Zehntausend bei Anti-Neonazi-Kette: Dresden stemmt sich gegen die Geschichtsklitterer

Eine Stadt wehrt sich: Mehr als zehntausend Menschen haben einen Ring um Dresdens Altstadt gebildet - um ein Zeichen gegen den Zug von 1300 Rechtsextremen zu setzen. Die "braunen Horden" seien unerwünscht, rief die Bürgermeisterin den Menschen zu. Vereinzelt kam es zu Gewaltausbrüchen.

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Dresden: Brennende Mülltonen und Blockaden
Hamburg/Dresden - Es ist der größte Neonazi-Aufmarsch seit langem - und der Protest dagegen ist gewaltig. Rund zehntausend Menschen bildeten eine geschlossene Menschenkette um die Altstadt, um der Bombardierung der Stadt vor 65 Jahren zu gedenken und zugleich ein Zeichen gegen den Zug der Rechtsextremen zu setzen.

Sie sei "überwältigt", wie viele Dresdner und Gäste der Stadt dem Aufruf gefolgt seien, sagte Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU). Sie seien in Gedenken an "die schlimmste Stunde" Dresdens zusammengekommen: Der Jahrestag der Bombardierung im Februar 1945 sei eine Erinnerung daran, "wer diesen verdammten Krieg losgetreten hatte". Zu der Menschenkette hatte Orosz mit Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, Wirtschaftsverbänden und anderen Gruppen aufgerufen.

"Machen wir Dresden zu einer friedlichen, weltoffenen, zu einer Festung gegen Intoleranz und Dummheit", rief die Bürgermeisterin den Teilnehmern zu. "Den Jung- und Altnazis, die heute wieder versuchen, unseren Tag der Trauer zu missbrauchen, stellen wir uns entgegen." Dresden lasse nicht zu, dass "braune Horden" die Stadt als Plattform für Geschichtsklitterung nutzten. "Dresden will sie nicht, und diese Bande gehört nicht hierher. Ich habe gespürt, dass die Menschen wirklich dabei waren, dass es sie in die Stadt getrieben hat, um dieses Signal zu setzen."

"Sehr deutliches Signal an die, die diese Stadt zu missbrauchen versuchen"

Auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) nahm an der Kundgebung teil. Dresden habe den angereisten Neonazis klar die Stirn geboten, sagte er. "Ich hoffe, dass das ein sehr deutliches Signal war an die, die diese Stadt zu missbrauchen versuchen."

Die Rechtsextremen versuchen seit Jahren, die Zerstörung der Stadt für ihre Propaganda zu instrumentalisieren. Vor dem Bahnhof Dresden-Neustadt versammelten sich zunächst etwa 1300 von ihnen, unter Polizeischutz waren weitere tausend Anhänger der rechten Szene dorthin unterwegs. Doch der Marsch kam nicht in Bewegung, wegen einer Straßenblockade von rund 2000 Gegenprotestanten. Zu einer Räumung sehe sich "die Polizei außerstande", sagte Einsatzleiter Ludwig-Gerhard Danzl am Mittag. Zwischenzeitlich versuchte die Polizei allerdings Augenzeugen zufolge, die Blockaden aufzulösen. An mehreren Orten hätten sie Demonstranten weggetragen. Die Linke rief die Bürger bei einer Kundgebung dazu auf, den Neonazi-Zug zu blockieren. "Dieses Jahr stoppen wir die Nazis", rief die stellvertretende Vorsitzende Katja Kipping.

Am Rande der Feiern kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen rechtsextremen und linken Demonstranten, es flogen Flaschen und Feuerwerkskörper. Auch Polizisten wurden einem Sprecher zufolge angegriffen. Es sei ein Wasserwerfer eingesetzt worden. Verletzt worden sei bisher niemand. Die Polizei nahm laut eigenen Angaben bis zum Nachmittag sieben Menschen fest.

Gegendemonstranten hatten Barrikaden auf den Gleisen zwischen den beiden großen Dresdner Bahnhöfen wurden errichtet, um die Anreise der Rechtsextremisten zu verhindern. Die Polizei ist nach eigenen Angaben mit 6000 bis 8000 Beamten in der Stadt. Sechs große Transporthubschrauber, dunkelblau, weiße Türen, kreisten laut "taz" über der Stadt. Ein Bus mit 30 Neonazis sei angegriffen worden. In einer Seitenstraße wurde nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa ein parkendes Auto umgestoßen.

Die Versammlung der Rechtsextremisten überschattet das Gedenken an die Zerstörung Dresdens durch die Luftangriffe alliierter Bomber am 13. und 14. Februar 1945. Das Bombardement kostete nach Angaben einer Expertenkommission bis zu 25.000 Menschen das Leben. In der Nazipropaganda war von bis zu 200.000 Toten die Rede, was nun missbraucht wird, um die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg zu relativieren.

