"Politbarometer" zur Bundestagswahl: ZDF rückt letzte Umfrage näher an Wahlsonntag

ZDF-Intendant Bellut: Wechselwähler sollen über aktuelles Stimmungsbild informiert werden Zur Großansicht
DPA

ZDF-Intendant Bellut: Wechselwähler sollen über aktuelles Stimmungsbild informiert werden

Wahlumfragen fast bis zur letzten Minute: Das ZDF will ein aktuelles "Politbarometer" noch drei Tage vor der Bundestagswahl veröffentlichen. Ab 2014 soll dies für alle Wahlen gelten. Die ARD ist gegen das Herausgeben von Last-Minute-Befragungen.

Mainz - Das ZDF will seine letzte Umfrage zur Bundestagswahl am Donnerstag vor der Abstimmung veröffentlichen. In diesem Jahr werden die Ergebnisse des "Politbarometers" drei Tage vor dem Wahlsonntag und nicht eine Woche vorher bekanntgegeben, kündigte ZDF-Intendant Thomas Bellut vor dem Fernsehrat - einem Kontrollgremium - am Freitag in Mainz an. Damit will der Sender auf ein verändertes Wählerverhalten reagieren.

"Der Wähler entscheidet sich immer später", sagte Bellut. "Wechselwähler machen heute einen viel größeren Teil der Wählerschaft aus." Das ZDF sehe sich in der Pflicht, die Wähler mit einem aktuellen Stimmungsbild zu versorgen.

Die neue Regelung soll ab 2014 grundsätzlich für alle Wahlen von Bundestag, Landtagen und Europaparlament gelten. In diesem Jahr soll die Verlegung auf die Bundestagswahl begrenzt werden und nicht für die Landtagswahlen in Hessen und Bayern gelten. Die Menschen sollten nicht durcheinandergebracht werden, sagte der Vorsitzende des ZDF-Fernsehrats und CDU-Politiker Ruprecht Polenz. Das ZDF will mit der ARD über die Verlegung der Umfragetermine sprechen. "Da wäre ich froh, wenn auch die ARD diese Regelung übernehmen würde", sagte Bellut.

ARD gegen Veröffentlichen von Last-Minute-Umfragen

Die ARD weigert sich bisher, in der Woche vor einer Wahl neue Meinungsumfragen zu veröffentlichen. Dies hatte der Sender bereits im Februar deutlich gemacht. WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, der den ARD-Deutschlandtrend moderiert, sagte damals dem "Cicero", solche Zahlen könnten "einen Kreislauf zwischen taktischen Wahlentscheidungen und neuen Entscheidungsgrundlagen" in Gang setzen, der dem demokratischen Prozess nicht förderlich sei. In anderen europäischen Ländern wie etwa Italien ist die Veröffentlichung von Umfragen wenige Tage vor der Wahl sogar verboten.

Nach der Niedersachsen-Wahl hatte ZDF-Hauptredaktionsleiter Theo Koll bereits deutlich gemacht, dass sein Sender eine Last-Minute-Umfrage vor der Bundestagswahl erwäge - um den Wähler auf den aktualisierten Stand der jüngsten Zahlen zu bringen. Angesichts der sich immer später entscheidenden Wähler sei es nicht mehr vertretbar, veraltete Zahlen wider besseres Wissen als scheinbar letzten Kenntnisstand der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Das hätte auch Auswirkungen auf taktisches Wählen. Bei der Landtagswahl im Januar hatten viele Anhänger der CDU für die FDP gestimmt. Sie wollten den kriselnden Liberalen über die Fünfprozenthürde helfen. Umfragen, nach denen die FDP um ihren Einzug in den Landtag in Hannover bangen musste, waren aber schon zehn Tage alt. Tatsächlich hatte sie in Meinungsumfragen bereits die Hürde genommen, die erhobenen Daten blieben aber unveröffentlicht.

heb/ade/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 58 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ich denke, jetzt ist
knieselstein 24.05.2013
der Bogen überspannt. Nach der Niedersachsen-Wahl hatte ZDF-"Hauptredaktionsleiter Theo Koll bereits deutlich gemacht, dass sein Sender eine Last-Minute-Umfrage vor der Bundestagswahl erwäge - um taktisches Wählen einzudämmen." Es ist allein Sache des Wählers, wen er aus welchen Überlegungen wählt.
2.
stimmvieh_2011 24.05.2013
Das ZDF möchte im Endeffekt die Wahlen beeinflussen und gibt das auch noch unverholen zu. Es gibt schon jetzt zu viele Menschen, die Meinungsumfragen und Stimmungsbilder mit echten Stimmverhältnisse verwechseln. Dem wird dadurch noch mehr Vorschub geleistet. Bestes Beispiel: die 4%-Partei FDP. Die sitzt nämlich mit 15% im Bundestag. Nur nimmt das kein Mensch mehr wahr.
3. Es geht noch schlimmer
warumnicht? 24.05.2013
Es sollte ausreichen, die letzten Umfragen eine Woche vor der Wahl zu veröffentlichen. Denn je nachdem welches Umfrageinstitut man beauftragt, bekommt man auch die Ergebnisse, die man haben will. Aber es geht noch schlimmer: Denn wenn ich richtig informiert bin, plant die BILD eine kostenlose Ausgabe für alle Haushalte einen Tag vor der Wahl!
4. Walhalla
Izmi 24.05.2013
Zitat von sysopDPAWahlumfragen fast bis zur letzten Minute: Das ZDF will ein aktuelles "Politbarometer" noch drei Tage vor der Bundestagswahl veröffentlichen. Ab 2014 sollen die Wähler bei jeder Abstimmung bis kurz vor dem Wahltag befragt werden. Die ARD ist dagegen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/zdf-politbarometer-letzte-umfrage-drei-tage-vor-bundestagswahl-a-901824.html
Inwieweit eine solche Last-Minute-Umfrage nun taktisches Wählen verhindert oder auch nur erschwert, bleibt wohl das Geheimnis des ZDF. Ich denke, eher im Gegenteil wird mit einem letzten Ansporn den Parteien geholfen, die knapp vor Sieg oder Niederlage stehen. Es ist allerdings denkbar, dass dadurch die Zahl der Nichtwähler sinkt, weil kurzfristige Entscheidungen einen ebenso kurzen Verfallswert haben. Frage: Wem nutzt nun eine höhere Wahlbeteiligung...
5.
jonathandoe 24.05.2013
Jetzt bekomme ich für meinen Rundfunkbeitrag also auch noch Hilfe beim richtigen Wählen. Danke ZDF ohne dich wäre ich wohl ewig ein taktischer Wähler geblieben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Bundestagswahl 2013
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 58 Kommentare