Zeitgeschichte Eine deutsche Karriere

Nach dem RAF-Mord an Hanns-Martin Schleyer blieb der kritische Blick auf dessen Vita tabu. Ein neues Buch zeigt Schleyers exemplarischen Weg vom NS-Staat in die Nachkriegsgesellschaft.


Entführter Schleyer(1977): Lücke im Lebenslauf
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Entführter Schleyer(1977): Lücke im Lebenslauf

Das Bild hat sich ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt: Hanns-Martin Schleyer, der mächtige Boss der Bosse, Doppel-Präsident des Arbeitgeberverbands und des Bundesverbands der Deutschen Industrie, sitzt in Unterhemd und offener Trainingsjacke unter dem Logo der "Roten Armee Fraktion". Vor der Brust trägt er ein Pappschild, das ihn als "Gefangenen der RAF" ausweist - ein zutiefst gedemütigter, Mitleid erregender Mann.

Haften blieben in den Köpfen die verzweifelten Botschaften des entführten Daimler-Benz-Vorstands an die Ehefrau und die Söhne, an die sozial-liberale Bundesregierung unter Helmut Schmidt und an seinen christdemokratischen Freund Helmut Kohl - vergebliche Hilferufe, weil der Staat fest entschlossen war, sich nicht von Terroristen erpressen zu lassen. Am 18. Oktober 1977, dem 43. Tag nach dem Kidnapping in Köln, kurz nach der Selbsttötung der Stammheimer RAF-Häftlinge, wurde Schleyer im französisch-belgischen Grenzgebiet durch drei Schüsse in den Hinterkopf ermordet.

"In der öffentlichen Erinnerung wird Schleyers Leben seither ganz vom Ende bestimmt", schreibt der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister, 45, in einer jetzt veröffentlichten Biografie, die seinem im August vorigen Jahres von der ARD ausgestrahlten Dokumentarfilm folgt. Die Sympathien lägen da "psychologisch ganz zwangsläufig" auf Seiten des brutal hingerichteten RAF-Opfers.

Vorleben ausgeblendet

Dessen Leben davor wurde seither weitgehend ausgeblendet. Da sich, wie Bundespräsident Walter Scheel beim Staatsakt sagte, "alle deutschen Bürger" in der Schuld des getöteten Wirtschaftsführers befanden, "hörten 1977", so Hachmeister, "schlagartig alle ernst zu nehmenden Recherchen über die Biografie des vom Staat Geopferten auf".

Bis auf eine Ausnahme. Der erste buchfüllende biografische Versuch war eine Vorwärtsverteidigung, Schleyers Tätigkeit beim Zentralverband der Industrie für Böhmen und Mähren während des Zweiten Weltkriegs in mildem Licht darzustellen. Alte Kameraden Schleyers, die mit ihm nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei in der Verwaltung des "Protektorats" zusammengearbeitet hatten, beauftragten schon wenige Tage nach dem RAF-Mord den Sachbuchautor Hermann Marcus, der selbst in "unserer Prager Zeit persönlicher Referent des Landespräsidenten von Mähren" war. Er sollte Schleyers Leben "objektiv" würdigen.

Doch der Druck des fertigen Manuskripts wurde verhindert. Schleyers Witwe Waltrude legte ebenso ihr Veto ein wie Daimler-Chef Joachim Zahn und Eberhard von Brauchitsch, geschäftsführender Gesellschafter der Friedrich Flick KG, die damals mehr als 40 Prozent der Daimler-Aktien hielt.

Die in Auftrag gegeben Biografie erschien nie

RAF-Fahndungsplakat: Ahnunglose Entführer
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RAF-Fahndungsplakat: Ahnunglose Entführer

Die sachlichen Einwände betrafen wohl weniger die Schilderung der NS-Vergangenheit des Protagonisten. Widerspruch löste vielmehr die Beschreibung der Rivalität zwischen Schleyer und Zahn aus, die beide Mitte der sechziger Jahre an die Spitze des Daimler-Benz-Konzerns drängten, sowie die Behauptung des Autors, Schleyer sei als zweifacher Chef der Unternehmerverbände BDA und BDI "umstritten" gewesen, wenn nicht gar "gescheitert". Dem Verfasser und dem Verleger wurden die Buchrechte kurzerhand abgekauft, das Werk verschwand in der Versenkung.