Das breite Bündnis gegen rechts wird von Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) angeführt. Ab 13 Uhr hatten Gegendemonstranten mit einer Menschenkette und weißen Rosen symbolisch die Altstadt gegen Rechtsextremisten abgeriegelt. Laut eigenen Angaben wollen sie damit ein Zeichen für die Überwindung von Krieg, Rassismus und Gewalt setzen.

ssu/AFP/apn/dpa

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Forum - Was tun gegen Rechtsradikale?
insgesamt 793 Beiträge
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1.
Chromlatte 13.02.2010
Märsche verbieten anstatt genehmigen. Wer doch kommt, Platzverweis - Feierabend.
2.
shatreng 13.02.2010
Wenn die Polizei, keine friedlichen Blockaden wegräumen würde, gäbe es auch keinen Naziaufmarsch... Es müssen erst Mülltonnen und Autos brennen, dass auf einmal die öffentliche Sicherheit gefährdet ist und die Demo verboten wird. Der Staat und seine Exekutive spielen jeder Randale selbst in die Hände, da sie scheinbar als Instrument dienen kann, Demonstrationen verbieten zu lassen, während man es auf dem gerichtlichen Weg nicht gebacken kriegt. Die Stadt Dresden sagt seit Wochen, die Sicherheit kann nicht gewährleistet werden und trotzdem wird die Demo nicht verboten. Mittlerweile brennt es in Dresden, Menschen mit Schädelbrüchen liegen auf den Straßen und es kommt überall zu Straßenschlachten. Jetzt wird die Demo (scheinbar!?) verboten. Fazit: Krawall und Randale ist scheinbar das beste Mittel Demonstrationen zu verhindern. Friedlicher Protest in Form von Blockaden scheinbar nicht (schade!).
3. Tabuisieren bringt nichts
gerthans 13.02.2010
Zitat von ChromlatteMärsche verbieten anstatt genehmigen. Wer doch kommt, Platzverweis - Feierabend.
Waren Sie früher in der SED, Chromlatte? Mir liegt die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit am Herzen. Zudem halte ich große Stücke auf Sigmund Freud und habe von ihm gelernt: Tabuisieren, Verteufeln und Verbieten von mächtigen Emotionen bringt nichts. Das Verdrängte ist ja nicht unschädlich gemacht, sondern wirkt aus dem Unterbewusstsein heraus womöglich noch schädlicher. Es ist wie mit der Sexualität.
4. ...
e-ding 13.02.2010
Zitat von sysopIn Dresdens Innenstadt kommt es wegen eines Neonazi-Aufmarsches zu ersten Ausschreitungen. Tausende Rechtsextreme werden erwartet - sie wollen den Jahrestag der Bombardierung für Propaganda nutzen. Was kann dagegen getan werden?
Was kann wogegen getan werden? Demokratie? Freie Meinungsäußerung? Steht im GG irgendwo, dass Meinungsäußerungen nicht dumm sein dürfen? Die Medien-Landschaft beweisst doch tagtäglich das Gegenteil. Tja, sonst hilft nur Meinungsdiktatur. Die können wir ja einführen. Verbote lösen ja quasi alles, erst recht böse Gedanken, nicht wahr?
5. das...
lomay 13.02.2010
Zitat von ChromlatteMärsche verbieten anstatt genehmigen. Wer doch kommt, Platzverweis - Feierabend.
...geht ja wohl gar nicht. Wenn ich in diesem Land von Demokratie und Versammlungsfreiheit reden will, dann muß diese Freiheit gerade für die gelten, die ich am wenigsten ausstehen kann. Was die heutige Demo angeht, es wurde ein Gedenkmarsch für die Dresdner Bombennacht angekündigt, warum soll an dieses Kriegsverbrechen nicht genauso gedacht werden wie dem Holocaust und anderen Gedenktagen, die den 2.WK betreffen ?
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Dresdner Bombennacht 1945
Der 13. Februar
Die Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 sollte für die Dresdner zur Hölle werden: Britische und später auch US-Bomberstaffeln griffen die Stadt an. Die schützende Flugabwehr war kurz zuvor hauptsächlich an die Ostfront abgezogen worden. Die Luftangriffe sollten vor allem den Durchhaltewillen der Deutschen brechen. ssu/dpa
Opferzahlen
Das Bombardement auf das etwa 630.000 Einwohner zählende Dresden forderte nach Angaben einer Expertenkommission bis zu 25.000 Menschenleben. In der Nazipropaganda waren die Opferzahlen auf bis zu 200.000 Tote gestiegen. Dies Zahl greifen heute Rechtsextreme auf, um die Luftangriffe als "Kriegsverbrechen" einzustufen und die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg zu relativieren. Dabei gingen damals selbst die Dresdner Behörden nach Bergung der Leichen von 18.000 bis 25.000 Opfern aus. ssu/dpa
Materielle Zerstörung
Innerhalb kürzester Zeit brannte die mit Flüchtlingen aus dem Osten überfüllte Innenstadt. Flammen, Rauch und Hitze bedeuteten auch auf offener Straße für viele den Tod. Schwer getroffen wurden zudem Freiflächen wie der Große Garten, wohin sich viele nach der ersten Welle gerettet hatten, und die Elbwiesen. Die Alliierten warfen insgesamt mehr als 3700 Tonnen Bomben ab. Das Flammeninferno vernichtete rund 25.000 Häuser und 90.000 Wohnungen.

Die Luftangriffe zerstörten eine Fläche von etwa zwölf Quadratkilometern vollständig. Vor allem das von Renaissance- und Barockbauten geprägte Zentrum lag in Schutt und Asche. Semperoper, Residenzschloss oder Zwinger waren größtenteils zerstört. Die Frauenkirche stürzte am 15. Februar in sich zusammen. ssu/dpa
Die Debatte
Über den militärischen Nutzen der Luftangriffe debattieren Historiker noch immer. Das Bild von der "unschuldigen Stadt" lässt sich jedoch kaum halten. Dresden war nicht nur eine Nazi-Hochburg, sondern auch Knotenpunkt des Güterzugverkehrs für die in der Umgebung ansässige Rüstungsindustrie. ssu/dpa