Zeitgeschichte Das Scheitern eines Alpha-Tiers

Von Saskia Richter

2. Teil: Warum statt Ernst Albrecht doch Strauß gegen Helmut Schmidt antrat - und verlor


Seine Parteifreunde diffamierte er als politische Pygmäen; sie waren für ihn im Grunde nur "Reclam-Ausgaben" von Politikern. Vor allem auf den 1973 gewählten CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl hatte Strauß es abgesehen. Er konnte nicht ertragen, dass mit ihm eine neue Generation an die Spitze der Union rücken sollte. Darum folgte auf die verlorene Bundestagswahl von 1976 und die Verletzungen von Eitelkeit und Stolz der Kreuther Beschluss: Die CSU versuchte ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren und löste die gemeinsame Bundestagsfraktion auf. Da jedoch weder Wähler noch die eigene Partei die Trennungsoffensive billigten, mussten die CSU-Granden ihr Vorhaben revidieren. Eine mögliche Spaltung blieb als Drohmittel bestehen und hinterließ Unsicherheiten und Ängste innerhalb der CDU.

So gelang es der CSU den ersten Kanzlerkandidaten aus den eigenen Reihen durchzusetzen. Nach seiner Niederlage von 1976 hatte Kohl die Kontrolle über die Fraktion verloren. Selbst antreten konnte er nicht. Als alternativen Spitzenkandidaten präsentierte er den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, der 1976 als politischer Seiteneinsteiger eine 17-jährige SPD-Dominanz im Hannoveraner Landtag beendet hatte und weitaus höhere Popularitätswerte als Strauß aufweisen konnte. Doch Albrecht fehlten die Wurzeln innerhalb der Partei, insbesondere die Anhängerschaften in der Bundestagsfraktion der Union. Bei der Entscheidung dort unterlag er Strauß mit 102 zu 135 Stimmen.

Vom Machtwillen geblendet

Trotzdem hatte Strauß gezögert. Um die Regierung zu übernehmen, hätte die Union eine absolute Mehrheit benötigt, denn weder FDP noch SPD wären mit einem Kanzler Strauß eine Koalition eingegangen. Letztlich waren es wohl der Landesgruppenvorsitzende Friedrich Zimmermann und der Generalsekretär Edmund Stoiber, die den CSU-Vorsitzenden zu seiner Entscheidung überredeten. Nach langen Gesprächen und einigen Gläsern Wein soll Strauß in den Bad Godesberger "Klopfstuben" Zimmermanns rhetorischer Frage: "Wann, wenn nicht jetzt?" zugestimmt haben. Strauß stammte aus einer Handwerkerfamilie und war ein sozialer Aufsteiger. Sein Vorwärtsdrang und seine Sucht nach Brillanz waren zuweilen so stark, dass sie seinen politischen Instinkt überdeckten.

Im Wahlkampf misslang es der Union, einheitlich zu agieren. Viele Christdemokraten fühlen sich von der CSU erpresst, Parteiaustritte und Mandatsniederlegungen waren ebenso Folge der Kanzlerkandidatur wie mangelndes Engagement in den Wahlkreisen. Zudem arbeiteten die Parteizentralen mehr gegen- als miteinander. In München plante Stoiber einen kämpferisch-emotionalen Wahlkampf, sein Pendant Heiner Geißler versuchte, in Bonn sachlich-argumentativ zu überzeugen und vertrat sozial-liberalere Positionen. Dies allerdings traf bei der Mehrheit der bayrischen Unionspolitiker auf Unverständnis, waren sie doch davon überzeugt, dass die Grenzen des Sozialstaates längst erreicht seien.

Franz Josef Strauß polarisierte, sein Image hatte sich während der siebziger Jahre gefestigt, er galt als "Scharfmacher". Sein Adlatus Stoiber ging als "blondes Fallbeil" in die Geschichte ein, nachdem er im Zuge des CSU Parteitages im September 1979 verkündete: "Wir haben in der Vergangenheit nicht deutlich gemacht, dass Nationalsozialisten in erster Linie Sozialisten waren und dass Nationalsozialisten Leute waren, die im Großen und Ganzen kollektivistische Lösungen angestrebt und durchgeführt hatten." Weil Strauß massive Proteste provozierte, umgab ihn stets eine Traube von uniformierten und bewaffneten Ordnungshütern. Und obwohl der Kanzlerkandidat oft in kollektiver Ekstase, mit minutenlangen Ovationen und "Franz-Jooh-seff"-Rufen empfangen wurde, glich so manche Provinzstadt während des Wahlkampfes aufgrund der immensen Sicherheitsvorkehrungen einer Krisenregion.

Das stärkte den amtierenden Bundeskanzler. Schmidts Beliebtheitswerte erreichten ihren Höhepunkt und seine Popularität war größer als die all seiner Vorgänger. Im Wahlergebnis profitierte vor allem die FDP von dieser Stärke. Mit 10,6 Prozent erzielten die Liberalen ihr drittbestes Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik, während die CDU vor allem im Norden Deutschlands hohe Verluste hinnehmen musste. Franz Josef Strauß war für viele Bundesbürger nicht wählbar, weil sie ihn für intolerant, unsozial, eigensinnig oder unkontrollierbar hielten. Seine fraglosen politischen Kompetenzen reichten nicht aus, um das Vertrauensdefizit in der Bevölkerung auszugleichen.

Mit dem Scheitern der Kanzlerkandidatur endete die bundespolitische Karriere von Franz Josef Strauß. Nach der Wahl zog er sich als bayerischer Ministerpräsident nach München zurück. Das Kanzleramt blieb ihm, der sich immer für den besseren Regierungschef gehalten hatte, verwehrt.



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