Jahreswechsel: Zehn politische Vorsätze für 2013

Ein Gastbeitrag von Claudia Langer

Ein bisschen mehr Sport, ein bisschen weniger Alkohol? Langweilig! Wie wäre es mal mit politischen Neujahrsvorsätzen, die wirklich etwas bringen? Weil sie nicht nur das eigene Leben besser machen, sondern unsere ganze Gesellschaft - die hat es nämlich dringend nötig.

Feuerwerk: 2013 wird das Jahr, in dem wir uns einmischen müssen. Zur Großansicht
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Feuerwerk: 2013 wird das Jahr, in dem wir uns einmischen müssen.

2013 ist Wahljahr, und es wird ein Jahr der ganz großen Weichenstellungen. Es steht nicht mehr oder weniger auf dem Spiel als die Zukunft des Euro, der Energiewende und Ihrer Rente. Und diese Liste ist nur ein kleiner Auszug. In vielen dieser Punkte geht es um nicht weniger als Ihre persönliche Zukunft. Darum lohnt es sich, über Vorsätze nachzudenken, die den Neujahrskater überleben und über den persönlichen Tellerrand hinausreichen. Hier ein paar sehr konkrete Vorschläge für ein politisch besseres neues Jahr:

1. Nehmen Sie's persönlich!

Fast alles, was Sie im nächsten Jahr in den Nachrichten zu hören bekommen, hat Auswirkungen auf Ihr Leben. Es lohnt sich also, das Geschehen persönlich zu nehmen. Denn die Zeche für das meiste davon zahlen sowieso Sie oder Ihre Kinder. Die dürfen dann versuchen, sich mit den Lasten unserer Vergangenheit eine lebenswerte Zukunft aufzubauen.

2. Vertrauen Sie Ihrem gesunden Menschenverstand!

Ist es in Ordnung, wenn immer weniger Kinder in Zukunft unseren täglich wachsenden Schuldenberg abtragen sollen? Ist es natürlich nicht, und wir alle wissen das. Und wir wissen noch viel mehr. Wir wissen, dass ein "im Prinzip strukturell ausgeglichener Haushalt" eine Mogelpackung sein dürfte und eine "marktkonforme Demokratie" nichts Gutes verheißt. Wissen heißt Verantwortung, und die liegt bei Ihnen.

3. Denken Sie langfristig!

Versuchen Sie sich mal die nähere Zukunft vorzustellen: Gefällt Ihnen, was Sie sehen? Wenn nein, dann ist es Zeit, über einen Plan B nachzudenken. Bisher sind wir nämlich Meister der Kurzfristigkeit. Beim Klimawandel aber haben wir einen blinden Fleck. Dabei ist das drohende Ausmaß gigantisch, die Eintrittswahrscheinlichkeit extrem hoch und die ersten Folgekosten sind schon heute fällig. Besonders eindrucksvoll zeichnet sich das in den USA ab, die sich einerseits beharrlich weigern, auch nur den kleinsten Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, aber als erstes Industrieland massiv von den Folgen durch vermehrt auftretende Wirbelstürme betroffen sein werden.

4. Werden Sie politisch aktiv!

Im nächsten Jahr geht es um Ihre Zukunft. Deshalb sollten Sie sich tunlichst einmischen und aufpassen, dass Ihre Interessen gewahrt bleiben. Sonst stehen sie am Spielfeldrand, wenn die Lobbyisten für ihre Auftraggeber kämpfen - und die denken sicher nicht an Sie. Also treten Sie auf das Spielfeld und mischen Sie sich ein. Die Politik braucht Sie, denn langfristiges Handeln geht oft einher mit kurzfristigen Zumutungen und fürchterlichem Geschrei der Wähler. Warum sollten Politiker das Risiko eingehen, für richtige Entscheidungen abgewählt zu werden? Wenn Sie also wollen, dass die Weichen in Richtung einer nachhaltigen Zukunft gestellt werden, dann muss die Politik wissen, dass sie dafür verlässliche Verbündete hat. Also fangen Sie an und organisieren Sie Mehrheiten!

