Volkszählung Statistiker verheimlichten schlechte Datenqualität

Zensusopfer Köln: Stichproben waren offenbar zu klein gewählt
DPA

Zensusopfer Köln: Stichproben waren offenbar zu klein gewählt


Bislang galt die Qualität der Volkszählung gerade in deutschen Großstädten als vorbildlich. Nun belegen Fehlerdaten der Stadtbezirke das Gegenteil. Brisant: Das Statistische Bundesamt hielt diese Daten zurück.

Die Stichprobenfehler gelten als wichtiges Qualitätskriterium der Volkszählung 2011. Sie besagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Ergebnis der Stichproben ermöglicht, die tatsächliche Einwohnerzahl zu benennen. Frühere Recherchen von SPIEGEL ONLINE hatten gezeigt, dass die Fehler in den Gemeinden den gesetzlichen Grenzwert von 0,5 in der Mehrheit der Fälle überschreiten.

Immer mehr Kommunen ziehen inzwischen gegen den Zensus vor Gericht, weil sie seiner Methode misstrauen und sich durch zu niedrige Einwohnerzahlen benachteiligt fühlen. Für solche Gemeinden sind die Fehlerwerte ihrer Stichprobe und damit die Zuverlässigkeit der Volkszählung klagerelevant.

In den größten deutschen Städten, wie etwa in Berlin oder Hamburg, schien die Qualität der Stichprobe bisher hervorragend zu sein, obwohl es dort massive Abweichungen des Zensus von der alten amtlichen Einwohnerzahl gab: In jeder der 15 größten Metropolen blieb der Stichprobenfehler für das gesamte Stadtgebiet unter der Marke von 0,5.

Jetzt ergibt sich ein ganz anderes Bild - die einzelnen Abweichungen sehen Sie hier:

Bislang verschwiegen: Fehlerdaten per Stadtbezirk
Beispiel I: Ganz Köln
Während der Stichprobenfehler für die ganze Stadt mit 0,42 komfortabel unter der gesetzlichen Marke lag, schießt er tatsächlich in allen fünf Kölner Zensusbezirken deutlich darüber hinaus. Dass die Fehlerwerte für die gesamten Großstädte klein, für deren Stadtteile aber ziemlich groß sind, ist eine mathematische Eigenart der Statistik. Selbst wenn die Stichprobe mangelhaft ist, sinkt ihr Fehlerwert mit wachsender Bevölkerungsgröße der Stadt.
Beispiel II: Köln, rechtsrheinisch
Eins der Gebiete - es entspricht dem rechtsrheinischen Bezirk Mülheim sowie den Stadtteilen Deutz und Kalk - stellt mit einem Fehler von 1,44 sogar einen neuen deutschen Negativrekord auf. Er bedeutet: Die Hochrechnung ergab hier zwar rund 180.000 Einwohner, mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit kann man aber lediglich davon ausgehen, dass die wahre Zahl der Kölner in diesem Zensusbezirk irgendwo zwischen 175.000 und 185.000 liegt. Die mögliche Abweichung umfasst also mehr Menschen, als manche Stadtteile dieses Bezirks überhaupt Einwohner haben.
Beispiel III: Berlin und München
Berlin, bisher Spitzenreiter unter den Stichproben-Städten mit dem niedrigsten Gesamtfehler, steht nun ebenfalls viel schlechter da: Zwei von zwölf Bezirken reißen die gesetzliche Qualitätslatte. Auch München ist tatsächlich in fünf von sieben Bezirken schlechter, als das Gesetz vorgibt. Im finanziell stark durch die Zensus-"Verluste" getroffenen Hamburg sieht es ähnlich aus.
Die Großstädte ziehen auch die Gesamtnote für Deutschland in den roten Bereich: Auf Basis der bisherigen Werte für die kompletten Stadtgebiete hatte die amtliche Statistik stets behaupten können, der bundesweite Mittelwert der Stichprobenfehler sei im gesetzlichen Rahmen. Nun aber liegt auch dieser über der Grenze - und insgesamt haben 63 Prozent aller Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern eine Stichprobe, die schlechter ist als die gesetzliche Vorgabe.

Das Statistische Bundesamt will nichts Schlimmes daran finden, die Stichprobenfehler der Stadtbezirke für sich behalten zu haben. Sie seien für die öffentliche Debatte nicht relevant gewesen und auch zu kompliziert, schreibt das Amt in einer schriftlichen Stellungnahme. Den Gemeinden enthielt es damit aber wichtige Informationen vor, mit denen sie ihre Klagen gegen den Zensus begründen könnten.

Stichprobenfehler in Städten und Stadtteilen

Björn Schwentker

Auch auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE reagierte das Statistische Bundesamt erst nicht. Das änderte sich erst, als wir einen Antrag mit Hilfe des Informationsfreiheitsgesetzes stellten, mit dem Bürger ihr Auskunftsrecht gegenüber Bundesbehörden durchsetzen können.

Die Daten erreichten uns als zwei unhandliche PDF-Tabellen, die gegen Weiterverarbeitung und Kopieren geschützt waren. Man wisse ja nie, wer mitlese, und habe die Daten schützen wollen, begründet das Amt sein Vorgehen. Das Bundesamt gibt damit dem Vorwurf der Gemeinden neue Nahrung, die amtliche Statistik sei intransparent und behindere willentlich die Aufklärung des Zensus-Verfahrens. SPIEGEL ONLINE stellt die Fehlerdaten nun offen zum Download zur Verfügung.

