Zapfenstreich für Wulff Abschied ohne Würde

Es war ein Zeremoniell, wie es die Republik noch nicht erlebt hat. Der Große Zapfenstreich für den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff wurde übertönt von einem Höllenlärm, den Demonstranten mit Trillerpfeifen, Vuvuzelas und ihren Protestrufen veranstalteten.

Von


Berlin - Als die Nationalhymne gespielt ist, das Stabsmusikkorps und das Wachbataillon unter Klang abmarschieren, stehen Christian Wulff und Gattin Bettina, der Generalinspekteur, der Verteidigungsminister, der Bundesratspräsident und dessen Ehefrau für einen Augenblick beieinander. Ein kleines Grüppchen, das einsam und verloren wirkt.

Wulff winkt, seine Frau lächelt. Es ist ein fast schüchternes Winken. Und es wirkt gespenstisch, hinein in die Dunkelheit, zu jenen 200 Ehrengästen, die die Kulisse bilden für einen Abschied, den diese Republik zumindest auf diese Art noch nicht erlebt hat. Draußen, nur hundert Meter von der steinernen Gartenmauer des Schlosses, stehen Hunderte von Demonstranten. Sie schreien: "Schande, Schande, Schande". Sie machen einen Höllenlärm.

Sie trällern, blasen auf ihren Vuvuzelas, jenen berüchtigten Tröten, die die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika zur akustischen Qual machten. Dies ist der Abschied für einen Mann, der nach nur 20 Monaten vom Amt des Bundespräsidenten zurücktrat, weil die Staatsanwaltschaft nun wegen des Verdachts der Vorteilsgewährung und Vorteilsannahme während seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident ermittelt. Es ist ein einziges Trauerspiel. Und in diesem Moment kann einem Christian Wulff leidtun.

Fotostrecke

14  Bilder
Abschied des Ex-Präsidenten: Zapfenstreich für Wulff
Auf der Pressetribüne ist der Lärm zeitweise so laut, dass der Große Zapfenstreich und die vier Lieder, die zu Ehren Wulffs gespielt werden, kaum noch zu hören sind. Stoisch wirken die Soldaten, doch würdevoll ist das, was sich unter diesen Begleitumständen abspielt, nicht. Das Ganze erinnert an jenen Auftritt von Helmut Kohl am 10. November 1989, nach dem Fall der Mauer vor dem Rathaus Schöneberg in West-Berlin. Damals gab es ein gellendes Pfeifkonzert gegen den Kanzler, es sind Fernsehbilder, die seitdem zu Jahrestagen des Mauerfalls gespielt werden, Teil des kollektiven Gedächtnisses der Republik.

Ein lauter und doch merkwürdig entrückter Abschied

Dieser merkwürdig entrückte Abschied eines Bundespräsidenten wird ebenfalls haften bleiben. Nein, Wulff hat sich damit keinen Gefallen getan, auch nicht der Republik, der er als Staatsoberhaupt vorstand. Er hätte den stillen Abgang wählen sollen, bescheiden. Ja, Berlin ist rau und unberechenbar. Doch dass es so schlimm werden würde, das ahnte wohl kaum jemand. Nicht die Journalisten, nicht die Gäste.

Im Juni 2010, als Bundespräsident Horst Köhler ebenfalls mit militärischem Zeremoniell verabschiedet wurde, herrschte rund ums Schloss Bellevue Stille. Zu Wulffs Abschied aber sind an diesem kalten Märzabend vor allem junge Menschen zwischen 20 und 40 vor das Schloss gekommen, aber auch Rentner finden sich unter den Protestierern. 250 Demonstranten zählt die Polizei, aber die sind laut. Es ist nicht nur jene bekannte bunte Mischung, die sich immer in Berlin einfindet, wenn die Bundeswehr aufmarschiert und damit zu Protesten führt. Hier demonstriert auch die Generation Facebook, junge Leute, die sich spontan zum Protest übers Internet versammelt haben. Noch in der Nacht posten viele auf Facebook ihren Dank an jene, die sich vor Bellevue versammelt haben.

Die Berliner Polizei scheint die Sache ebenfalls unterschätzt zu haben. Es gibt keine weiträumigen Absperrungen, keine große, sichtbare Polizeipräsenz, wie etwa beim feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr vor dem Reichstagsgebäude, wo der Krach der Demonstranten auf Abstand gehalten wird.

Hier wirkt das Schauspiel geradezu intim. Als die Beamten auf der gegenüberliegenden Seite der Spree Demonstranten wegzudrängen versuchen - was für einen Augenblick gelingt und den Lärmpegel hörbar sinken lässt - schallt durch ein Megafon der Ruf eines Demonstranten in den Garten: "Frau Bundeskanzlerin, bitte helfen Sie uns..."