5. Werden Sie wütend!

Werden Sie wütend, wenn die Politik weiter Schulden macht, die nicht zu bezahlen sind. Werden Sie wütend, wenn Ihnen die Kanzlerin sagt, dass sie "auf Sicht fährt", denn übersetzt heißt das: unkontrollierbares Spiel der Mächte und Märkte. Werden Sie wütend, wenn die Politik Täterschutz vor Opferschutz setzt und die Banken schon wieder auf Ihre Kosten spekulieren. Werden Sie wütend, wenn die hohen Kosten der Energiewende beklagt werden, aber profitable Industriegiganten aufgrund undurchsichtiger Ausnahmeregelungen von Ihnen höchstpersönlich quersubventioniert werden. Nächstes Jahr gäbe es wahrhaft genug Anlässe, auf die Straße zu gehen. Tun Sie es! Bei der Atomkraft hat es schließlich auch funktioniert.

6. Lassen Sie sich nicht einlullen!

Das Wahljahr beginnt und damit auch die Saison der Plattitüden und Hohlformeln. Die Grünen freuen sich, dass sie sich endlich in der bürgerlichen Mitte mit SPD und CDU die Füße platt treten dürfen. Entschlossener Kampf gegen Klimawandel? Fehlanzeige! Jetzt ist das Soziale dran, da kann man Geschenke versprechen, das kommt immer gut an. Die SPD präsentiert ein Rentenkonzept, das an Norbert Blüms verwegene Aussage erinnert: "Die Renten sind sicher." Die FDP hat schon mehr zweite Chancen gekriegt als eine Katze Leben hat. Und die Kanzlerin, wo ist eigentlich die Kanzlerin? Weiß irgend jemand, welche Zukunftsvision sie für unser Land hat? Genau danach sollten Sie fragen, und zwar nicht erst am Wahltag, sondern jetzt.

7. Fürchten Sie sich!

Haben Sie sich schon mal ausgemalt, was im Leben Ihrer Kinder passiert, wenn die gefährliche Schwelle von zwei Grad Klimaerwärmung überschritten wird oder wenn es sogar vier oder sechs Grad werden? Noch 2007 schienen zwei Grad realistisch und gelten seither als oberstes politisches Ziel. 2012, also fünf Jahre später, sagt die Weltbank, dass vier Grad bis zum Jahr 2060 nur noch dann erreichbar sind, wenn wir "aggressive Maßnahmen" ergreifen. Kennen Sie jemand, der "aggressive Maßnahmen" plant? Was wird man uns dann wohl in fünf Jahren prognostizieren? Noch wäre Zeit für einen radikalen Kurswechsel. Fürchten Sie sich also, und verlangen Sie von der Politik, dass sie den Klimawandel mindestens genauso ernst nimmt wie alle Finanzkrisen zusammen. Volkswirtschaften können sich erholen, das Klima kann es ab einem bestimmten Punkt nicht mehr.

8. Wenn Sie jung sind: Machen Sie sich bereit für den Kampf!

Auch wenn alle Parteien jetzt was von Generationengerechtigkeit säuseln: Sie glauben doch nicht im Ernst, dass die Altvorderen sich von Jungspunden die Butter vom Brot nehmen lassen oder auf Privilegien verzichten? Die Rechnung ist also ganz einfach: Entweder Sie locken genug Gleichaltrige hinter ihren Smartphones hervor, um Krawall zu schlagen - oder die ziehen die Schlinge mit jedem weiteren Euro Staatsverschuldung noch etwas enger um Ihren Hals.

9. Sagen Sie nie mehr folgende Sätze:

Was kann einer allein schon tun? Ich kauf doch eh schon im Bioladen. Der saure Regen ist doch auch nicht so schlimm gewesen. Und überhaupt, wenn die Chinesen erst mal... (hier lässt sich ganz viel einsetzen). All das sind alles billige Ausreden, die unser Phlegma und unsere Unentschlossenheit überdecken sollen. Und dabei wollen Sie sich im neuen Jahr doch wirklich nicht erwischen lassen, oder?

10. Lassen Sie sich von niemandem den Spaß verderben!

Atmen Sie im neuen Jahr tief ein und lassen Sie es krachen. Nehmen Sie sich Zeit, unseren wundervollen Planeten zu genießen. Spielen Sie, reisen Sie - möglichst nicht mit dem Flugzeug. Laufen Sie barfuß durchs nasse Gras und umgeben Sie sich mit Menschen, die sie zum Lachen bringen.