Melderegister der Kommunen sollen schuld sein

Die hohen Stichprobenfehler sind für die statistischen Ämter unangenehm. Jeder Fehlerwert über 0,5 bedeutet: Hier hätten mehr Menschen befragt werden müssen, um den gesetzlichen Qualitätsanspruch zu erfüllen. Insbesondere in den großen Städten wurde ein viel kleinerer Bevölkerungsanteil von Zählern besucht als die bundesdurchschnittlichen zehn Prozent. Die Stichproben, so scheint es, waren mehrheitlich zu klein gewählt.

Dem widerspricht man im Statistischen Bundesamt nicht. Allerdings könne man nichts dafür. Wo die Stichprobenfehler hoch sind, liege das an den zu schlechten Melderegistern der Kommunen. Allerdings hatten die Statistischen Ämter bereits 2001 ausführliche Tests gemacht, um die Güte der Melderegister einzuschätzen.

Damit lag man wohl gründlich daneben, wie eine amtliche Zensus-Studie am Beispiel Wiesbadens zeigt: Vor der Zählung war man für die Stadt von einer exzellenten Stichprobe ausgegangen mit einem Mini-Fehler von 0,13 - obwohl man nur drei Prozent der Bevölkerung befragen wollte. Tatsächlich ergab der Zensus den fünffachen Fehlerwert, nämlich 0,69, klar jenseits der gesetzlichen Grenze.

Wären mehr Deutsche befragt worden, wäre der Zensus besser gewesen. Auf Anraten des Statistischen Bundesamtes hatte sich die Politik aber schon vor Jahren entschieden, nur wenige Interviewer loszuschicken. Eine größere Stichprobe wäre teurer gewesen. Ein Plus an Qualität, das man sich offenbar nicht leisten wollte.

Deutschlands Einwohnerzahlen - die vier verschiedenen Modelle
Zensus
Der jüngste Zensus stellte zum Stichtag 9. Mai 2011 eine Einwohnerzahl für jede der gut 11.000 Gemeinden in Deutschland fest. Er vereinte dazu in einem komplizierten Methoden-Mix verschiedene, in sich jeweils fehlerhafte Bevölkerungsdatensätze und korrigierte sie durch Nachzählen vor Ort. Das aktuelle Zensusergebnis wurde am 31. Mai 2013 bekannt gegeben und wird wenige Monate später zur neuen amtlichen Einwohnerzahl, sofern Widersprüche und Klagen es nicht verhindern.
Fortschreibung
Die aktuelle amtlich Einwohnerzahl (Fortschreibung) jeder Gemeinde wird monatlich bestimmt. Nicht von der Gemeinde selbst, sondern vom jeweiligen Statistischen Landesamt. Dort zählt man dem Ergebnis der letzten Volkszählung laufend Geburten und Einwanderer hinzu, Sterbefälle und Auswanderer zieht man ab. Die einzelnen Vorfälle für diese „Fortschreibung“ liefern die Kommunalverwaltungen ständig an die Landesämter. Zwischen den Volkszählungen häufen sich zum Teil erhebliche Fehler in der Fortschreibung an. Die amtliche Einwohnerzahl bestimmt den kommunalen sowie den Länderfinanzausgleich und die Regelungen von ca. 50 weiteren Gesetzen.
Melderegister
Jede Gemeinde führt eine eigene Einwohnerzahl im Melderegister ihrer Kommunalverwaltung. Sie weicht zum Teil erheblich von der Fortschreibung oder dem Zensusergebnis ab. Sie ist irrelevant für die Finanzausgleiche, aber maßgeblich für die gesamte kommunale Planung, z.B. von Straßen, Kindergärten oder Schulen. Die Gemeinden können ihre Registerzahlen selbst korrigieren, aber es ist aus Datenschutzgründen durch das so genannte „Rückspielverbot“ seit 1983 verboten, die Register um Karteileichen und zusätzliche Bewohner zu bereinigen, die bei einer Volkszählung gefunden wurden.
Die Wahrheit
Die tatsächliche Einwohnerzahl ist unbekannt. Das steht sogar in der Gesetzesvorgabe des Zensus 2011. Letztlich heißt das: Egal welche Einwohnerzahl man nimmt, alle sind fehlerhaft. Die Macher des Zensus beanspruchen allerdings für ihre Zählmethode, dass sie den kleinsten Fehler macht.

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26 Leserkommentare
klfm01 15.12.2013
wurzelbär 15.12.2013
ego_me_absolvo 15.12.2013
warkeinnickmehrfrei 15.12.2013
Quetzal2012 15.12.2013
baubroiler1 15.12.2013
Quetzal2012 15.12.2013
Quetzal2012 15.12.2013
Newspeak 15.12.2013
shardan 15.12.2013
butalive76 15.12.2013
omarius 15.12.2013
Lord Chester 15.12.2013
nick999 15.12.2013
hausaffe_ 15.12.2013
Ex-Kölner 15.12.2013
kj.az 15.12.2013
undeutscher Deutscher 15.12.2013
lospi 15.12.2013
jj2005 15.12.2013
bundeserbsenzähler 15.12.2013
EuroTanic 15.12.2013
Robert A. C. 15.12.2013
mukundu 16.12.2013
duerenkommentiert 17.12.2013
alline 24.01.2014

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