Der Krach raubt dem Staatsakt den letzten Rest an Würde

Ganz vorne, neben Bettina Wulff, sitzt Merkel. Was ihr durch den Kopf gehen mag, ist nicht auf den Bildern abzulesen, die danach von den Agenturen verbreitet werden. Auf den Gesichtern anderer Politiker, die nach dem Empfang im Schloss Bellevue in den Garten treten, spiegelt sich das Erstaunen angesichts des ohrenbetäubenden Lärms. Eckart von Klaeden, Staatsminister im Kanzleramt, lächelt ebenso hintersinnig wie Gesundheitsminister Daniel Bahr oder Innenstaatssekretär Ole Schröder - so, als machten sie sich ihre eigenen Gedanken über einen staatlichen Akt, dem gerade durch die Begleitumstände der letzte Rest an Würde ausgetrieben wird.

Eine junge Soldatin - es ist Weltfrauentag - überreicht Wulff die Urkunde über den Großen Zapfenstreich. "Das bedeutet mir sehr viel", sagt er zu ihr. Umrahmt von Verteidigungsminister Thomas de Maizière, Horst Seehofer als kommissarischem Bundespräsidenten und dem Generalinspekteur Volker Wieker, wirkt Wulff schmal, noch schmaler als sonst, als er um kurz vor 19 Uhr aus dem Schloss heraustritt und zum Podest schreitet. Dann beginnt das Zeremoniell, die Reihe der Fackelträger kommt heranmarschiert, der "Yorcksche Marsch" erklingt, Kommandos. "Stillgestanden" - "Augen gerade - aus" - "Rührt euch". Es ist wie sonst beim Großen Zapfenstreich, alles fein eingespielt und nur eben doch ganz anders - überdeckt von dem Klangteppich der Demonstranten .

Das Musikkorps gibt trotzdem sein Bestes, spielt den "Alexandermarsch" von Andreas Leonhardt, den Marsch der 1. Panzerdivision aus Wulffs Heimat Hannover, schließlich "Over the Rainbow", einst gesungen von Judy Garland, danach folgt das Kirchenlied "Da berühren sich Himmel und Erde" von Christoph Lehmann und schließlich die Ode "An die Freude" von Ludwig van Beethoven. Doch die Musik geht unter an diesem gespenstischen Abend.

"Ich gehe mit einem Gefühl der Neugier und der Vorfreude"

Es hat den halben Tag geregnet, ein unfreundliches Wetter, das zu diesem Abschied passt. Als die Veranstaltung begann, hatte es aufgehört, für einen kurzen Augenblick gab es einen blauen Himmel, dann einen hellen Mond. Alles schien seinen Gang zu nehmen, noch war es ruhig rund ums Schloss.

Vor dem Großen Zapfenstreich hatte Horst Seehofer zum Empfang geladen. Wulff hielt eine kurze Ansprache: "Diesen Anlass hatte ich mir für das Jahr 2015 vorstellen können. Nun ist es anders gekommen. Als Niedersachse hätte ich es wissen können. Es ist die Region auch von Wilhelm Busch. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt". Er empfinde heute Bedauern, aber vor allem Dankbarkeit und Zuversicht. Es ist eine Danksagung, auch an Kanzlerin Angela Merkel und die Bundesregierung. Wulff erinnerte auch an seine Reisen, hebt vor allem den Besuch mit seiner Tochter in Israel hervor. "Ich gehe mit dem Gefühl der Neugier und der Vorfreude auf das, was kommt", sagt Wulff. Er wisse, dass man aus Niederlagen lernen könne. Langer, anhaltender Applaus, so erzählt es danach ein Teilnehmer, beendete seine Rede.

Wulff, der das Land versöhnen wollte, wie er in seiner Antrittsrede erklärte, hat es gespalten. Die Opposition ist an diesem Abend abwesend, dafür ist fast das halbe Kabinett erschienen, demonstrativ mit der Kanzlerin, die Wulff einst ins Amt hievte. Kenan Kolat sitzt unter den Gästen, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde, Sozialdemokrat, der ihm seinen Dank erweisen will für sein Engagement auf dem Gebiet der Integration. Und auch Peter Hintze ist dabei, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, der Wulff bis zuletzt verteidigt hat als einer der wenigen aus der Union, öffentlich in Interviews und Talkshows. Er nimmt nach dem Empfang als einer der ersten draußen auf den Stühlen im Schlossgarten Platz.

