Zensus-Proteste Die Lücken der Bevölkerungsstatistik
Die jüngste Volkszählung hat weit größere Fehler der amtlichen Einwohnerzahlen ergeben als bisher bekannt. Das zeigen Daten für jede der über 11.000 Gemeinden in Deutschland, die SPIEGEL ONLINE erstmals ausgewertet und veröffentlicht hat. Die Abweichungen reichen von -42 bis +230 Prozent.
Die Fehler scheinen umso größer zu werden, je genauer man hinschaut: Als das statistische Bundesamt Ende Mai die per Zensus festgestellten Einwohnerzahlen bekanntgab, wirkten die amtlichen Irrtümer noch überschaubar: 1,5 Millionen Menschen weniger hatte man zum Stichtag 9. Mai 2011 gefunden, als bis dahin von den statistischen Ämtern geführt worden waren. Ein passables Minus von 1,8 Prozent, wenn man bedenkt, dass seit der letzte Volkszählung vor 25 Jahren niemand mehr nachgezählt hatte.
Doch der Bundesdurchschnitt verdeckte bisher, wie gravierend die Unterschiede auf Ebene der 11.339 Gemeinden sind, die das Statistische Bundesamt zum Zensusstichtag in Deutschland führte: In über 250 Orten weicht die neue Einwohnerzahl um mehr als zehn Prozent von der alten amtlichen Ziffer ab. In immer noch gut 50 Gemeinden sind es sogar Fehler von mindestens 20 Prozent.
Dabei wurden sowohl deutlich weniger als auch deutlich mehr Bürger gezählt, als bisher erfasst waren. Minus-Spitzenreiter ist das niedersächsische Freistatt, das 42 Prozent seiner Bürger "verlor". Auf der positiven Seite kommt das rheinland-pfälzische Gemünd auf ein Plus von 230 Prozent. Dort sind nun 33 Einwohner amtlich, statt bisher nur zehn.
Extreme Abweichungen wie in Gemünd sind zwar die Ausnahme. Doch das Örtchen steht für einen Trend: Je kleiner die Gemeinde, desto wahrscheinlicher ist ein großer Fehler. Besonders deutlich wird das in Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein, deren fein gegliederte Gemeindelandkarten mit extremen Abweichlern gespickt sind.
Zahlenstarke Irrtümer gibt es aber nicht nur in kleinen Dörfchen. Unter den Gemeinden mit mindestens 1000 Einwohnern (laut Zensus) liegt die größte Minus-Abweichung immer noch bei 40 Prozent - und zwar für List auf Sylt, wo es auf einmal statt 2574 nur noch 1549 Einwohner gab. Und das Nordseebad Wangerooge hatte mit 1311 Insulanern plötzlich 46 Prozent mehr als vorher.
Ob Mini-Ansiedlung oder Großstadt, relevant sind die Abweichungen für alle: Denn nach der relativen Größe im Vergleich zu den anderen Orten im Land richtet sich der kommunale Finanzausgleich. Gemeinden mit Einwohner-"Verlusten" müssen teils schmerzhafte Einbußen hinnehmen.
Über 800 Bürgermeister haben deswegen bei ihrem Statistischen Landesamt inzwischen Widerspruch gegen das Zensus-Ergebnis eingelegt, besonders hoch ist ihr Anteil im Saarland. Bleibt die Beschwerde erfolglos, können die Gemeinden klagen. Einige sind schon jetzt dazu entschlossen. Sehr wahrscheinlich wird der Zensus schon bald vor Gericht gezerrt - zwei Jahre, nachdem er durchgeführt wurde.
Jede Einwohnerzahl gibt es mehrfach
Wie ist es möglich, dass ein Land wie Deutschland mit seiner Einwohnerzahl so sehr daneben liegt? Der Grund ist das komplizierte System, mit dem über die Bürger jeder Gemeinde Buch geführt wird: Seit der letzten Volkszählung (im Westen 1987, im Osten 1981) wurde das damalige Ergebnis nur noch um Änderungen fortgeschrieben: Neugeborene und Zuwanderer dazu addiert, Verstorbene und Emigranten abgezogen.
Ein Vierteljahrhundert lang summierten sich dabei etliche Fehler. Dass sie geschehen, ist kein Wunder, denn in Deutschland gibt es am Tag etwa 40.000 Meldevorgänge, die sich auf die Fortschreibung auswirken.