Mochte das Projekt der Prager Kumpane aus deren Sicht gut gemeint gewesen sein, erschien die Veröffentlichung doch weder der Witwe noch der Daimler-Führung opportun. Die fanden es schon schlimm genug, dass ein linker Schriftsteller wie Bernt Engelmann in Archiven nach Belastungsmaterial fahndete, um die seinerzeit noch vagen Vorwürfe wegen Schleyers SS-Vergangenheit aufzuwärmen und womöglich zu untermauern. Da mussten sich die Schleyer-Apologeten doch nicht freiwillig aus der Deckung wagen.

Durch den Komment des pietätvollen Verschweigens, schreibt Hachmeister, komme "schnell der Verdacht auf, biografische Recherchen über Schleyer besorgten das Geschäft der Terroristen, indem posthum Ermittlungen gegen einen Mann angestellt würden, der in herausgehobenen Funktionen für die ,deutsche Kontinuität' im 20. Jahrhundert stand". Denn hinter Schleyers Biografie, so Hachmeister, verbirgt sich "die frappierende Geschichte des überzeugten NS-Aktivisten, der am Ende seines Lebens jungen linken Radikalen in die Hände fällt und von diesen hingerichtet wird".

"Vergröberungen und linke Wandersagen"

Symptomatisch für die Verschleierung ist die auffällige Lücke in Schleyers Lebenslauf, die das "Munzinger-Archiv", publizistische Standardquelle für deutsche Karrieren, vor 1977 offen ließ und auch heute noch offen lässt: "Hanns-Martin Schleyer wurde am 1. Mai 1915 in Offenburg in Baden als Sohn eines Richters geboren", heißt es dort: "Er studierte Rechts- und Staatswissenschaften und hat in Innsbruck zum Dr. jur. promoviert. 1951 trat Sch. beim Stuttgarter Automobilkonzern Daimler-Benz AG ein."

Nicht nur die 12 Jahre zwischen der Promotion und dem beruflichen Einstieg bei den schwäbischen Fahrzeugbauern lagen bislang weitgehend im Dunkeln. Blinde Flecken wiesen auch Jugend und Studienzeit Schleyers auf. Umso mehr wucherten "Vergröberungen und linke Wandersagen", die Hachmeister nun ohne denunziatorisches Gehabe mit Fakten teils widerlegt, teils detailgenau unterfüttert.

Als 15-Jähriger schloss sich Schleyer, aufgewachsen in einem national-konservativen Elternhaus, der Hitlerjugend an. Später brüstete er sich damit, dass er während seiner Schulzeit für seine "nationalsozialistische Gesinnung gegenüber einer Überzahl Andersdenkender" habe "einstehen" müssen.

"Ich bin alter Nationalsozialist und SS-Führer"

Lutz Hachmeister: "Schleyer. Eine deutsche Geschichte". Verlag C.H.Beck, München, 447 Seiten, 24,90 Euro

Lutz Hachmeister: "Schleyer. Eine deutsche Geschichte". Verlag C.H.Beck, München, 447 Seiten, 24,90 Euro

Noch ehe er sein Studium in Heidelberg aufnahm, trat er im Sommer 1933 in die SS ein, dann auch in die schlagende Verbindung "Suevia". Im Juli 1935 erklärte er öffentlich seinen Austritt aus der reaktionären Studentenverbindung, weil er nicht verstehen könne, "dass ein Corps aus der Auflage, zwei Juden aus der Gemeinschaft zu entfernen, eine Existenzfrage macht".

Mitglied der NSDAP wurde Schleyer 1937, vom selben Jahr an betätigte er sich als NS-Studentenführer in Heidelberg und später in Prag. Der Aufforderung, seinen Referendardienst anzutreten, begegnete Schleyer 1942 mit dem Argument, er habe Wichtigeres für die "Bewegung" und die Kriegswirtschaft zu tun: "Ich bin alter Nationalsozialist und SS-Führer."

Als Leiter des Präsidialbüros im Zentralverband der Industrie für Böhmen und Mähren betrieb Schleyer mit seinem Mentor Bernhard Adolf die "Germanisierung" der tschechischen Wirtschaft. Beiläufig räumt Hachmeister mit der sich hartnäckig haltenden Legende auf, Schleyer sei in Prag die "rechte Hand" des Holocaust-Organisators und stellvertretenden Reichsprotektors Reinhard Heydrich gewesen und mit ihm regelmäßig im offenen Wagen durch die Stadt gefahren.