In "Over the Rainbow", das vom Stabsmusikkorps auf Wulffs Wunsch an diesem Abend gespielt wird, lautet eine Zeile: "Irgendwann werde ich mir wünschen, auf einem Stern zu sein und aufzuwachen, wo die Wolken ganz nah hinter mir sind. Wo die Probleme hinwegschmelzen wie Zitronenbonbons."

Das Lied wurde, zum Glück an diesem lauten Abend, nur gespielt, nicht gesungen. Denn was sich die Sängerin Judy Garland in ihrem Klassiker so inbrünstig wünschte, ist für Wulff noch lange unerreichbar.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 629 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
schlaumischlumpf 08.03.2012
1.
Zitat von sysopAFPEs war ein Zeremoniell, wie es die Republik so noch nicht erlebt hat. Der Große Zapfenstreich für den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff wurde übertönt von einem Höllenlärm, den Demonstranten mit Trillerpfeifen, Vuvuzelas und ihren Protestrufen veranstalteten. Zapfenstreich für Wulff: Abschied ohne Würde - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820230,00.html)
Ich bin so froh, dass er weg ist. Jetzt gibt es vielleicht mal wieder ein paar Tage am Stück ohne Berichterstattung über die (vermeintlichen) Skandale von C. Wulff. M.
Thiocyanato 08.03.2012
2.
Zitat von sysopAFPEs war ein Zeremoniell, wie es die Republik so noch nicht erlebt hat. Der Große Zapfenstreich für den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff wurde übertönt von einem Höllenlärm, den Demonstranten mit Trillerpfeifen, Vuvuzelas und ihren Protestrufen veranstalteten. Zapfenstreich für Wulff: Abschied ohne Würde - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820230,00.html)
Ich bin nicht glücklich, wie das alles abgelaufen ist. Wulff hätte leise das Weite suchen sollen, aber ich finde es ebenso beschämend, wie die Zeremonie gestört wurde. Das Volk hat Wulff zum Rücktritt gedrängt, er ist reichlich spät der Forderung nachgekommen. Jetzt immer weiter auf ihn einzudreschen ist der falsche Weg, so wird m.M. die Würde des Amtes noch mehr in den Dreck gezogen. Ich finde diese Störaktion völlig unnötig, man muss sich nicht immer auf das unterste Niveau begeben. Es ist allen hinlänglich bekannt, wie die Meinung des Volkes zu diesem Thema aussieht.
loky mcqueen 08.03.2012
3. Dankeschön!
Ein Dank an alle, die da waren und dieses Armutszeugnis für Deutschland mit ihrem Protest unterstriechen haben. Wohne weiter weg und muss zu hart für mein Geld arbeiten, als das ich mir einen Ausflug nach Berlin hätte leisten können - aber wenn ich ihn mir hätte leisten können, dann hätte ich euch tatkräftig unterstützt! Danke!
Thoddy 08.03.2012
4.
Zitat von sysopAFPEs war ein Zeremoniell, wie es die Republik so noch nicht erlebt hat. Der Große Zapfenstreich für den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff wurde übertönt von einem Höllenlärm, den Demonstranten mit Trillerpfeifen, Vuvuzelas und ihren Protestrufen veranstalteten. Zapfenstreich für Wulff: Abschied ohne Würde - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820230,00.html)
Ja. Diese "Demonstranten" waren wirklich ohne Anstand und Würde. Noch ist der BP a.D. unschuldig. Noch ist er weder angeklagt (!) noch verurteilt. Passt das in das Rechtsverständnis ? Ich möchte mal wissen, was passiert - und wie die Demonstranten noch in den Spiegel schauen können - wenn er nicht angeklagt wird. Das ist dann wieder die große Verschwörung und war ja gleich klar, oder? So wie bei Herrn Kachelmann. Erstmal Karriere und Leben zerstören und dann schnell aus dem Staub machen. Das sind die Leute dieses Charakters. Denen kann ja nichts dabei passieren, wenn sie geifern und Galle spucken. Wenn Wulff nicht angeklagt wird, hoffe ich, er klagt auf jeden Cent und Euro, der ihm bis zum Ende der ersten Amtszeit zugestanden hätte. Und das wären mehr als 200.000 € pro Jahr gewesen. Und das sollten dann die Demonstranten zahlen.
arg0 08.03.2012
5. Die Medien
Zitat von schlaumischlumpfIch bin so froh, dass er weg ist. Jetzt gibt es vielleicht mal wieder ein paar Tage am Stück ohne Berichterstattung über die (vermeintlichen) Skandale von C. Wulff. M.
Die Medien werden nach Gutenberg und Wulff einen anderen finden den sie aus den Amt berichten können. Das Internet macht sich ja schon bereit um den neuen Bundespräsidenten zu hassen und ihm jedes Wort zu verdrehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.