Varoufakis in der Berliner Volksbühne 12 Euro für die Rettung Europas, ermäßigt 8

In Berlin stellt Yanis Varoufakis sein neues linkes Netzwerk vor - und spielt ein wenig Popstar. Griechenlands Ex-Finanzminister will nicht weniger, als die EU vor dem Untergang bewahren.

Von Maximilian Gerl

Griechenlands Ex-Finanzminister Varoufakis: Der selbsternannte Retter Europas
REUTERS

Griechenlands Ex-Finanzminister Varoufakis: Der selbsternannte Retter Europas


Als Yanis Varoufakis unter Applaus die hell erleuchtete Bühne betritt, trägt er wie immer dieses breite Lächeln. "Guten Abend Volksbühne", sagt er auf Deutsch. "Guten Abend Berlin, guten Abend Europa." Varoufakis ist gekommen, um die EU zu retten.

Zuvor hatten sich in der Berliner Volksbühne Szenen abgespielt, wie man sie eher auf einem Popkonzert denn bei einem politischen Vortrag erwartet. Im Saal müssen manche auf dem Boden sitzen, ein Videostream überträgt live ins Internet. Im Foyer Gedrängel, um an die letzten Karten zu kommen: Für die Unterstützer kostet der Neustart Europas zwölf Euro, ermäßigt acht Euro, "Restkarten nach Verfügbarkeit an der Abendkasse".

Alle wollen Varoufakis sehen. Zuletzt war der ehemalige griechische Finanzminister vor allem durch die Welt getingelt, um Vorträge zu halten. Nach Berlin ist er gekommen, um die Gründung einer linksintellektuellen Bewegung bekannt zu geben. Sie heißt "Democracy in Europe Movement 2025", kurz DiEM25. Das Ziel, wie gesagt: die Rettung Europas.

So soll die Rettung funktionieren

"Die EU wird gerade zerstört", sagt Varoufakis auf der Bühne, jetzt wieder auf Englisch. Viele Mitgliedstaaten seien dabei, ihre Grenzen zu schließen oder hätten sie schon geschlossen. Die Rückkehr der Nationalstaaten stehe bevor. Überall in Europa befänden sich rechte Bewegungen auf dem Vormarsch. Hinzu komme, dass die EU sehr bürokratisch und kompliziert aufgebaut sei. Es fehle an Transparenz und damit an Akzeptanz in der Bevölkerung. "Wenn wir jetzt nichts tun, fällt die EU auseinander", sagt Varoufakis.

Sein Rettungsplan sieht vor, die EU von unten her zu demokratisieren. Als ersten Schritt sollen die Beratungen von Europäischem Rat, Ministergruppen sowie der Euro-Gruppe öffentlich stattfinden. Geheimverhandlungen wie über das Freihandelsabkommen TTIP wären damit passé, politische Entscheidungen besser nachvollziehbar. "Das könnte sofort umgesetzt werden."

In der Rede macht Varoufakis seine Vision klar. Viele Details fehlen, sie müssen erst noch erarbeitet werden. Mittelfristig will er Pläne vorlegen, wie sich Banken, Zinsen, Armut und Migration europaweit besser regeln lassen. Sind diese umgesetzt, soll eine konstituierende Versammlung bis 2025 das Konzept für ein neues, "wirklich souveränes" EU-Parlament ausarbeiten. Dieses soll dann gemeinsam mit nationalen Parlamenten und örtlichen Gemeinden über die EU-Politik bestimmen. Der Einfluss von nationalen Regierungen wäre damit deutlich eingeschränkt.

Status? Es ist kompliziert

In jedem Fall werde die Europarettung kompliziert, wie Varoufakis zugibt, "aber so ist das Leben". Er hat sich prominente Unterstützer gesucht, Politiker, Aktivisten, Künstler. Katja Kipping von der Linkspartei darf nach ihm reden, später die Sprecherin von Blockupy und der Musiker Brian Eno. WikiLeaks-Gründer Julian Assange wird aus London zugeschaltet, er murmelt: "Das Ende von Europa kommt."

Varoufakis mit Gästen in der Berliner Volksbühne, auf der Leinwand Assange
AFP

Varoufakis mit Gästen in der Berliner Volksbühne, auf der Leinwand Assange

Es werden viele Reden gehalten an diesem Abend. Manche sind pointiert, manche stecken voller Allgemeinplätze, manche machen einfach nur Werbung für die eigene Organisation. DiEM25 soll als gemeinsame Aufgabe der europäischen Linken wahrgenommen werden - und nicht als reines Solo-Projekt von Varoufakis. Das funktioniert an diesem Abend nur bedingt, weil die meisten Redner inhaltlich wenig Neues zu Varoufakis Gründungsrede beisteuern können: Die Bewegung weiß noch zu wenig über sich selbst.

"Wenn du recht hast, kannst du nicht radikal genug sein", sagt Varoufakis und spielt auf seinen Lieblingsfeind an, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. "Wenn du falsch liegst, kannst du nicht konservativ genug sein." Das Publikum lacht. Varoufakis lächelt.

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