Hassfigur für Linke und Terroristen

Nach Kriegsende und Internierungshaft, nachdem er als schlichter "Mitläufer" entnazifiziert worden war, setzte Schleyer seine Karriere reuelos fort. Neben seinem Aufstieg im Daimler-Benz-Konzern profilierte er sich als harter Haudegen in Tarifkämpfen, der 1963 erstmals während eines Streiks 300.000 Metallarbeiter in Baden-Württemberg aussperren ließ.

So wurde Schleyer, privat ein geselliger und trinkfester Kumpel, zur Galionsfigur des deutschen Kapitalismus und zum klassischen Feindbild der Linken - im RAF-Jargon "der fette Magnat der nationalen Wirtschaftscreme".

Der bullige Superbonze mit der Mensurnarbe im Gesicht war denn auch für seine Entführer eine Hassfigur, die sich die RAF nicht besser hätte ausdenken können: Einer, der geradlinig von einem System ins andere gewandert war und die Behauptung von der "faschistischen" Bundesrepublik zu belegen schien. Er verkörperte perfekt, was die 68er an der Generation ihrer Väter hassten: Schleyer hatte "zur mittleren Elite des NS-Staates" (Hachmeister) gehört und seine braune Vergangenheit stets verschwiegen.

Angereicherte Enthüllungen

Tatort der Schleyer-Entführung in Köln: Vom Ende bestimmte Erinnerung
DPA

Tatort der Schleyer-Entführung in Köln: Vom Ende bestimmte Erinnerung

Als die RAF-Terroristen ihr Opfer auswählten, wussten sie jedoch wenig mehr als das, was über Schleyer damals in linken Kreisen kursierte. Eine Quelle war Bernt Engelmanns 1974 veröffentlichter Schlüsselroman "Großes Bundesverdienstkreuz", in dessen Mittelpunkt der pfälzische Gummifabrikant ("Pegulan") Fritz Ries stand - Schleyers einstiger "Fuchsmajor" bei der "Suevia".

Hachmeister bestätigt weitgehend diese Angaben Engelmanns, der bei seinen Recherchen eifrig von der DDR-Staatssicherheit unterstützt worden war. Erst in einer Neuauflage 1986 lud Engelmann die NS-Laufbahn Schleyers mit allerlei falschen Behauptungen auf.

Zwar versuchten die Schleyer-Entführer im "Volksgefängnis" noch mehr aus ihrer Geisel herauszupressen. Sie ließen aber, wie der Terrorist Stefan Wisniewski später bekundete, bald von dem Vorhaben ab - wegen der "Befürchtung", dass Schleyer "nicht mehr austauschfähig" wäre, "wenn wir ihn weiter runtermachen". Ein Scheusal, erkannten die RAF-Leute, kann schwerlich als Faustpfand dienen.

Täter unter sich

In den Verhörversuchen drehte Schleyer denn auch den Spieß um und führte den Terroristen vor Augen, dass sie zur Erreichung kurzfristiger Ziele - hier: die Freipressung ihrer im Stammheimer Hochsicherheitsgefängnis einsitzenden Gesinnungsgenossen - dieselben brutalen Methoden anwandten, die sie an den Nazi-Vätern kritisierten. "Der Zusammenhang deutscher Geschichten", schrieb der Schriftsteller Friedrich Christian Delius 1997 in der "Zeit", "war plötzlich aufs Peinlichste hergestellt": "Das ehemalige Mitglied einer kriminellen Vereinigung" war "gefangen von Mitgliedern einer neuen kriminellen Vereinigung".

Diese Kontinuität empfand auch Außenminister Joschka Fischer. Als Zeuge im Prozess gegen das ehemalige RAF-Mitglied Hans-Joachim Klein sagte der einstige Frankfurter Straßenkämpfer: "Als ich las, wie die Ermordung Schleyers begründet wurde, hätte ich vor Wut fast heulen können. Das war die kalte Sprache der Mörder von Auschwitz und Sachsenhausen, das war deren Mordtechnik des Genickschusses."



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