Flüchtlingsbilanz Tausende Russen beantragen Asyl in Deutschland

Die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland ist drastisch gestiegen: Im ersten Halbjahr 2013 stellten rund 43.000 Menschen einen Antrag - das sind knapp 20.000 mehr als im Vorjahr. Die meisten Antragsteller kommen aus Russland und Syrien.

Eine syrische Familie vor einem Asylbewerberheim in Eisenhüttenstadt: Zahl der Flüchtlinge wächst
DPA

Eine syrische Familie vor einem Asylbewerberheim in Eisenhüttenstadt: Zahl der Flüchtlinge wächst


Berlin - Immer mehr Menschen beantragen in Deutschland Asyl - die Zahl der Bewerber hat sich fast verdoppelt. Im ersten Halbjahr 2013 haben 43.016 Flüchtlinge einen Antrag gestellt. Im Vorjahr waren es in diesem Zeitraum noch 19.950 gewesen, teilte das Bundesinnenministerium am Montag mit. Das seien 86,5 Prozent mehr Erstanträge auf Asyl.

Wichtigstes Herkunftsland ist Russland mit knapp 10.000 Bewerbern. Dies ist ein drastischer Anstieg gegenüber dem Vorjahr: Im gesamten Jahr 2012 hatten 3202 Russen Asyl beantragt. Ein Grund für die deutliche Veränderung ist offenbar die instabile Lage in der Krisenrepublik Tschetschenien.

Auf dem zweiten Platz folgt Syrien, 4517 Antragsteller stammen aus dem Bürgerkriegsland. Weitere 3448 sind aus Afghanistan. An vierter Stelle steht Serbien mit rund 2700 Bewerbern.

"Erhebliche Herausforderungen"

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) zeigte sich besorgt über die Zahlen. "2012 kamen die weitaus meisten Asylsuchenden in der Europäischen Union nach Deutschland", sagte er. "Und für das erste Halbjahr 2013 beobachten wir nahezu eine Verdoppelung der Asylanträge."

Mehr Asylzugänge habe Deutschland zuletzt im ersten Halbjahr 1999 verzeichnet, sagte der CSU-Mann. "Auch ein wirtschaftlich starkes Land wie die Bundesrepublik Deutschland wird dadurch vor erhebliche Herausforderungen gestellt."

Nur 35 Bewerber als Asylberechtigte im Juni anerkannt

Allerdings war die Ablehnungsquote der Anträge im Juni ebenso wie in den Vormonaten hoch. Von den 5667 ergangenen Entscheidungen waren 2399 Ablehnungen - das ist eine Quote von 42,3 Prozent. Weitere 32,4 Prozent (1834 Anträge) wurden anderweitig erledigt, etwa durch Einstellung des Verfahrens nach der Rücknahme des Asylantrags.

843 Menschen (14,9 Prozent) wurden als Flüchtlinge nach der Genfer Konvention anerkannt. Darunter waren lediglich 35 Bewerber (0,6 Prozent), die als Asylberechtigte gemäß dem Grundgesetz anerkannt wurden.

Streit in Berlin-Hellersdorf

Durch die steigenden Asylbewerberzahlen wird der Platz in Unterkünften eng. Die Behörden stehen unter Druck, zügig neue Unterkünfte zu schaffen - auch in Berlin. Dort wird derzeit im Bezirk Marzahn-Hellersdorf eine leerstehende Schule zu einem Asylbewerberheim umgebaut. Die Unterkunft sorgt für Streit in dem Kiez, viele Anwohner wollen das Heim nicht vor ihrer Haustür. Eine Informationsveranstaltung eskalierte in der vergangenen Woche, weil die NPD diese als Bühne nutzte, um Stimmung gegen die Asylbewerber zu machen.

Bundespräsident Joachim Gauck schaltete sich ein - er besuchte am Sonntag mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt den Gottesdienst in der evangelischen Kirche in Berlin-Hellersdorf. Er mahnte Solidarität mit Flüchtlingen und Asylbewerbern an. "Es gibt Dinge, die sich mehren, wenn wir sie teilen, zum Beispiel Liebe und Mitgefühl", sagte Gauck nach Angaben von Teilnehmern. "Wir sind immer mehr als die Rechtsradikalen, und wir müssen immer mehr sein als die Ängstlichen."

heb/dpa/AFP



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