja ständig kritisiert", sagt Wulff, "wir haben ein ganz dickes Fell." Er wolle aber auch, dass Menschen mit dünnem Fell in der Politik sein können. Das jedoch sei schwierig, man lese ja jeden Tag was über sich in der Zeitung. "Das ist nicht alles nur positiv."

Über die Androhung von Strafanträgen, Rubikon-Überschreitungen und Kriegsführung spricht er nicht.

otr

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1. Wulff macht das ganz richtig
DerBlicker 07.01.2012
Man darf der Presse, schon gar nicht der Pöbelpresse wie BILD, alles durchgehen lassen. Wer sich nicht benimmt, dem muss man mit einer Strafanzeige drohen, manchmal hilft das ja. Die Pressefreiheit beinträchtigt das nicht im Mindesten, denn Wulff entscheidet ja nicht über die Anzeige, sondern ein unabhängiges Gericht. Ob eine Anzeige unberechtigt ist, muss die Presse schon selbst herausfinden, oder andernfalls wie Herr Diekmann damit rechnen, verurteilt zu werden, Diekmann wurde schon verurteilt, er weiß also, dass er sich nicht benehmen kann.
2.
tilloquinn 07.01.2012
Zitat von sysopDer Bundespräsident hat ein schwieriges Verhältnis zu den Medien, nicht erst seit dem Anruf beim "Bild"-Chef. Schon als Ministerpräsident wetterte Christian Wulff gegen kritische Berichterstattung. Selbst bei einem Auftritt mit Kindern gab es Schelte vom damaligen Landesvater. Wulffs Verhältnis zu den Medien: "Manchmal schock' ich Redakteure" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807689,00.html)
Es bekenne und krieche zu Kreuze - jeder von uns! Die Presse hat die Allmacht, und das muss so bleiben. Wehe, es wehrt sich jemand, der wird vom Kollektiv jenseits aller Grabenkämpfe geschlachtet. Ein bisschen ist das wie bei einer lästigen Grippe: je heftiger man sich wehrt, desto unangenehmer fällt die Immunantwort aus. Am besten über sich ergehen lassen und sich bloß nicht dagegen stemmen. Wie konnten wir bloß an so einem Punkt ankommen? "In Amerika regiert der Präsident für vier Jahre und der Journalismus für immer und ewig." Durch die Befreiung der Welt von der Bürde eigenständiger kultureller und politischer Entfaltung nicht mehr nur in Amerika. Danke, Mr. Wilde.
3. Der Kern der Sache
weltoffener_realist 07.01.2012
Zitat von sysopDer Bundespräsident hat ein schwieriges Verhältnis zu den Medien, nicht erst seit dem Anruf beim "Bild"-Chef. Schon als Ministerpräsident wetterte Christian Wulff gegen kritische Berichterstattung. Selbst bei einem Auftritt mit Kindern gab es Schelte vom damaligen Landesvater. Wulffs Verhältnis zu den Medien: "Manchmal schock' ich Redakteure" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807689,00.html)
Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass wir hier zum eigentlichen Kern der Sache kommen: Wulff pflegt seit jeher ein distanziertes Verhältnis zu den Medien und springt nicht über jedes Stöckchen, nun bekommt er eben die Quittung. Nicht anders ist die endlose Serie kleiner und kleinster "Enthüllungen" seit Wochen zu erklären, die jede Verhältnismäßigkeit vermissen lassen. Ich fürchte, am Ende wird sich eben doch bewahrheiten: Nur wer auf der Klaviatur der Medien mit absoluter Sicherheit zu spielen weiß, kann politisch in solchen Spitzenämtern überleben, notfalls unter Negierung oder Verschleierung jeglicher innerer Überzeugungen. Wulff hatte schon verloren, als sich der Großteil der Medien auf Gauck als Wunschkandidaten festlegte.
4. Schockieren!?
Emmi 07.01.2012
Ich glaube nicht, dass diesere biedere Provinzpolitiker in der Lage ist, irgend etwas zu tun, das einen gestandenen Redakteur wirklich schockieren kann. Höchstens ärgert dieser sich über soviel Dummheit und Kleinkariertheit (sich kritische Artikel mit Seitenzahl 20 Jahre zu merken!!!), die in diesem Land zu politschen Spitzenpositionen offenbar dazugehört...
5. Dass ausgerechnet der spießige Wulff
_sobieski 07.01.2012
Zitat von sysopDer Bundespräsident hat ein schwieriges Verhältnis zu den Medien, nicht erst seit dem Anruf beim "Bild"-Chef. Schon als Ministerpräsident wetterte Christian Wulff gegen kritische Berichterstattung. Selbst bei einem Auftritt mit Kindern gab es Schelte vom damaligen Landesvater. Wulffs Verhältnis zu den Medien: "Manchmal schock' ich Redakteure" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807689,00.html)
auf Einmal ein Dorn in den Augen unserer Medienvertreter ist und jetzt generalisierte Angriffe der vereinten Kräfte der Medien jeden Couleurs (die in „Verteidigung“ des Anstandes und der politischen Hygiene wie ein Block in einer Reihe stehen) zu widerstehen versuchen muss, kann wütend machen. Nicht zuletzt, weil solche Moralgrößen, wie Roland Koch, Helmut Kohl, oder Schäuble, nur ab und zu mal mit „schlechter Kritik“ rechnen mussten (und Roland Koch zum Beispiel, beim Spiegel offensichtliche Narrenfreiheit genoss. Ausgerechnet Roland Koch!). Damit keine Missverständnisse entstehen: vermutlich sind die Beschuldigungen zutreffend, aber was sind das schon für Beschuldigungen im Vergleich zu den offensichtlichen Taten der oben aufgeführten Herren? Begangen von einem spießigen Bundespräsidenten, einem Präsidenten eines größtenteils spießigen deutschen Volkes.
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