Wofür sonst würde sich der Einsatz lohnen?

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Punkt 10 ist so ziemlich die beste Lösung
kinder-kuchen 31.12.2012
In diesem Land läuft so viel schief.... Da kann man doch nur soweit wie möglich weg... Am besten mit dem Flugzeug und es sich dort zB mit dem einfachen aber glücklichen leben auf den Fiji Inseln gemütlich machen. ( von einer die die Einwohner Fijis persönlich und ohne ihr Touristenlächeln kennen gelernt hat) ;-)
2.
foxwulf 31.12.2012
Zitat von sysopWecoEin bisschen mehr Sport, ein bisschen weniger Alkohol? Langweilig! Wie wäre es mal mit politischen Neujahrsvorsätzen, die wirklich etwas bringen? Weil sie nicht nur das eigene Leben besser machen, sondern unsere ganze Gesellschaft - die hat es nämlich dringend nötig. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/zehn-politische-vorsaetze-fuer-2013-von-claudia-langer-a-875147.html
[QUOTE=sysop;11656757]Ein bisschen mehr Sport, ein bisschen weniger Alkohol? Langweilig! Wie wäre es mal mit politischen Neujahrsvorsätzen, die wirklich etwas bringen? Weil sie nicht nur das eigene Leben besser machen, sondern unsere ganze Gesellschaft - die hat es nämlich dringend nötig. In vielem hat die Autorin recht. In einigen Punkten offenbart sie aber gravierende Wissenslücken: Wir vererben der nächsten Generation nicht nur die Schulden, sondern auch die Vermögen. Das Problem ist die ungleiche Verteilung, und die wird immer schiefer, ohne dass etwas dagegen getan wird. Im Gegenteil: Die Politik hat seit Schröders Zeiten eine Menge getan, dass diese Ungleichgewichte noch größer wurden. Deshalb gibt es auch keinen Konflikt zwischen den Generationen, sondern ebenfalls zwischen Arm und Reich. Staatsschulden entstehen immer nur durch die Feigheit, die nötigen Steuern und Abgaben einzunehmen.
3. Zu 100 % unterschrieben!
chrimirk 31.12.2012
Zitat von sysopWecoEin bisschen mehr Sport, ein bisschen weniger Alkohol? Langweilig! Wie wäre es mal mit politischen Neujahrsvorsätzen, die wirklich etwas bringen? Weil sie nicht nur das eigene Leben besser machen, sondern unsere ganze Gesellschaft - die hat es nämlich dringend nötig. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/zehn-politische-vorsaetze-fuer-2013-von-claudia-langer-a-875147.html
Jetzt noch eine Aktion um den deutschen Wähler auf breiter Basis zu aktivieren, genau zu überlegen, wem er dieses mal die Stimme gibt! So jedenfalls geht es nicht weiter! Wir sind das Volk, die da derzeit "oben" nicht!
4. Sehr geehrte Frau Langer
haraldf56 31.12.2012
natürlich müssen Sie in das Horn der Klimakatastrophe blasen wohl wissentlich, dass von unabhängigen Klimaforschern bewiesen ist, dass es immer Schwankungen im Klima gab. warum hieße sonst Grönland (Grünland). Rufen Sie lieber die Bürger auf zur Wahl zu gehen, damit nicht die zunehmenden Nichtwähler Chaoten-Parteien mit absolut sinkenden Wahlstimmen aber daher prozentual wachsender Anzahl an Stimmen unser Land in noch größere Schwierigkeiten stürzen können.
5. wut & ärger
josian 31.12.2012
sind schlecht für die Gesundheit. Besser ist es, sich nicht aufzuregen über den alltäglichen Wahnsinn, sondern immer mehr in die Ruhe zu kommen. Für den Weltfrieden meditieren und hierfür auch regelmäßig beten, ist sicher das beste !
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Zur Autorin
  • DPA
    Claudia Langer, 47, ist Serienunternehmerin und Gründerin der Verbraucherplattform www.utopia.de und der Utopia Stiftung. Im Oktober erschien ihr erstes Buch "Die Generation man müsste mal".
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