Und diese Fortschreibung wird nicht vor Ort gemacht, wo die Menschen wohnen. Sondern für jede der über 11.000 Gemeinden im statistischen Amt des jeweiligen Landes. Damit gibt es jede Gemeindezahl doppelt, denn die Kommunen führen eine eigene Zahl in ihren Melderegistern, zum Beispiel beim Bürgeramt. Die Registerwerte sind zwar irrelevant für den Finanzausgleich. Aber die gesamte Kommunalplanung basiert auf ihnen.
Deutschland, so fordern inzwischen einige Statistiker, braucht ein einfacheres System, um seine Einwohnerziffer zu führen. Denn neben den drei existierenden Bevölkerungszahlen - aus kommunalem Melderegister, der amtlichen Fortschreibung und dem Zensus - interessiert sie eine bisher unbekannte vierte: die Wahrheit.
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- Björn Schwentker ist Wissenschafts- und Datenjournalist, der sich auf Themen der Demografie spezialisiert hat. Er ist unter anderem freier Mitarbeiter für das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock, arbeitet für SPIEGEL ONLINE aber unabhängig davon als freier Journalist. Seine Beiträge hier geben nicht die Sichtweise des Instituts wieder. Die Ergebnisse seiner Recherchen finden sich auch in seinem Blog.
Nicole Sturz
Datenlese schafft neue Zusammenhänge in Wissenschaft und Politik. Wir bergen Datenschätze der digitalen Welt und erzählen ihre Geschichten - ein Experiment.
Hier bloggen Christina Elmer, Kurt Jansson, Nicola Kuhrt, Friedrich Lindenberg und Maximilian Schäfer.
Die Zensusdatenbank: Ergebnisse des Zensus 2011 aus verschiedenen Themenbereichen.
Die Zensuskarte: Ausgewählte Ergebnisse auf einer Gemeindekarte, entwickelt von OpenDataCity für die Bundeszentrale für politische Bildung.
Das registergestützte Verfahren beim Zensus: Ausführliches Methoden-Papier des Statistischen Bundesamtes.
Vier verschiedene Modelle
- Der jüngste Zensus stellte zum Stichtag 9. Mai 2011 eine Einwohnerzahl für jede der gut 11.000 Gemeinden in Deutschland fest. Er vereinte dazu in einem komplizierten Methoden-Mix verschiedene, in sich jeweils fehlerhafte Bevölkerungsdatensätze und korrigierte sie durch Nachzählen vor Ort. Das aktuelle Zensusergebnis wurde am 31. Mai 2013 bekannt gegeben und wird wenige Monate später zur neuen amtlichen Einwohnerzahl, sofern Widersprüche und Klagen es nicht verhindern.
- Die aktuelle amtlich Einwohnerzahl (Fortschreibung) jeder Gemeinde wird monatlich bestimmt. Nicht von der Gemeinde selbst, sondern vom jeweiligen Statistischen Landesamt. Dort zählt man dem Ergebnis der letzten Volkszählung laufend Geburten und Einwanderer hinzu, Sterbefälle und Auswanderer zieht man ab. Die einzelnen Vorfälle für diese „Fortschreibung“ liefern die Kommunalverwaltungen ständig an die Landesämter. Zwischen den Volkszählungen häufen sich zum Teil erhebliche Fehler in der Fortschreibung an. Die amtliche Einwohnerzahl bestimmt den kommunalen sowie den Länderfinanzausgleich und die Regelungen von ca. 50 weiteren Gesetzen.
- Jede Gemeinde führt eine eigene Einwohnerzahl im Melderegister ihrer Kommunalverwaltung. Sie weicht zum Teil erheblich von der Fortschreibung oder dem Zensusergebnis ab. Sie ist irrelevant für die Finanzausgleiche, aber maßgeblich für die gesamte kommunale Planung, z.B. von Straßen, Kindergärten oder Schulen. Die Gemeinden können ihre Registerzahlen selbst korrigieren, aber es ist aus Datenschutzgründen durch das so genannte „Rückspielverbot“ seit 1983 verboten, die Register um Karteileichen und zusätzliche Bewohner zu bereinigen, die bei einer Volkszählung gefunden wurden.
- Die Wahrheit: Die tatsächliche Einwohnerzahl ist unbekannt. Das steht sogar in der Gesetzesvorgabe des Zensus 2011. Letztlich heißt das: Egal welche Einwohnerzahl man nimmt, alle sind fehlerhaft. Die Macher des Zensus beanspruchen allerdings für ihre Zählmethode, dass sie den kleinsten Fehler macht.
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Man kann den Eindruck gewinnen,die Gemeinden ernähren sich finanziell nur per Pro-Kopf-Einkommen mittels Länderfinanzausgleich! Statt zu motzen,sollten sie es als Grund zum wirklichen Sparen erachten und nutzen !!!