Antisemitismus in Deutschland "Warum gibt es keine Welle der Solidarität mit uns Juden?"

Der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert mehr Unterstützung gegen Antisemitismus. Juden fühlten sich von ihren Mitmenschen allein gelassen: "Wir sind betroffen und wir sind getroffen."

Dieter Graumann: "Warum gibt es keine Welle der Solidarität mit uns Juden?"
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Dieter Graumann: "Warum gibt es keine Welle der Solidarität mit uns Juden?"


Berlin - Der Zentralrat der Juden beklagt angesichts der jüngsten judenfeindlichen Parolen in Deutschland eine fehlende Unterstützung der Zivilgesellschaft. "Warum gibt es keine Welle der Solidarität mit uns Juden angesichts der Welle von Antisemitismus?", sagte der Vorsitzende Dieter Graumann der "Rheinischen Post". Seine Kritik richtet sich gegen eine Vielzahl von judenfeindlichen Äußerungen, die es in den vergangenen Tagen und Wochen bei Demonstration gegen die israelische Militäroffensive im Gaza-Streifen gegeben hatte.

Ausdrücklich nahm Graumann die Kirchen und politischen Eliten von seiner Kritik aus. Diese hätten sich vorbildlich positioniert, von ihren Mitmenschen fühlten sich die jüdischen Bürger jedoch allein gelassen.

In den vergangenen Tagen hatten zahlreiche Spitzenpolitiker klar gegen Antisemitismus Position bezogen. Bundespräsident Joachim Gauck hatte etwa angesichts der antisemitischen Parolen mehr Zivilcourage verlangt. "Ich möchte alle Deutschen und alle Menschen, die hier leben, auffordern, immer dann ihre Stimme zu erheben, wenn es einen neuen Antisemitismus gibt, der sich auf den Straßen brüstet", sagte Gauck.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte die antisemitischen Slogans als "Angriff auf Freiheit und Toleranz" und auch als "Versuch, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zu erschüttern". Ähnlich äußerte sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier.

Solche Worte vermisst Graumann offenbar von vielen Normalbürgern. Hunderte Juden hätten schon beim Zentralrat nachgefragt, ob sie hierbleiben sollten oder die Koffer packen müssten. "Wir sind betroffen und wir sind getroffen", sagte Graumann. "Wenn auf deutschen Straßen gegrölt wird, dass Juden vergast, verbrannt, geschlachtet werden sollen, dann hat das mit Gaza und israelischer Politik sicherlich überhaupt nichts zu tun."

ulz/dpa

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