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08. November 2008, 17:39 Uhr

Ypsilanti gibt auf

Ein Hinterbänkler tritt gegen Platzhirsch Koch an

Von , Frankfurt am Main

Seine Nominierung beweist, wie schwer die Krise der hessischen SPD ist: Der Hinterbänkler Schäfer-Gümbel soll die Genossen in den hessischen Landtagswahlkampf gegen Roland Koch führen. Der CDU-Politiker kann sich schon auf die Auseinandersetzung freuen - man hätte es ihm nicht leichter machen können.

Frankfurt am Main - Andrea Ypsilanti lächelt gelöst. Als die hessische SPD-Chefin am Samstagmittag vor die Kameras tritt, wirkt sie erleichtert, wie von einer Zentnerlast befreit.

Andrea Ypsilanti und Thorsten Schäfer-Gümbel: "Jetzt erst recht"
AP

Andrea Ypsilanti und Thorsten Schäfer-Gümbel: "Jetzt erst recht"

Bei den Neuwahlen im Januar werde sie nicht wieder als Spitzenkandidatin antreten, sagt Ypsilanti. Stattdessen habe sie Thorsten Schäfer-Gümbel vorgeschlagen. Der Parteirat sei ihr gefolgt und habe ihn einstimmig gewählt. Er sei ein Vertreter der "nächsten Generation" und genieße "hohes Ansehen" in der SPD, sagt Ypsilanti. Sie bleibe aber Landeschefin und wolle so ihrer "Verantwortung gerecht werden".

Tatsächlich erweist sie ihrer Partei damit wohl kaum einen Gefallen. Allenfalls der politische Gegner wird sich freuen. Leichter konnte die SPD Roland Koch und der CDU den Wahlkampf nicht machen.

Für ungläubiges Staunen sorgte im Frankfurter DGB-Haus die Personalie Schäfer-Gümbel. Der 39-Jährige galt bislang zwar als politisches Talent, ist aber über SPD-Kreise hinaus völlig unbekannt. Der zuvor heiß gehandelte Manfred Schaub wäre eine B-Lösung gewesen, Schäfer-Gümbel ist die D-Lösung.

In einer ersten Stellungnahme zeigt der Gießener sich "sehr bewegt". Es sei eine Woche mit "hohen emotionalen Schwankungen" gewesen. Aus der Partei habe er allerdings vermehrt Trotzreaktionen empfangen, nach dem Motto "Jetzt erst recht". Dann lobt er Ypsilanti für ihre Leistung, er sei "stolz darauf, was sie für Partei und Fraktion erreicht" habe.

Der 39-Jährige steht jedoch, anders als es Ypsilanti glauben machen will, kaum für einen Generationswechsel. Er gehört zu ihren Vertrauten, kennt sie seit seiner Juso-Zeit. Und: Schäfer-Gümbel gehört wie sie zum linken Flügel. Doch so bitter es für die SPD klingt - großartige Alternativen zu ihm gab es für die Genossen nicht.

Schaub wollte seine Karriere nicht aufs Spiel setzen

Der nordhessische Bezirkschef Schaub sagt, er habe Ypsilanti vorab informiert, dass er "nicht zur Verfügung" stehe. Als Grund nennt er, als designierter Innenminister "zu intensiv" an dem gescheiterten Linksbündnis mitgearbeitet zu haben. Damit wäre er ähnlich angreifbar gewesen wie Ypsilanti selbst.

Zehn Jahre saß Schaub im hessischen Landtag, seit drei Jahren ist er Bürgermeister in Baunatal. Nicht zuletzt auch deshalb dürfte er auf eine Kandidatur verzichtet haben. Bei einer voraussichtlichen Niederlage wäre seine politische Karriere in Gefahr gewesen. Dieses Risiko wollte der ehrgeizige Nordhesse nicht eingehen.

Schäfer-Gümbel hingegen hat kaum etwas zu verlieren. Der 39-Jährige sagte, er wolle inhaltlich den Kurs von Ypsilanti fortsetzen. Nur mögliche Koalitionen dürften künftig nicht mehr kategorisch ausgeschlossen werden.

Im SPIEGEL-Interview hatte SPD-Chef Franz Müntefering die hessischen Parteifreunde aufgefordert, im Wahlkampf selbstkritisch und ehrlich aufzutreten - vor allem im Umgang mit der Linkspartei. "Jeder macht mal einen Fehler", so Müntefering, aber nun sei es "vernünftig zu sagen: Jawohl, es war falsch, erst zu versprechen, wir arbeiten nicht mit denen zusammen, und es dann doch zu tun."

Müntefering sagte, er gehe davon aus, die Hessen-SPD werde diesmal klar sagen: "Leute, für das, was jetzt vor uns steht, schließen wir eine Zusammenarbeit mit anderen Parteien nicht aus, mit der Linken auch nicht."

Ypsilantis Seitenhieb gegen ihren Vorgänger

Schäfer-Gümbel zitiert dahingehend den Titel eines alten James-Bond-Streifens: "Sag niemals nie." Ob der Fan des FC Bayern München - ein Mannschaftsfoto des Fußballclubs schmückt seine Bürotür - allerdings überhaupt in die Nähe einer Regierungsbildung kommt, ist äußerst fraglich.

Einen Seitenhieb erlaubt sich Ypsilanti mit Blick auf ihren Vorgänger Gerhard Bökel. Dieser hatte die vier Abweichler um Jürgen Walter bei ihrem Plan unterstützt und sich so gegen seine Nachfolgerin gestellt. Ypsilanti sagt nun, sie habe die Partei von Bökel in einer schweren Krise übernommen, nach dessen historischen Wahlniederlage 2003.

"Die SPD war damals nicht ohne Depressionen", stößt die Parteichefin hervor. Nun sei sie wieder in einer "schwierigen Lage". Deutlicher konnte sie ihrem Vorgänger nicht dessen Beteiligung an ihrem Scheitern vorwerfen.

Wie geht es nun weiter in der SPD? Anders als von den Parteirebellen angekündigt, sollen diese nicht in die Fraktionssitzung am Dienstag kommen. Ein Teilnehmer der Parteiratssitzung sagte, dies werde von anderen Abgeordneten nicht gewünscht: "Sie haben sich selbst außerhalb dieser Gruppe positioniert. Deshalb sind sie bei uns auch nicht mehr willkommen."

Weiter führte der Genosse aus, Carmen Everts werde dann doch eine ihrer Funktionen behalten dürfen. In einem Interview hatte die Abgeordnete der Parteichefin vorgeworfen, die SPD wie eine Sekte zu führen. Als Dankeschön dürfe Everts ihren Posten als Beauftragte für Sekten behalten, so der Ypsilanti-Vertraute maliziös.

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