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04. November 2008, 15:22 Uhr

Ypsilantis Desaster

Untergangsstimmung erfasst Hessens Sozialdemokraten

Aus Wiesbaden berichtet

Heute wollte Andrea Ypsilanti ihren Triumph über Roland Koch feiern - stattdessen versinkt ihre SPD in Wut, Verzweiflung, Frust. Die Genossen schieben alle Schuld den Abweichlern zu und fürchten ein Debakel bei Neuwahlen, die immer wahrscheinlicher werden.

Wiesbaden – Es sollte ihr Tag werden, ihr Triumph über Roland Koch, über den politischen Gegner. An diesem Dienstag wollte sie zur neuen Ministerpräsidentin in Hessen gewählt werden. Stattdessen ist Andrea Ypsilanti brutal gescheitert.

Nun ist sie erst mal untergetaucht. Den Schock verarbeiten.

Die Gänge vor den SPD-Büros im Landtag sind leergefegt. Kleine Hinweise gibt es dennoch auf den aktuellen Zustand der Sozialdemokraten. Auf ihrer Homepage etwa kündigt die Partei am Mittag immer noch vollmundig an, Tagesordnungspunkt 1 der Plenarsitzung sei die Wahl der neuen Ministerpräsidentin im hessischen Landtag - was nun so komisch wie tragisch wirkt.

Statt Sektlaune wegen eines erfolgreichen Machtwechsels herrscht inzwischen brutale Katerstimmung. Vereinzelte Genossen schleichen über die Gänge, sind zu keinen sinnvollen Stellungnahmen in der Lage, wirken wie in Trance.

Genossen haben sich in den Schmollwinkel verzogen

Ein Parteisprecher sagt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, die Entscheidungsgewalt über das weitere Vorgehen der Landespartei liege nun bei den Bezirken. Diese würden tagen, frühestens am Donnerstag gebe es Neuigkeiten zu vermelden. Grundlegende Fragen bleiben offen. Tritt Ypsilanti zurück? Wie steht die SPD Neuwahlen gegenüber? Und was wird aus den vier Rebellen vom Montag - werden sie aus Partei und Fraktion ausgeschlossen? Antworten darauf gibt es keine. Vorerst.

Die hessische Sozialdemokratie schmollt und ist wütend. Nach ihrem historischen Scheitern wissen Ypsilanti und Co. nicht mehr, wie es weitergehen soll. Fast beleidigt klingt Generalsekretär Norbert Schmitt, wenn er sagt, das Heft des Handelns liege nun "wieder bei Roland Koch".

Die Aussage belegt die Unfähigkeit der Genossen, das Ausmaß ihrer Misere einzuschätzen. Auf den Fluren der SPD im Landtag wechselt die Stimmung zwischen trotzigem Aufstampfen samt Schuldzuweisungen und der wehleidigen Frage: "Womit haben wir das eigentlich verdient?"

"Fühle mich persönlich verletzt"

Ein Abgeordneter ist dann schließlich doch bereit, seinen Gefühlszustand zu beschreiben. Christoph Degen, Abgeordneter für die SPD Hanau-Land, 28. "Ich fühle mich persönlich verletzt", sagt er. "Wenn man von Freunden so hintergangen wird, ist das echt extrem." Dabei habe er speziell zu Carmen Everts in den vergangenen Monaten ein "gutes Verhältnis" aufgebaut.

Umso weniger verständlich ist für den Jungparlamentarier das Verhalten seiner Parteifreunde. "Bei der Probeabstimmung haben sie doch noch ihre Unterstützung erklärt", sagt Degen, "wie können sie uns dann jetzt in den Rücken fallen?" Er sei immer noch fassungslos. "Als ich gestern davon erfahren habe, konnte ich es gar nicht glauben."

Inzwischen ist der 28-Jährige schon froh, dass sich wenigstens nicht die gesamte Fraktion zerstritten hat. "Ich hatte eine Art Bürgerkrieg in der SPD befürchtet, dazu ist es zum Glück nicht gekommen."

Seine eigene Perspektive als Berufspolitiker ist gefährdet. Degen zog im Januar über die Landesliste in den Landtag ein. Sollte die SPD bei Neuwahlen deutlich schlechter abschneiden, was nach diesem Debakel alle erwarten, dürfte er sein Mandat nach weniger als einem Jahr gleich wieder verlieren.

Parlamentsarbeit mache ihm Spaß, sagt Degen, er sei aber "nicht abhängig von der Politik". Er könne sich auch vorstellen, als Sonderschullehrer zu arbeiten, in dem Beruf, den er gelernt hat.

Koch hält sich noch bedeckt

Tatsächlich stehen in Wiesbaden derzeit alle Zeichen auf Neuwahlen. FDP und Grüne haben ihren ausdrücklichen Wunsch erklärt, die Machtfrage im Januar an die Wähler zurückzugeben. Florian Rentsch, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP, sagt, die Liberalen hätten die Grünen zum Gespräch eingeladen: "Wir warten da noch auf eine Antwort. Aber die sauberste Lösung sind für uns weiterhin Neuwahlen."

Das sieht wohl auch Roland Koch so. Noch hält sich der Ministerpräsident bedeckt. Er will jetzt nicht mit schadenfrohen Jubelposen negativ auffallen. Schon am Montag hatte er gesagt, dies sei "nicht die Zeit für Freudentaumel oder Häme". Koch weiß, dass seine Beliebtheit in Hessen extrem gesunken ist.

Zwar kann er bei Neuwahlen auf ein besseres Ergebnis als im Januar hoffen. Doch sein katastrophaler Wahlkampf ist nicht vergessen.

Der Wunschpartner FDP sieht sich daher schon in einer starken Position, den Regierungschef nach Neuwahlen in einer möglichen schwarz-gelben Koalition vor sich her zu treiben. "Koch ist nicht mehr der starke Mann alter Tage", lästern Liberale.

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